Die Opfer eines sexuellen Missbrauchs bezeichnen sich heute oft als Überlebende. Das ist sicher gut so. Es liegt sicherlich im Interesse der eigenen Heilung, wenn Überlebende nicht lebenslang „Opfer“ bleiben, auch wenn die Folgen des Missbrauchs gravierend sind: Überlebende haben mehr Angst und Schmerz erlebt, als sie verarbeiten konnten, sie leiden oft noch lange nach dem Ereignis oder der Phase des Missbrauchs an Flashbacks, Panikattacken oder Dissoziationen. Viele von ihnen mögen ihren eigenen Körper nicht, ihre Sexualität ist oft nachhaltig beeinträchtigt. Spätere Partnerschaften können durch sexuelle und andere Probleme sehr belastet sein. Insgesamt wiegen die folgen ähnlich schwer wie bei Folteropfern, und sexueller Missbrauch IST eine Folter. Oft wird der Missbrauch lange verdrängt, nach der Aufdeckung können sich die Symptome verschlimmern, und sehr oft geht es ohne eine professionelle Therapie nicht. Es gibt mittlerweile ausgearbeitete Traumatherapie-Konzepte für die Überlebenden, die Nachhaltigkeit des Therapieerfolges scheint mir jedoch schwer überprüfbar.

Auch die Lebenspartner von Überlebenden brauchen Hilfe. Viele von ihnen überfordern mit ihren Wünschen nach Sexualität, kontinuierlicher Nähe und Intimität den Überlebenden. Viele überfordern auch sich selbst. Der Partner steht im Dilemma zwischen seinen eigenen Wünschen und der Rücksichtnahme auf die oft ganz anderen Bedürfnisse des Überlebenden. Manchen wird es zu schwer, und sie verlassen die Partnerschaft. Schlüssige Konzepte für die Einbeziehung der Partner in die Therapie von Überlebenden gibt es kaum. Und dies wäre meiner Meinung nach eine Herausforderung: Die Bewältigung des Trauma mit dem Aufbau einer gesunden Sexualität zu verbinden, sofern beide Partner das wollen.

Die Täter kommen zum großen Teil aus dem familiären Umfeld, oft Väter, Stiefväter oder Brüder. Sie werden nach Aufdeckung meist öffentlich wie Monster angeprangert. Eigentlich weiß man wenig über sie, einige von ihnen sind wirklich pädophil oder „deviant“, andere sind es nicht, und abgesehen von der scheußlichen Tat „ganz normal“. Die Gesellschaft scheint ratlos: Es erscheint selbstverständlich, den Täter lebenslang wegzusperren, doch was ist dann? Wir wissen wenig über die Täter, viele leugnen die Tat, zum Teil trotz eindeutiger Beweise, ganz wenig wissen wir über die Motive. Nur wenige wollen mit den Tätern therapeutisch arbeiten, sie werden aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Wir wissen also nicht, was wir mit den Tätern anfangen sollen, außer sie einzusperren. Menschen, die Kinder sexuell missbrauchen, hat es jedoch zu allen Zeiten gegeben, trotz schwerer Strafen, bis hin zur Todesstrafe.

Dann gibt es noch die Unterstützer und Mitwisser. Nachbarn, die dem Vater beim Missbrauch assistieren, Mütter, die vom Missbrauch durch Väter oder Brüder wissen, es dulden, oder zumindest nicht wahrhaben wollen, wenn das Kind vom Missbrauch erzählt. Oft sehr oft hat ein Kind, das chronisch sexuell missbraucht wird, keinen Ansprechpartner - wenn sich dies ändern ließe, wäre es ein erster Schritt zur Prävention: Baldiger Stopp eines im Vorfeld befindlichen oder begonnen Missbrauchs.

Ich denke, wir sollten mehr über das Thema Missbrauch wissen, nicht nur wir Ärzte und Therapeuten, nein, wir alle. Und wir sollten in geeigneter Weise mehr öffentlich darüber sprechen. Es ist gut, wenn die Beteiligten, zumindest die Überlebenden und ihre Partner, die Möglichkeit haben, sich in einem geschützten Rahmen mitzuteilen, und wenn sie von möglichst vielen gehört werden, vielleicht unter dem Schutz der Anonymität. Vielleicht wäre das ein Beitrag dazu, den Überlebenden, ihren Partnern und Familien wirksam zu helfen. Sie brauchen es.

Zu meiner Person: Ich bin Arzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, und daher auch beruflich an diesem Thema interessiert. Weitere Einzelheiten zu mir: siehe Profil.


PS: Es gibt Foren zum Thema „Missbrauch“ hier in PN, die Struktur von PN bedingt, dass es zu wichtigen Themen mehrere Foren geben kann, das muss ja nicht nur von Nachteil sein. Das jüngste davon hat Katharina „Sonne“ kürzlich gegründet .(http://www.platinnetz.de/forum/21471/missbrauch-in-der-kindheit-und-seine-folg),dort finden sich auch Links zu den Übrigen. Ich würde mich freuen einige interessierte Leser in Katharinas Forum wieder zu treffen.