Wie fast jeden Morgen stand ich auch heute mal wieder an meiner „Lieblingsampel“ und wartete darauf, dass sie endlich grün wurde, als ich von hinten ein Röhren vernahm und neben mir auf der zweiten Spur ein lilaner Porsche 911 nach einer Vollbremsung mit leicht qualmenden Reifen zum Stehen kam. Ich schaute hinüber und sah hinter dem Lenkrad eine Frau um die 40 mit langen lockigen rotbraunen Haaren. Sie klappte die Sonnenblende mit dem integrierten Spiegel herunter und begann ihre Wimpern zu tuschen. Kurz bevor die Ampel auf grün umsprang, warf sie die Wimperntusche auf den Beifahrersitz, schaute kurz mit ernstem Gesicht zu mir herüber und kaum war die Ampel grün, startete sie mit leicht durchdrehenden Rädern, gab Gas und war Sekunden später aus meinem Blickfeld verschwunden.
Das gleiche Schauspiel wiederholte sich in den kommenden Wochen immer wieder. Ich sah zu ihr herüber und lächelte und wenn sie tatsächlich mal einen Blick riskierte, blickte ich in ein undurchdringliches starres Gesicht.
Eines Morgens stand sie wieder neben mir und fummelte am Ausschnitt Ihres Tops herum. Sie schaute herüber und bemerkte, dass ich sie beobachtet hatte. Wütend trat sie aufs Gaspedal, als die Ampel grün wurde, und ließ zu schnell die Kupplung kommen … der Motor starb ab und der Porsche hoppelte noch ein paar Meter weiter, bis er mitten auf der Kreuzung zum Stehen kam. Lässig winkend fuhr ich an ihr vorbei und grinste unverschämt.
Auch am folgenden Morgen stand sie wieder neben mir, sie malte ihre Lippen mit einem knallroten Lippenstift an. Ich schaute hinüber und sie schaute herüber … in diesem Moment entglitt ihr der Lippenstift und quer über ihre rechte Wange zog sich ein roter Strich.
Wie jeden Morgen, war ich auch heute wieder frühzeitig zur Arbeit gefahren und hatte es gar nicht eilig. Ich war gerade auf die Autobahn aufgefahren, als ich gut 200 Meter vor mir am rechten Straßenrand einen lilanen Porsche stehen sah. Ich verlangsamte die Fahrt und hielt kurz hinter dem Porsche auf dem Seitenstreifen an und schaltete die Warnblinkanlage ein. Die Frau stand hinter ihrem Auto und schrie, wild gestikulierend in ihr Handy hinein. Ich stieg aus, ging auf die Frau zu und fragte, ob ich helfen könnte. „So ein Mist! Wenn ich es mal brauche, funktioniert es nicht …!“ Erst jetzt bemerkte sie mich, starrte mich an und Sekunden später antwortete sie: “Ach, sie schon wieder. Sie haben mir gerade noch zu meinem Glück gefehlt!“ „Ist was mit dem Wagen?“ fragte ich. „Der Tank ist leer … sehen sie doch!“ schnauzte sie mich an. `Blöde Zicke` dachte ich, woher sollte ich wissen, dass sie kein Benzin mehr hatte. In diesem Augenblick näherte sich ein weiß-grünes Auto … mit Blaulicht und hielt hinter uns an. „Jetzt wird’s teuer!“ murmelte ich leise, „Und halten sie besser ihre vorlaute Klappe!“ Die beiden Polizisten waren gerade aus ihrem Auto ausgestiegen und kamen auf uns zu. Kurz entschlossen ging ich auf sie zu und redete leise mit ihnen. Die Beiden schauten sich kurz an, gingen zu ihrem Fahrzeug zurück und Sekunden später rasten sie mit quietschenden Reifen, Blaulicht und Sirene davon.
„Was ist denn hier los?“ fragte sie, weniger mich als sich selbst. „Sie holen Benzin!“ antwortete ich lapidar. „Sie holen Benzin?“ rief sie hinter mir her, während ich das Warndreieck aufstellte. Es war deutlich zu sehen, dass sie gerade ihr Gehirn eingeschaltet hatte … sie dachte angestrengt nach … „Was haben sie denn gesagt? Ich meine … zu den Polizisten.“ „Nichts Besonderes!“ antwortete ich leicht gelangweilt wirkend. Und dann machte ich erst noch eine kleine Kunstpause. „Ich habe ihnen erzählt, dass wir uns heute verloben, dass wir es furchtbar eilig haben und auf dem Weg zum Juwelier sind, um die Verlobungsringe abzuholen … und dass die Tankuhr im Porsche wohl defekt ist.“ Sie starrte mich an mit entsetzten Augen und versuchte das soeben Gehörte erst einmal zu verdauen. „Was haben sie gesagt? Das glaube ich doch nicht! Sie sind doch nicht ganz …!“ Der Rest des Satzes ging im Heulen der Polizeisirene unter. Der Polizeiwagen stoppte wieder hinter uns. Die beiden Polizisten sprangen aus dem Wagen, einer trug den Reservekanister. Im Nu waren sie am Porsche, öffneten den Tankdeckel und gossen die 5 Liter in den Tank. Als sie fertig waren, hörte ich nur ein „Mist!“, dann „jetzt habe ich kein Geld dabei!“ Ungeschickt kramte sie in ihrem Geldbeutel herum. „Wieviel Geld haben sie denn noch?“ fragte ich vorsichtig. „Das geht sie gar nichts …!“ Sie unterbrach den Satz. „Noch 5 Euro!“ knurrte sie. „Dann geben sie mir die 5 Euro!“ Sie reichte sie mir unsicher, während ich aus meinem Geldbeutel einen Zehner herauszog und die 15 Euro den Polizisten reichte. „Tun sie den Rest in die Kaffeekasse … und vielen Dank!“ sprach ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Die Polizisten steckten das Geld ein, bedankten sich ihrerseits und gingen zu ihrem Fahrzeug. Auf halbem Wege drehte sich der eine Polizist noch einmal um. „Und viel Glück … und vergessen sie nicht, mal in die Werkstatt zu fahren!“ „Danke!“ antwortete ich, „Wir fahren gleich morgen in die Werkstatt!“. Die Polizisten stiegen in ihr Auto und fuhren winkend davon.
Die Frau stand hinter ihrem Auto, schaute mich an und murmelte „Danke!“. „Nicht der Rede wert, gern geschehen!“ antwortete ich lächelnd, „Wenn sie mir jetzt noch ein kleines Lächeln geschenkt hätten, wäre es ein schöner Morgen gewesen …!“ Sie überlegte kurz und sagte nun, aber deutlich lauter „Danke!“ und ein erstes leichtes Lächeln kam über ihre Lippen. „Sehen sie, so sehen sie schon viel freundlicher aus und nicht mehr so garstig! Ich wünsche ihnen einen schönen Tag!“ Ich drehte mich um und ging zu meinem Auto. Ich hatte gerade das Warndreieck im Kofferraum verstaut, als ich ihre Stimme hörte. Sie stand direkt hinter mir. „Es … es … es tut mir leid! Ich hatte kein Recht so unfreundlich zu ihnen zu sein. Ich … ich möchte mich entschuldigen!“ „Schon gut!“ erwiderte ich, „Und vergessen sie nicht das Lächeln!“ „Wie heißen sie überhaupt?“ Ich zog eine Visitenkarte aus meiner Jacke und reichte sie ihr. „Name steht drauf … und meine Telefonnummer, falls sie mal Lust auf einen Plausch haben.“, sagte ich und grinste leicht. Sie nahm die Karte, wir verabschiedeten uns und fuhren davon.
Drei Tage später saß ich abends an meinem Schreibtisch und schaute die Post durch, als plötzlich das Telefon läutete. Im Display sah ich eine Nummer, die ich nicht kannte. In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich seit jenem Vorfall auf der Autobahn „meine zickige Lady“ morgens nicht mehr gesehen hatte. Ich nahm den Hörer ab und meldete mich mit meinem Namen. Dann passierte erst mal gar nichts, nur Ruhe und Schweigen … und dann „Hier ist Miriam!“ „Miriam?“ fragte ich und tat so, als wüsste ich nicht, wer auf der anderen Seite der Leitung am Apparat war. Natürlich wusste ich es sofort. „Ja, ich bin die Frau von der Autobahn …!“ Wir kamen schnell ins Gespräch, sie erzählte, dass sie an jenem Morgen Stress mit ihrem Freund hatte und noch dies und jenes. Das Ergebnis des Telefonats war, dass wir uns für zwei Tage später zum Kaffee verabredeten.
Zwei Tage später war ich schon frühzeitig am verabredeten Ort. Es war angenehm warm, wunderschönes Wetter und als sie endlich kam und ich ihr Lächeln sah, wurde aus einem normalen Tag ein wunderschöner Tag! Wir redeten, tranken eine Tasse Kaffee nach der anderen und vergaßen völlig die Zeit. Dieser Tag, diese Begegnung war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Drei Tage später trennte sie sich von ihrem Yuppie-Freund und seinem lilanen Porsche und schickte ihn in die Wüste.
Heute morgen standen wir wieder einmal nebeneinander vor der Ampel. Ich hatte sie schon gehört, bevor ich sie sah. Ihr dreizehn Jahre alter VW-Golf Diesel knatterte noch lauter als sonst. Als ich zurückschaute, sah ich auch warum. Der Auspuff war abgerissen und schleifte nun über den Asphalt. Sie hielt direkt neben mir und lächelte zu mir herüber. Ich lächelte zurück und plötzlich, es war wohl Gedankenübertragung, lachten wir beide lauthals los. Wir dachten beide an jenen Tag auf der Autobahn zurück … und an die verrückte Geschichte, die ich den beiden Polizisten erzählt hatte. Verlobt sind wir „immer noch nicht“ … aber heute Abend, Miriam formte aus ihren Fingern eine 8 und ich nickte nur, werden wir aus einem verregneten Tag einen wunderschönen Abend machen, in unser Lieblingskino gehen, uns Richard Gere und Diane Lane in „Das L ä c h e l n der Sterne“ anschauen und danach … wer weiß …
Meine süße kleine „Zicke“ hat mir ein Lächeln geschenkt und plötzlich war nichts mehr, wie es mal war!!!!!
Die Zicke und das Lächeln
Fast jeden Morgen das gleiche Szenario: ein lila-farbener Porsche, eine schlecht gelaunte hochnäsige Zicke und Antworten auf die Frage, was man mit dem Spiegel in der Sonnenblende eines Autos so alles machen kann .....
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