Immer das Gleiche, wenn meine Mutter und sei es nur für einen Tag weg fuhr,der Kofferraum war voll.
Sie wollte auf jede nur erdenkliche Situation vorbereitet sein,zumindest was die Garderobe betraf.
Der gesamte Kleider und Schuhschrank wurde eingepackt, vom Gummistiefel über das große Schwarze, in das Kleine paßte sie nämlich nicht mehr rein, bis hin zum Schneeanzug.

Für mich blieb da nur der Hohlraum zwischen Wagenheber und Ersatzreifen.

Mein Vater war diesbezüglich eher anspruchslos,Hauptsache seine Zigaretten und seine neueste Errungenschaft,die Schmalspurkamera waren mit von der Partie.
Dieses Heiligtum durfte auch nur er bedienen, was zur Folge hatte,daß nur er eine Sehenscheidenentzündung bekam und nur er mit einer gebrochenen Schulter im Krankenhaus behandelt wurde.
Damals war es schlichtweg das Prestigeobjekt schlechthin und wer was sein wollte gönnte sich eine 8 mm.
Größe und gewicht entsprachen in etwa der heutigen Profi- Teleskope einer Sternwarte.

Also mußte ich mir den eh schon knapp bemessenen Platz mit seiner Kamera teilen,wobei die Kamera eindeutiger Sieger blieb.

Mich kotzte sowieso alles an, der einzigste Lichtblick für dieses trübe Wochenenende, war Heike die Tochter eines befreundeten Ehepaares und meine beste Freundin.

Sie,wir und ca 10 weitere Paare waren zu einer Einweihungsparty auf dem flachen Land eingeladen.
Freunde meiner Eltern hatten sich dort ein Wochenendhaus errichtet und nun mußten die Spät 68 er zeigen, was sie noch drauf hatten.

Alleine daheim bleiben,war nicht,also mußten wir trotz langer Gesichter ,mit.

Das Häuschen entpuppte sich als halbe Clubanlage mit Pool, Sauna, Kaminzimmer, Grillplatz und dem Himmel sei Dank, einem eigenen Zimmer für Heike und mich.

Die Erwachsenen waren so mit sich beschäftigt,daß wir weitgehend unsere Ruhe hatten.
Lediglich mein Vater ging uns mit seiner Filmerei auf die Nerven.
Alles was sich bewegte wurde gnadenlos aufgenommen und es gab kein Plätzchen an dem man vor ihm sicher war.
Die Qualität seiner Filmerei ging jedoch stark in die Richtung: Gruselschocker ala Hitschcok.

Es wurde gefeiert,daß den Kühen auf der Nachbarweide die Milch in den Euter gerann.
Das Dorf hatte seinen ersten Skandal. Nichts mit Schuhplattler und Volksmusik, Negermusik hörten diese Städter und wer weiß , was die sonst noch so alles trieben.

Der Bürgermeister höcchstpersönlich kam vorbei um die Situation ein zu schätzen und dem aufgebrachten Volk Bericht zu erstatten.

Wer dann auf die Idde kam den " Dorfdeppen " einen Besuch abzustatten, konnte später nicht mehr nach vollzogen werden.

Tatsache ist, die Bande fiel in die einzige Wirtschaft am Ort ein.
Vorneweg mein Vater mit seiner geschulterten Kamera.

Damals gab es erst ARD und ZDF, von einem dritten Programm konnten nur Visionisten,Verrückte oder Drogenabhängige träumen.
Normale Menschen wußten doch,daß es nie möglich sein würde 3 Sender zu haben.
Wann bitte schön,sollte man die aber auch schauen.!!!

Die Einheimischen machten große Augen als die Städter in geballter Formation einmaschierten.
Alles an Ihnen war skandalös,das Aussehen, die Kleidung und überhaupt, man wollte hier keine Fremden.

Mein Erzeuger hielt im Brustton der Überzeugung eine Ansprache, die den Bürgermeister dagegen ziemlich blass aussehen lies und Ihn damit nicht unbedingt auf die Liste neugewonnener Freunde setzte.
Sie kämen vom Dritten Deutschen Fernsehen um hier eine Reportage zu drehen, welche dann nächstes Jahr zum Auftakt ausgestrahlt werden würde.

Ja,dann!!!
Man hatte doch gleich vermutet,daß es sich um Künstler handeln mußte.
Dad entsprach in seiner Äußerlichkeit bis in alle Einzelheiten dem Mode und Lebensstil der 70 er Jahre.
Enges Schlaghöschen, ein Hemd in schreienden Farben,übergroßer Hemdkragen,der einen bei dem geringsten Luftzug wie einen Albatros abheben lies,bis zur Brust aufgeknöpft, damit der Berberteppich besser zur Geltung kam, das obligatorische Goldkettchen und natürlich die Koteletten die das halbe Gesicht bedeckten.
Die Krönung aber war das Herrenhandtäschen.

Er fuchtelte mit seiner Kamera herum,lies die Bäuerchen antreten, setzte sie um und hielt sie gnadenlos in Schach.

Diese platzten fast vor Stolz und zupften und zerrten an Ihren Krawatten herum.Die Frauen kämmten die akuraten Scheitel nochmals nach,wischten mit Spucke, natürlich Ihrer eigenen, imaginäre Flecken aus deren Gesicht und wedelten nicht vorhandene Fusseln von den Trachtenjacken.
Auf der kleinen,zugigen Toilette herrschte Hochbetrieb,alle wollten an dem blinden Spiegel, den einzigen Lippenstift den irgendeine dabei hatte ,auftragen.
Die aus der Stadt sollten doch sehen, hier auf dem Land lebte keiner hinterm Mond.
Die Omadauerwelle, die alle Frauen, ob jung oder alt, trugen(mehr konnte der ortsansässige Frisör nicht)wurde zur Kopie des Aiger Nordwand auftoupiert.
Die Wirtsfrau spendete einen Würfel Butter, mit der den Augenbrauen Glanz und Farbe verpasst wurde.
Die Männer stolzierten umher wie ein Auerhahn der sein Rad schlägt, dabei gaben sie sich so natürlich und beweglich wie ein Besenstil.
Ihre holde Weiblichkeit übte sich derweilen im verführerischen Schauen, was doch sehr an die Else Kling von der Lindenstrasse, erinnerte.

In Windeseile ,ganz unter dem Einfluss des Bürgermeisters, der bereits Visionen bezüglich den Fremdenverkehr seines Ortes entwickelte, wuchsen die Landeier über sich hinaus und legten binnen kürzertser Zeit Starallüren an den Tag.
Sie waren sich ihrer Wichtigkeit sehr wohl bewußt.

Dank unzähliger Runden Enzians zur Völkerverständigung wurde die Stimmung immer lockerer und gelöster.
Der Wirt warf Originalton; sein Musikkästchen an, bei uns nannte man das Radio, und alle tanzten wie vom Affen gebissen.

Eine der Dorfschönheiten beschuldigte plötzlich, unter nicht zu wenig Einfluss des guten Selbstgebrannten, eine von denen, würde sich an Ihren Sepp ran machen.
Keine. garantiert Keine, wollte irgendwas und das schon gar nicht von dem Sepp.
Das Bauernehepaar hatte sicherlich das Motto: Geld zu Geld zusammengebracht.
In einem hatte der Sepp recht: Schönheit vergeht, Hektar besteht.

Ein Wort gab das andere und ruck zuck gab es wieder zwei Fronten, hier die Städter und dort die Einheimischen.
Diese Front gab es nicht nur in der Gesinnung, nein sie standen sich mit blutunterlaufenen Augen in denen die Mordslust funkelte, in zwei Reihen gegenüber und brüllten und pöbelten sich gegenseitig an.

Und wer war zwischendrin?
Mein Vater mit seiner ach so heiß geliebten Kamera.
Der Startschuß fiel,als einer sein Heiligtum berührte.

Die Bude bebte, die Fäuste flogen, Stoff zerriss und zum Schluß wurde nur noch wild ausgeteilt,egal wen es traf, Hauptsache man hatte einen Treffer zu verbuchen.
Es wurde mit Stöckelschuhen,Handtaschen aufeinander eingedroschen,gespuckt,gekratzt, gebissen und getreten.
Die Frauen sprangen die Männer wie die Paviane von hinten an, was nicht wenige entgültig aus dem Gleichgewicht brachte und im Fall noch ein paar mit sich riß.

Bud Spencer und Terence Hill hätten Ihre wahre Freude daran gehabt, leider hatte man vergessen sie einzuladen.

Heike und ich suchten unser Heil in der Flucht und schauten panisch nach einem sicheren Plätzchen, von wo aus wir in Ruhe und ohne Gefahr zu laufen, selbst eine abzubekommen ,die Vorstellung beobachten konnten.

Das also waren unsere Eltern!!!!
Ihre Autorität erlitt eine herbe Niederlage und einen nie mehr gut zumachenden Schaden.
Was jedoch den Vorteil in sich barg, wir wurden nie mehr gezwungen irgendwohin mit zu gehen.

Wir entschieden uns dafür hinter die Theke zu verschwinden.
Dort auf dem boden kauerte ein alter, verhuzelter Mann,der inbrünstig den Rosenkranz und das Maria unser runterleierte.

Als wir ihn antippten schrie er laut auf : macht mir nichts, macht mir nichts, und als erklärung schob er die Begründung: Ich bin doch der Totengräber. hinterher.

Ja das stimmte wohl,das hatten wir dort gelernt....man mußte Prioritäten setzten.....
und oft ist das so scheinbar Unwichtige, das wirklich Wichtige im leben.