Charles Aznavour – Du bist so komisch anzusehen Zugegeben, es war ein Ohrwurm, der einem nicht mehr aus dem Kopf ging und alle Welt hat gesungen „Du bist so komisch anzusehen,…“

Ich weiß noch ganz genau, dass ich damals sehr wütend über den Text war und damit war ich nicht alleine. Deshalb schreibe ich mir endlich mal meinen Ärger über deinen unverschämten Text von der Seele. Es wird Zeit, dass das mal gesagt wird. In deinem Lied heißt es:„Du bist so komisch anzusehen, denkst Du vielleicht, das find ich schön!Wenn Du mich gar nicht mehr verstehst und mir nur auf die Nerven gehst!“

Mensch Charles, hast du denn damals nichts geschnallt? Wir Mädels wurden doch gerade von den Amis als „Fräuleinwunder“ entdeckt und schwupps wollten wir uns auch noch befreien, besser gesagt emanzipieren. Das war ein hartes Stück Arbeit und um deine Nerven konnten wir uns nicht kümmern. 1962 hast du diesen Welthit gesungen und uns damit gar keinen Gefallen getan. Die 60er waren wild, denn politisch und gesellschaftlich war alles im Umbruch. Aufrührerisch war diese Zeit und   man wollte  von so alten Säcken wie dir, nicht wirklich wissen, wie wir zu sein hätten.Und du schmachtest weinerlich ins Mikrofon „Ich trinke schon die halbe Nacht und hab mir dadurch Mut gemacht, Um dir heut endlich zu gestehen, ich kann dich einfach nicht mehr sehen.Mit deiner schlampigen Figur gehst du mir gegen die Natur

.“Ach, was soll denn das Genörgele. Schau dich selbst doch mal an, bist ein kleiner zerknautschter Mann und nichts Schönes ist an dir dran. Und dann jaulst du weiter „Mir fällt bei dir nichts andres ein, als Tag und Nacht nur brav zu sein.Seit Wochen leb ich neben dir und fühle gar nichts neben mir. Und dein Geschwätz so leer und dumm, ich habe Angst, das bringt mich um.“ 

Ja uns auch. Mit diesen Zeilen bist du uns so in den Rücken gefallen. Wir kämpften um ein bisschen Gleichberechtigung. Wir wollten auch mal „nein“ sagen, wenn wir vom Geschlechterkampf müde nach Hause kamen. Deine Artgenossen haben uns sowieso schon mißtrauisch betrachtet und nun hatten sie wieder Oberwasser. Wir mussten euch männliche Wesen noch um Erlaubnis bitten, arbeiten gehen zu dürfen und wenn das dem Ehegatten nicht passte, war es rechtens, uns das zu verbieten.  Längst lauschten  wir anderen Sängern wie Bob Dylan und Joan Baez und deren Worte haben uns berührt. Diese Lieder beflügelten unseren Freiheitskampf.  Weiter klagtest du voller Selbstmitleid  „Ja früher warst du lieb und schön, du lässt dich gehen, du lässt dich gehen.Du bildest dir doch wohl nicht ein, du könntest reizvoll für mich seinMit deinen unbedeckten Knien, wenn deine Strümpfe Wasser ziehn.Du läufst im Morgenrock herum, ziehst dich zum Essen nicht mal um".

Hey, wir trugen doch  schon längst Jeans, befreiten uns vom Korsett und Betonfrisuren. Im Swinging London entdeckte Mary Quant, dass der Rocksaum ebenso gut 10 cm überm Knie enden konnte. Wer hat dir diesen Text geschrieben und hast du überhaupt verstanden, was du da gesungen hast?

Weiter krähst du „ Vor meinen Freunden gibst du anund stellst mich hin als Hampelmann. Das bringt mich nachts sogar im Traum im tiefsten Schlaf noch auf den Baum.“Ja, ihr habt euch doch auch lächerlich gemacht, wenn ihr tief eingeatmet und dabei den Bauch eingezogen habt, damit ihr punkten konntet bei dem Frischgemüse. Am Badestrand seid ihr herum gestelzt wie alte aufgeblähte Gockel und suchtet Blickkontakt mit den Hennen. Auf Eurem Kopf tummelte sich mehr Pomade als  Haare vorhanden waren. Eure Rüschenhemden wurden quietschgelb, die Hosen knall eng und 27 Haare wurden zu einer Elvis-Tolle aufgetürmt. Ihr musstet ein Auto mit Schiebedach fahren und kaum wagte sich im Februar die Sonne raus, wurde  mit Sonnenbrille und offenem Verdeck langsam durch die Straßen entlang gefahren, damit alle Mädels sahen, was ihr doch für ein tolle Typen seid. Eure Olle zu Hause konnte dann den steifen Nacken mit Latschenkiefersalbe aus Omas Nachtschränkchen massieren. Dann zwitscherst du „Ich hab gedacht, du hast mich lieb, als ich für immer bei dir blieb. Wenn du nur still wärst, das wäre  schön. Du lässt dich gehen, du lässt dich gehen. Bei Tag und Nacht denk ich daran, ob das nicht anders werden kann.Du bist doch schließlich meine Frau, doch wird‘  ich nicht mehr aus dir schlau.“

Ja aber wir wollten was anderes, nämlich Humor, Fantasie, Klugheit, Verständnis; wir wollten uns auf Augenhöhe mit dem Mann vergleichen können, wollten  reden und diskutieren, wahr- und ernst genommen werden.  Wollten nicht nur Knusper Knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem schönen Häuschen. Wir hatten uns doch längst von den drei großen K’s Küche, Kinder, Kirche verabschiedet. Durch dein Lied wurden uns die drei B’s, nämlich Brigitt Bardot, Barbie und Bikini beschert. Die sind jetzt über 50 Jahre alt und nicht tot zu kriegen und nun haben wir den Salat. Heute ist die Hülle das Wichtigste. Ob schön oder nicht, freiwillig wird alles gezeigt, womit man den hormongesteuerten Mammutjäger beeindrucken kann. Dabei wird geschummelt, was das Zeug hält. Die Lippen werden aufgespritzt, die Haare mit Extensions verdichtet, die Oberweite mit Silikon ballonartig aufgeplustert und sichtbare Lebenszeichen mit Botox weggespritzt  Was würdest Du denn heute singen, wenn dir eine sonnenstudiogebräunte Kosmetikruine über den Weg läuft?

In Deinem Lied heißt es „in deinem Haar da baumeln quer die Lockenwickler hin und her.“ Die Frau von heute geht zum Haarstylisten und lässt sich mehrfarbige Strähnen ins Haar schmieren, manch eine sieht aus, als ob sie gerade mit den Fingern in die Steckdose geraten wäre. Schleierhaft ist mir auch, wie man sich durch den Alltag bewegen kann, wenn einem schräg über ein Auge ein Haarbüschel fällt. Aber zumindest mit einem Auge bleiben einem dann die Scheußlichkeiten der Welt verborgen. “

Du bist so komisch anzusehen, denkst Du denn wirklich, das ist schön“.Und dann „du läufst im Morgenrock herum, ziehst dich zum Essen nicht mal um“. Heute trägt die Frau den gepflegten Schlabberlook, nämlich Jogginganzug , verwaschenes T-Shirt und Glogs oder Flip-Flops. “ Du bist so komisch anzusehen, denkst Du denn wirklich, das ist schön“. „Und tu auch was für die Figur“ forderst du. Männlein wie Weiblein rennen in die Fitnessbuden und schwitzen um die Wette,  bis sie aussehen wie Barbie und Ken. Waschbrettbauch bei Ken und Barbie lockt auf High heels mit hoch geschnalltem Busen und Strapsen „Knusper, knusper Knäuschen, komm knusper an meinem schönen Häuschen . Das ist die Welt von heute und dass es so gekommen ist, daran bist du schuld mit deinem „Du bist so komisch anzusehen, glaubst Du denn wirklich das ist schön“!