Prolog - Eine (virtuelle) Alltagssituation
Wer kennt es nicht? Eine Diskussion, eine Frage, ein Artikel wird kommentiert und die Gemüter erhitzen sich. Worte werden gewechselt, Emotionen kochen hoch, es wird persönlich. Irgendwann kommt - man kann sich nahezu sicher sein - garantiert der Vorwurf "Du kannst ja RL und VL nicht auseinanderhalten".
*RL = richtiges Leben / reales Leben / echtes Leben; VL = virtuelles Leben, hiesiges Leben, Internetleben --- der Vorwurf wird hier in PN auch gerne anders formuliert, in etwa so:"so etwas sagt nur , wer kein richtiges Leben hat"; "wenn du im echten Leben nicht so frustriert wärst"; ...
Nun ist es Usus, dass der so Bevorwurfte sich entweder angemessen zerknirscht zurückzieht oder, viel häufiger, zurückschießt. Beim Zurückschießen wird dann gerne der gute alte "wie du mir, so ich dir"-Trick angewandt und dem Gegner gleich dasselbe unterstellt ("du bist ja nicht besser // noch viel schlimmer!"), oder es wird schlicht mit gebotener Entrüstung zurückgewiesen, dass man von jener schrecklichen Fehleinschätzung, "RL" und "VL" nicht auseinander halten zu können betroffen sein könnte. Denn nichts könnte doch ferner sein, von der Realität.
Oder?
1. Kapitel - Ich glaube nicht daran
Es ist gut, so habe ich früher gelernt, wenn man ein Argument langsam entwickelt. Heute fehlt mir dazu vielleicht die Geduld, vielleicht glaube ich auch einfach nicht mehr alles, was man in der Schule lernt oder ich denke, dass die geneigten Leser sich ohnehin bereits denken, dass ich zu lange drumherumschreibe und endlich mit dem rausrücken sollte, worum es mir geht. Also, was die Überschrift schon sagt:
Ich glaube nicht an einen Unterschied zwischen "RL" und "VL".
Es handelt sich, um es kurz zu sagen, um ein POLEMISCHES ARGUMENT und NICHT um eine irgendwie bedeutsame oder gar echt begründete Unterscheidung. Es geht hier darum, anderen Menschen einen Vorwurf machen zu können, sich selbst ein Sicherheitskissen zu erhalten und - insbesondere - sich und anderen etwas vorzumachen hinsichtlich eigener Unzulänglichkeiten, Schwächen und fehlendem Anstand.
Der vorliegende kurze Artikel versucht zu erläutern, wieso ich dieses harte Urteil über die so einleuchtende, einfache und grundfalsche These von der "Trennung"/Trennbarkeit/Trennungsfähigkeit des virtuellen und realen Lebens fälle.
2. Kapitel - Keine Schizophrenie, in doppelter Hinsicht
Schizophrenie ist, entgegen landläufiger Vorstellungen, keine Persönlichkeitsspaltung. Im Gegenteil liegt in den seltesten Fällen gleichzeitig eine Schizophrenie und eine Persönlichkeitsspaltung vor. Der Irrtum kommt, wenn ich Wikipedia und einem netten Gespräch mit einem Professor für klinische Psychiatrie glauben darf, daher, dass zu viele Akademiker sich "Schizophrenie" rein wortmäßig herleiten (von griechisch Schizo = gespalten), aber nicht wissen, dass sich die qualitative Denkstörung, die Schizophrenie darstellt (anders als etwa eine Demenz) nicht auf ALLE sondern nur auf einzelne, abgespaltene, kognitive Fähigkeiten auswirkt.
Aber ich schweife ab - nicht nur in dieser Hinsicht sind Platiner und andere "Internetbewohner" gerade NICHT schizophren.
Sie geben es aber vor - die Spaltung von "RL" und "VL" ist letztlich nichts anderes als die Annahme einer zweiten Persönlichkeit. Das geht bis hin zur tatsächlichen Behauptung "ich bin im Internet ein anderer!" - "du kennst mich ja gar nicht, ich bin im RL ganz anders!"
Wimmelt es hier von gespaltenen Persönlichkeiten?
Armen Menschen, die, in ihrem Wahn gefangen dringender Therapie bedürfen?
Ich denke: Nein.
Vielmehr sind wir der Mensch, der wir immer sind. Wir ändern unser Verhalten mit der Gruppe, in der wir uns bewegen. Wir passen unsere Kommunikation NOTWENDIG dem Medium an - und daraus ERGEBEN sich Unterschiede darin, wie wir mit Anderen in der jeweiligen Situation umgehen. Aber daraus ergibt sich gerade KEIN neuer, anderer, abweichender Mensch.
Im Gegenteil, gerade aus der Beobachtung eines Menschen in VERSCHIEDENEN sozialen Kontexten lassen sich noch am ehesten Schlüsse über dessen Art, Wesen und Charakter ziehen... nicht, dass ich das bei den meisten hier je gewollt hätte.
3. Aber wieso dann dauernd das Gerede?
Ich habe oben schon gesagt, wieso trotz erwiesener, nicht vorhandener Persönlichkeitsspaltung immer wieder beteuert wird, dass man "RL" und "VL" auseinanderhalte, auch wenn es absurd ist, zu glauben, man höre irgendwie auf "richtig" zu leben, weil man einen "Anmelden-" Knopf drückt und fange erst wieder zu leben an, wenn man den "Abmelden" Knopf endlich gefunden hat.
Es wird doch NIEMAND hier glauben, dass wir im Internet nicht leben.
Es wird doch NIEMAND hier glauben, dass wir hier nicht mit anderen Menschen sozialen Kontakt haben.
Wenn wir aber leben, wenn wir Kontakt haben und wenn wir hier Zeit verbringen - wieso genau sollte es dann an "Realität" oder "Richtigkeit" oder einer anderen Qualität fehlen? Hat irgendwer das irgendwo Mal auch nur im Ansatz begründet? Nein, soweit ich weiß nicht - es ist auch nicht zu begründen, wenn ihr mich fragt. Wo Kommunikation ist, gibt es sozialen Kontakt. Und wo wir Menschen sozialen Kontakt pflegen, leben wir als soziales Wesen. Ob das im Internet, im Bahnhofskiosk, bei der Arbeit oder beim Anruf bei einer Kundenhotline ist - all das ist "normales", "richtiges", "reales" Leben.
Das Gefasel von der Trennung wird also nicht aus rationaler Reflektion, ehrlicher Besorgnis oder durchdachter Überzeugung geäußert. Warum aber dann? Was ist die Funktion?
Es handelt sich um eine forcierte Konvention - und sie dient dazu, Schwächen, Faulheiten und Rüpelhaftigkeiten, aber womöglich auch Denkfaulheit, zu kaschieren.
4. Welches sinistre Mastermind steckt dahinter?
Indem ich vorwerfe, jemand trenne nicht "RL" von "VL" greife ich seine Person und seine persönlichen Fähigkeiten an. Das ist Polemik. Ich benutze ein "argumentum ad personam", ich verlasse jeden sachlichen Diskurs. Schlimmer noch, ich benutze ein Argument gegen die Person das (a) nicht entkräftbar (weil bereits in sich absurd aber scheinbar einleuchtend) ist und (b) zumindest einen Restzweifel an der Person aufwerfen und diese in die Defensive zwingen wird.
So etwas ist, vor allem für gewisse Arten von Menschen, sehr bequem.
Außerdem ist es, häufig für die selben Pappenheimer, recht angenehm, wenn man sich über den Einen oder die Andere erhaben fühlen kann, wenn man - trotz evident unterlegener Position in der geführten Diskussion immer noch sagen kann "JAHAAA,... du hast mich jetzt zwar komplett widerlegt und gezeigt, dass ich keine Eier habe, aber DU kannst das ja nur, weil du kein RL hast und nicht richtig trennst....." ICH gehe in mein erfülltes RL zurück, bleibe du armes Würstchen mit deinem VL-Sieg nur hier gefangen....eine große Beruhigung für die Kleingeister, Miesmacher und Misanthropen unter uns.
Schließlich bleibt die Funktion als Ausrede und gerade in dieser mag es vielen von uns, auch solchen, die es besser wissen sollten, liebgeworden sein, die "Unterschiede" zwischen dem "einen und dem anderen Leben" zu betonen und dabei und damit auch Unterschiede im Verhalten zu entschuldigen / zu erklären.
5. Höflichkeit ist keine Frage des Mediums
So kann man etwa lesen, wenn man jemandes Verhalten als "unhöflich" oder "unangemessen" bezeichnet (ob zu Recht oder Unrecht ist dabei für dieses Argument völlig ohne Belang), dass dieser sich darauf versteigt zu erklären, er könne HIER doch unhöflich sein. Im "normalen Leben" sei er immer höflich , ja liebenswert und man könne doch überhaupt nicht auf den Menschen oder den Charakter aus dem Internet schließen, denn HIER sei er doch gaaaanz anders als anderswo.
Es handelt sich, salopp gesagt, um BULLSHIT.
Höflichkeit, Anstand und Respekt vor Anderen sind KEINE Frage des Mediums.
Sie sind übrigens auch keine Frage des Standes oder des sozialen Umfelds. Ich sollte als Topmanager zu einer Putzfrau auf dem Autobahn-WC genauso höflich sein, wie ich es zu meiner geschätzten Kollegin aus dem Nachbarhochhaus wäre. Ich sollte als einfache Tippse zu meinem Chef nicht höflicher, aber auch nicht unhöflicher, sein, als ich es zu meinem Parteifreund in der Wirtschaft bin.
Natürlich unterscheidet sich der angemessene Grad der Umgangsfloskeln oder gewisse Verhaltenserwartungen von Person zu Person und Situation zu Situation - aber Höflichkeit vergessen oder weglassen darf ich weder hier noch dort.
Wenn ich das akzeptiere und nicht mit Scheinargumenten verneine... nun, dann bleibt mir keine Wahl als anzuerkennen, dass AUCH IM INTERNET Höflichkeit ihre Funktion und ihren Platz zu haben hat.
Sicher, schon alleine durch das hier gültige „DU“mag man jovialer miteinander umgehen, als dies unter relativ fremden Personen sonst der Fall wäre (auf anderen Kontaktplattformen, oder Partys, Kaffeefahrten, Kirchenpicknicks oder weiß-der-Teufel-was, ist dies aber teilweise nicht anders). Trotzdem entbindet das nicht vom Anstand, von der Höflichkeit.
Kurz gesagt:
Das Betätigen eines Log-In-Buttons befreit nicht von der Pflicht zum Respekt vor den anderen Personen.
6. Der entlarvende Aspekt des Internets
"Aber im RL bin ich höflicher."
"Das hätte ich im RL so nicht gesagt..."
"Im RL würdest du sowas über mich nicht sagen können..."
Das mag durchaus sein.
Aber besagt das etwas? Nein.
Denn, auch wenn ich jemandem "im RL kenne", also außerhalb des Internets (oder: auch außerhalb des Internets) mit ihm/r Kontakt hatte, heißt das noch lange nicht, dass ich denjenigen wirklich kenne. Wir alle tragen unsere Masken, hier und anderswo. Dass die Masken hier Avatare heißen und dass wir unsere Eigen- und Fremdlügen, Halbwahrheiten und Wahrheiten ins Profil schreiben und nicht nach und nach durch Gespräche enthüllen, ändert gar nichts.
Wenn jemand, der grundlegende Höflichkeit und Respekt vermissen läßt, mir sagt, im "RL" sei er/sie aber immer höflich und das liege nur daran, dass man hier ja nur !! im "VL" wäre - so ist das ein Beweis für das, was ich den "entlarvenden Aspekt der Internetkommunikation" nennen möchte.
Derjenige/diejenige zeigt nämlich mit dieser Argumentation, dass er/sie der Höflichkeit, der er/sie in den gewöhnlichen, anderen Lebensumstände nicht entsagt, nicht aus Überzeugung oder Respekt vor anderen nachkommt, sondern weil er/sie glaubt, es zu müssen oder negative Folgen für sich fürchtet, wenn er/sie die Höflichkeit vermissen läßt (ob zu Recht oder Unrecht wiederum gleichgültig).
Das heißt, der ANONYMISIERENDE Faktor, der in Internetkommunikation (und einigen verwandten Medien) mitspielt, entlarvt hier, dass Höflichkeit bei DIESEN Personen keine echte Charakterstärke ist, sondern vielmehr eine aus Furcht vor Repressalien geborene Anpassung an die Wünsche anderer. Kein Überwinden der Konvention und Setzen eigener Regeln (nach Nietzsche), sondern ein bloßes Befolgen der Regeln ohne deren Geist oder Herz zu erfassen oder zu teilen.
Wenn man es überspitzt will:
Die Drohne ist höflich, doch wenn niemand schaut, erleichtert sie sich in den eigenen Stock, um den anderen eins reinzuwürgen - aber sie achtet darauf, das nur da zu tun, wo es ihr nicht bewiesen werden könnte.
7. Der lange Rede kurzer... oder: Epilog
Nach vielen Worten und vielen Zeichen nun das Fazit meines kleinen, durch die immer wiederkehrende Behauptung „du hast kein RL“.. angestoßenen Gedankenlaufs. Ich hoffe, ich konnte euch meine Position, die ich durchaus als ein wenig überspitzt und verallgemeinert verstanden wissen will, näher bringen.
Ich glaube nicht, dass dieser Artikel den Gebrauch des Vorwurfs "du kannst aber RL und..." verringert. Aber vielleicht überlegt sich der Eine oder die Andere ja, ob man ihn erheben sollte. Vielleicht fühlt sich ein Vorwurfsopfer jetzt stark genug, den trivialen und absurden Vorwurf zu ignorieren oder gänzlich als das zu entlarven, was er ist. Selbst wenn nicht, habe ich euch vielleicht wenigstens unterhalten und das wäre doch auch schon was.
Mehr jedenfalls, als ein etwaiger Unterschied zwischen "Real Life“und „Virtuel Life“.
VIEL SPASS IM LEBEN
