Da gibt es Paare, die sich offen dazu bekennen … Sie leben in einer festen Beziehung und gehen nebenbei offen „fremd“. Jeder weiß vom anderen Partner, dass dieser sich noch zu einem oder mehreren weiteren Personen hingezogen fühlt.
Paare, die erzählen, dass sie ihren Hang zu einer offenen Liebe leben möchten, ohne Heimlichkeiten, ohne Versteckspiel, ohne Lügen … Paare, die an ihre Grenzen gehen, oder nur einfach ihren Partner nicht verletzen möchten?
In diesen Paarbildungen ist keine Einseitigkeit dieser Lebensform zu finden. Jeder glaubt daran, dass es sich so allemal besser lebt und jedes Paar glaubt, dass es der Monogamie den Rücken drehte, weil es kein Besitzanspruchsdenken an den Tag legt. Man ist sich gegenüber loyal.
Das Thema Eifersucht ist bei manchen Paaren ein Diskussionsgrund, bei anderen überhaupt nicht. Bei manchen Paaren wird sogar toleriert, dass der neue Partner vollständig mit in das Leben des polygam lebenden Paars mit einbezogen wird.
Diese Paare erzählen, dass sie sich selbst viel mehr respektieren, viel mehr Lust aufeinander haben, vor allem viel anhaltender Lust leben, weil ihr Hauptpartner eine ganz neue Stellung in ihrem Leben einnimmt. Sie wertschätzen und ehren sich auch über lange Jahre hinweg, was in den Zeiten ihres monogamen Lebens mit nur einem Partner nicht möglich war.
Machen diese Menschen sich nur etwas vor, tolerieren sie die Lebensweise ihres Partners nur deshalb, weil sie ihn sonst verlieren würden?
Eine offene Form mit Gefühlen, mit Liebe umzugehen, denn keiner der Partner fühlt Misstrauen, fühlt Liebesentzug … jedenfalls angeblich …
Was geschieht da? Ein Partner verliebt sich neu, und wenn man glücklich verliebt ist, dann möchte man auch viel Zeit mit diesem neuen Partner verbringen. Dafür müsste die zentrale andere Paarfigur zurückstecken. Ihr wird die Zeit mit ihrem Partner genommen. Ideale Voraussetzung wäre also ein zeitgleiches Verliebt sein in jeweils andere Partner …
Eifersucht ist eine Sucht, die nach Eifer sucht … Hier muss sie nicht suchen, denn alles ist offen und bekannt. Trotzdem glaube ich, dass auch hier sehr wohl Eifersucht entstehen kann. Eifersucht hat etwas damit zu tun, das man fühlt, man erhält nicht mehr die Aufmerksamkeit, die man einstmals erhielt. Eifersucht hat etwas damit zu tun, dass man Angst fühlt, der Partner würde einen anderen Partner finden, der bessere Qualitäten besitzt, als man sie selbst zeigt und gezeigt hat.
Beide der in der Polygamie lebenden Personen teilen sich ihre Gefühle mit Dritten. Wie werden hier Prioritäten gesetzt? Wie stark kann Liebe sein? Wie bedingungslos kann Liebe sein?
Ist es nicht auch ein innerlicher gegenseitiger Kampf, sich in der Partnerschaft immer wieder die Liebe beweisen zu müssen? Können Verlustängste völlig ausgeschlossen sein?
Es gibt nicht polygam lebende Paare, wo der eine vom anderen weiß, dass er fremdgeht. Doch toleriert er dies, obwohl der Andere es versucht zu verheimlichen … Solche Beziehungen überstehen eine solche Haltung in der Regel nur dann, wenn sich zwischen dem Paar im Laufe der Zeit eine innige Freundschaft entwickelte, die bedeutsamer zu sein scheint, als die Seitensprünge des Einzelnen … und doch war es irgendwann einmal für den betrogenen Partner sehr verletzend, als er diesen Umstand heraus fand. Sein Partner hatte seine Gefühle zu tiefst verletzt …
Liebesentzug scheint die höchste freie Strafe zu sein, die einem Menschen in Freiheit widerfahren kann …
Wie aber überstehen die sich bekennenden polygam lebenden Paare all die Niederungen von Gefühlen zwischen zwei Menschen?
Ist es vielleicht das Vertrauen zu seinem eigenen Sein? Haben diese Menschen einen besseren Zugang zu ihren Gefühlen und können bedingungslos darauf vertrauen, dass sie ihre innere Stimme richtig leitet?
Eines jedenfalls können diese Paare: Kommunizieren. Die wichtigste Grundlage einer Partnerschaft, um ehrlich miteinander umgehen zu können …
Sarah
