Da kennen sich zwei über eine halbe Ewigkeit durch das Net. In vier Jahren sahen sie sich sechsmal. Beide sind verheiratet, beide suchten nichts, als sie sich über das www kennenlernten. Aus der Sympathie entwickelten sich Gefühle, und nach ihrem ersten Treffen empfand SIE ein schönes Verliebt sein.
Sie war sich bewusst, dass diese Affäre nur eine Affäre war, doch fühlte SIE dieses Kribbeln im Bauch und hoffte auf eine Fortsetzung jener Aufmerksamkeit, die sie vor ihrem ersten Treffen von ihm bekommen hatte. Jedoch ließ diese Aufmerksamkeit seinerseits mit der Zeit nach. Sie verstand es nicht. ER antwortete nicht mehr sofort auf ihre SMS, ließ sich Zeit mit der Beantwortung ihrer Mails, und schnell fand sie heraus, dass sie nicht die Einzige in diesem www war, der er Aufmerksamkeit schenkte.
Vier Jahre voller Hoch und Tiefs, voller Freude und Leid. Irgendwann überwog das Leid. Sie war entschlossen, dem Ganzen ein Ende zu setzen. Sie beschloss, ihn ein letztes Mal zu treffen, mit ihm eine wundervolle Nacht zu verbringen und sich dann für immer zu verabschieden. Eine letzte Nacht mit ihm … Ein letztes Mal sich fühlen und spüren, Vergangenes lachend abschließen und in Harmonie auseinander gehen.
ER willigte ein, obwohl er ihr nicht so recht glaubte, dass dies das endgültige Aus bedeuten sollte. Zu ungewöhnlich war doch dieser Wunsch.
Wochen vorher war sie sehr nervös. Er könnte ja dieses letzte Date auch noch absagen. In ihren Telefonaten kam immer wieder unterschwellig von ihm durch, dass er ihr nicht glaubte. Sie jedoch war fest davon überzeugt, dass es die schönste Art des Abschieds sein würde.
Dann kam dieser letzte Tag. Treffpunkt sollte wie immer ein Hotel sein. Sie kam als erste dort an und ihre Nervosität ließ ihre Hände beim Einchecken zittern. Die Angst, dass er nicht kommen würde, ließ sie nicht los.
Sie hatte extra für diese Nacht ein besonders schönes Zimmer gewählt. Alles war so arrangiert, wie sie sich das vorgestellt hatte. Nervös schaute sie auf die Uhr. Sie hatte noch eine Stunde für sich. Wieder ging ihr der Gedanke durch den Kopf, dass er nicht kommen würde. So schrieb sie eine SMS, wo er denn gerade sei, um sich selbst zu beruhigen.
Sie wartete auf Antwort. Es kam keine Antwort. Nach dreißig Minuten beschloss sie ihn anzurufen. Wahrscheinlich hatte er sein Handy nur nicht gehört, beruhigte sie sich. Doch es ertönte kein Freizeichen. Nur die Mailbox sprang an. Vielleicht steckte er in einem Funkloch?
Sie musste sich nun umziehen, der Zeiger der Zeit schien sich schneller als gewöhnlich zu drehen. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, als sie nochmals versuchte ihn zu erreichen. Wieder sprang nur die Mailbox an …
Nach der Dusche war ihr erster Gang zum Handy. Keine SMS seinerseits, kein Anruf und wieder sprang die Mailbox an, als sie seine Nummer wählte … Das kann doch nicht wahr sein … Kam er, oder kam er nicht?
Die Stunde schlug 17 Uhr, keine Nachricht von ihm und von ihm selbst war auch nichts zu sehen. Sie beschloss nach unten zur Bar zu gehen, um sich etwas zu beruhigen. Innerlich jedoch kochte sie. Was tun, wenn er tatsächlich nicht kam?
Immer wieder schaute sie zum Eingang, die Minuten vergingen und er ließ auf sich warten … Wut, Enttäuschung bis hin zu aufsteigenden Tränen schäumten in ihr. In der Zwischenzeit hatte sie bereits zum zwanzigsten Mal seine Handynummer gewählt …
Da stand er plötzlich hinter ihr … Sie hatte ihn nicht kommen sehen. Er sah so verändert aus, seit ihrem letzten Treffen.
„Nichts sagen, ich bin jetzt da“, sagte er. „Aber …“ erwiderte sie mit aufgebrachter Stimme. Er drückte ihr seinen Zeigefinger auf den Mund; sie sollte eindeutig nichts sagen.
„Unser letzter Abend soll doch jetzt nicht in Streit ausarten, oder?“ flüsterte er ihr ins Ohr, „komm, lass uns aufs Zimmer gehen …“
Sie beschlich das Gefühl, dass er es wohl schnell hinter sich bringen wollte. Wieder stieg in ihr so ein diffuses Gefühl hoch, was rein gar nichts mit ihren schön gemalten Vorstellungen zu tun hatte. Wie oft hatte sie sich diesen letzten Moment in ihren Gedanken ausgeschmückt … voller Romantik, voller Gefühl, voller befriedigender Sehnsucht … Aber die momentane Realität hatte nun rein gar nichts mehr mit diesen Vorstellungen zu tun … Nun gut, dachte sie, dann eben anders, es ist ja sowieso das letzte Mal … Und genauso schien er sich auch zu verhalten …
Sein Streicheln war kalt, seine Küsse ließen jene Leidenschaft vermissen, die sie an ihm liebte. Der Sex war weder hingebungsvoll, weder zärtlich, weder von jener Sehnsucht ergriffen, dass ihr Wunsch übermächtig würde, die Zeit möge stehen bleiben …
Was für ein gelungener Abschied, dachte sie, er scheint ja wirklich alle Register zu ziehen, die einen Abschied mehr als leicht machten.
Kein gemeinsames Duschen, kein Kuscheln bis die Augen zufielen; er drehte sich einfach herum und schien in Nullkommanichts eingeschlafen zu sein.
Sie lag da, wäre am liebsten explodiert, aber der Gedanke, jetzt einfach nach Hause zu fahren überwog. Der Wunsch nur einfach zu gehen, um dem allen ein Ende zu bereiten, wurde übermächtig. Noch einmal drehte sie sich zu ihm herum, aber es ertönten nur leise schnarchende Geräusche …
Die Tränen flossen in Strömen, als sie die Zimmertüre hinter sich ins Schloss fallen ließ. Sie hatte es nicht einmal fertig gebracht, noch einmal zum Bett zu gehen, um ihn ein letztes Mal zu sehen …
Sie rannte die Treppen des Hotels hinunter, denn der Aufzug ließ zu lange auf sich warten …
Sie rannte zu ihrem Auto, hatte nur noch ein Ziel vor Augen: Bloß weg hier … Sie saß hinter dem Steuer und wollte gerade das Auto anlassen, als jemand an die Windschutzscheibe klopfte … Sie erschrak zu Tode … und blickte in SEIN Gesicht.
Er öffnete die Fahrertüre und lächelte. „Warst du wirklich die ganze Zeit davon überzeugt, dass wir uns nicht wiedersehen würden?“
„Ja, aber so habe ich mir das auch nicht vorgestellt …“ tobte sie.
„Aber wie soll denn so ein Abschied sonst ablaufen?“ fragte er ernsthaft.
„Es sollte wie immer sein, so war auch unsere Abmachung, und dann gehen wir auseinander … So behält jeder den anderen in guter Erinnerung …“, war ihre Antwort.
„In guter Erinnerung kann man sich auch behalten, wenn man sich im Guten trennt, ohne sich noch einmal sexuell zu berühren …“
„Wir trennen uns aber jjetzt nicht im Guten …“
„Ich möchte mich ja auch gar nicht von dir trennen“, sagte er lächelnd, „denn ich liebe dich … und … ich fühle, du empfindest genauso …“
Sarah
