Du hast mich beeindruckt
Das erste Mal, als ich dich kennen lernte, ich ein junges Mädchen von 17 Jahren, du ein gestandener Mann von 38. Dein spitzbübisches Lächeln, dein Witz, dein Charme. Dein Werben um mich, das sich so grundsätzlich von den platten Anmachsprüchen meiner Altersgenossen unterschied. Deine Art mir zu zeigen, dass ich eine ernstzunehmende Gesprächspartnerin für dich war. Deine Liebe und das tiefe Gefühl, dass du in mir wecktest, das zu meiner Liebe wurde.
Du hast mich beeindruckt
In der Zeit unserer Ehe deine Leichtlebigkeit, die Unbekümmertheit, mit der du ohne Rücksicht auf die Folgen dein Leben lebtest. Nur ja nichts ernst nehmen, alle Probleme mit einem Lächeln beiseite legen, deine Sorglosigkeit, die Leichtigkeit, mit der du das Geld in die Kneipen brachtest, spieltest und dich dann einen Teufel darum gekümmert hast, wie es mir dabei ging. Ob die Rechnungen bezahlt werden konnten, was scherte es dich? Schließlich hattest du eine Frau, die würde es schon richten.
Wie du als Vater dich zwar wie Bolle gefreut hast, aber dennoch dein Leben wie bisher weiter lebtest. Oh ja, du hast dein Kind geliebt, aber mehr noch liebtest du dich.
Wie du dich dagegen gewehrt hast, dass ich eine Ausbildung machen wollte, mir alle erdenklichen Steine in den Weg legtest, um das zu verhindern.Wie du, wenn dir die Argumente bei unseren Diskussionen ausgingen, handgreiflich wurdest.
Wie du dich spielerisch über bestehende Vorschriften hinweggesetzt hast, mit dem Auto fuhrst, als gäbe es keine anderen Verkehrsteilnehmer, auch nach dem sechsten oder siebten Bier. Egal, dir konnte ja nichts passieren. Als du den Führerschein verloren hattest, dein Schulterzucken mit der lapidaren Bemerkung „Pech gehabt“.
Du hast mich beeindruckt.
Als ich dich verließ, mit welcher Macht und mit welchen Tricks du gekämpft hast, deine Frau und dein Kind nicht hergeben wolltest, weil sie in deinen Augen dein Besitz waren. Wenn du sie nicht behalten konntest, dann sollten sie auch niemals jemand anderen gehören, hast du gesagt.
Wie du mit Gewalt festhalten wolltest, was du längst verloren hattest: Meine Liebe.
Wie du es schafftest, das Sorgerecht für unser Kind zu bekommen, nachdem es dir gelungen war, das Scheidungsverfahren unnötig in die Länge zu ziehen.
Eure „Männer-WG“. Du, ein mittlerweile 51 jähriger Mann mit unserem 4 jährigen Jungen. Eine eingeschworene Gemeinschaft, ohne Regeln, ohne Struktur, gemeinsam gegen mich, die ich genau das forderte, und doch fast machtlos versuchte, wenigstens dem Kind ein paar grundsätzliche Werte zu vermitteln.
Du hast mich beeindruckt.
Als du erfahren hast, dass du krank bist, sehr krank sogar. Wie du mit der dir eigenen Leichtigkeit damit umgegangen bist, dich in die Unabänderlichkeit der Folgen der Operation fügtest, mit künstlichem Blasen- und Darmausgang.
Wie du lachend erklärtest, du müsstest dir wieder neue „Ersatzteile“ besorgen, wenn du aus dem Sanitätshaus die Ersatzbeutel abholtest. Wie du deine Schmerzen ertragen hast, wie du ohne Jammern und Klagen die letzten Wochen im Krankenhaus verbrachtest.
Wie du gekämpft hast, gegen die Krankheit, sie hinter einem Lächeln verborgen hast, wenn ich dich mit unserem Sohn besuchte. Wie du dem nun Siebenjährigen erklärtest, dass du ihn mehr als alles andere auf dieser Welt liebtest, und er es verstand, weil auch er dich über alles liebte.
Und endlich waren wir uns mal wieder einig, wir schafften es, gemeinsam unser Kind auf deinen Tod vorzubereiten.
Du hast mich beeindruckt
Oh ja, das hast du, und ich konnte es dir noch sagen.
© Sibylle E. (2009 überarbeitet 2011)
Bild: Marianne SEB
