Sie sieht in den Spiegel und findet: ich habe kein Leben, nur eine gewisse Zahl von Tagen, die ich irgendwie aufbrauche. Wir träumen manchmal davon, sie tut es: weggehen. Auf eine Insel. Diesen selbst erzeugten Müllhaufen von Leben durchstöbern nach Haltbarem, das Übrige verbrennen. In Wärme verwandeln? In der Schule heißt es Nachsitzen. Im Leben muss man nachfühlen und nachdenken, wenn man zu lange unaufmerksam war – auf sich selbst … So ist es einfach: ein einsamer Mensch, eine Vergangenheit, eine Insel. Wer sie gerade erlebt, für den ist sie das einzige Abenteuer der Welt …

Tschau Leute, Tschau!
(von einer, die auszieht, das einfache Leben zu finden)

Tschau Leute, Tschau!
Der Himmel hier bei euch ist mir zu blau!
Das Pausenbrot bei euch ist mir zu fett!
Zu glatt und kalt ist mir bei euch ein Bett!

Tschau Leute Tschau!
Bei euch ist jedes Schaf ein Pfau
Der glaubt, sein Platz wär mitten in der Mitte,
und keiner hat mehr Platz für Schritte!

Tschau Leute Tschau!
Ich sehne mich nach einem, dem ich trau,
nach Arbeit, bei der ich am Tage schwitze,
und Bäumen, unter denen ich nachts sitze.

Tschau Leute Tschau!
Ich buddel mir woanders einen Bau.
Wo Tage einem Zeit für Stunden geben
und alle einfach leben,
einfach leben.


Rapunzel
(von einem, der sich eine Inselzeit nimmt)

Heute ist kein gewöhnlicher Tag;
denn heute wurde mir
bei einem Gedanken an gestern klar,
dass ich ein Mädchen mag,
welches ich schon länger kannte
und in Anspielung auf ihr langes Haar
„Rapunzel“ nannte –
wie man halt eine Freundin nennt,
die man so vom Reden kennt.

Eigentlich ist sie gar nicht mein Typ.
Aber gestern hat sie mir von sich erzählt.
Und jetzt
hab ich sie irgendwie lieb.


Das Fenster
(von einer, die von der Inselzeit zurückkommt)

Ich gucke aus dem Fenster –
draußen ist noch da.
Ich summe eine Melodie
und fühle mich wunderbar.

Zum ersten Mal sehe ich,
wie alles ist.
Wie gut,
dass du doch noch gekommen bist.

Seitdem
bin ich für mein Alter schon weit;
denn seitdem weiß ich,
warum alles ist.

Und jetzt hab ich Zeit!


Der alte Hut
(von einer, die eine Bitte loswerden möchte)

Und wenn ich auch erst 40 bin,
und du bist 60 und …,
ist das doch heute für und gegen
gar nichts mehr ein Grund.

Bei dir, da könnt´ ich sein wie ich,
nichts wäre mehr verkehrt;
wo man seinen Rock hinlegt
und wie ein Huhn verzehrt.

Und darum, - junger Mann – bitt ich dich:

Nimm mich doch ein Stück
mit unter deinen Hut,
deine Nähe
tut mir gut!

Du murmelst was von Falten
und nicht mehr allen Haaren,
als ob es für mich wichtig wär,
wie viel es einmal waren.

Dich könnt ich alles fragen,
du lachtest mich nie aus,
und würdest auch nichts sagen,
käm ich mal nicht nach Haus.

Ich könnte bei dir lernen,
was ich noch lernen muss:
viel sagen ohne Worte
und einen ganz langen Kuss.

Denk jetzt nicht an die Leute
und sage einfach nein,
vielleicht werde ich ja nicht ein Leben lang
mit dir zusammen sein …


Schluß
(von einem, der nicht so froh ist, wie er tut)

Was ich dir übrigens noch sagen muss:
Hab mit meiner Liebe Schluss!
War höchste Zeit!
Waren schon zu lange zusammen!
War einfach so weit!
War besser so!
Ich bin richtig froh!

Haben uns zwar irgendwie geliebt,
waren schließlich lange zusammen,
finden aber, dass es noch andere gibt!
War besser so!
Bin richtig froh!

Du hast das kommen sehen?
Sie wollte mit einem anderen gehen?
Das kann ich nicht verstehen!
Ich sag ja: war besser so!
Bin richtig froh!

Nur wegen einem anderen
ist sie mich plötzlich leid
und vergisst unsere lange Zeit.
War für mich vorher besser als so.
Nur sie, sie ist jetzt richtig froh …!

Alleine am Meer
(von einer, die in der Inselzeit steckt)

Du weißt,
ich war heute alleine am Meer.
Es war wie immer voll Wasser,
der Himmel war wie immer voll Wolken,
und der Strand
war immer voll Sand.
Nur ich war ziemlich leer.

In einem zugigen Strandcafé
schlürfte ich lustlos einen heißen Tee
und schrieb in meiner Not
mit Sirup
deinen Namen auf mein Brot.

Als ich damit fertig war,
habe ich ihn leise gelesen.
Da ist es wie immer gewesen.

Geheime Türen
(von einer, die die Inselzeit hinter sich gelassen hat)

Es gibt geheime Türen
im Palast ihrer Seele,
die sie allein
niemals entdecken wird –
nur ein anderer
vermag sie zu öffnen
mit den Händen
seiner Liebe.

Erinnerungen
(von einer, die ein neues Leben beginnt …)

Wo sind sie geblieben,
meine einstigen Lieben?
Verstreut haben die Jahre
Sie in alle Winde,
verwischt ihre Spuren
in ihrem Leben.

Erinnerungen sind
Siebe im Herzen,
durch die Leben rieselt
wie feiner Sand ins Leere.

Nur auf dem schmalen Grat
zwischen Vergangenheit und Zukunft,
zwischen dem Augenblick,
der gerade vergangen ist,
und dem, der gleich beginnt,
nur hier ist immer Leben.

Wo bist Du?