Brief von Thay
Blue Cliff Monastery, den 12. Oktober 2007


Liebe spirituelle Familie,


Blue Cliff ist im Herbst sehr schön. Die Wälder sind mit sich färbenden Blättern geschmückt. Heute beginnt um 11 Uhr ein Retreat mit dem Thema „Im Herbstwind sitzen“ und von überall her kommen Retreatteilnehmer, um daran teilzunehmen. Viele Menschen haben sich dafür angemeldet, doch wir konnten nicht alle unterbringen und mussten vielen von ihnen absagen. Unsere monastischen Brüder und Schwestern und auch Laienfreunde haben deswegen ein sehr schlechtes Gefühl, aber es gibt keine andere Möglichkeit. Dies ist das erste große Retreat in Blue Cliff. Alle möchten kommen, um mit der Sangha zu praktizieren und dabei auch das neue Kloster zu erkunden.
Am Nachmittag des 9. Oktobers kam die Zeitschrift TIME, um Thay über die Ereignisse, die derzeit in Burma stattfinden und über das Thema Klimaerwärmung zu interviewen. Das Interview wird im Internet zu finden sein. In Bezug auf Burma sagte Thay, es sei mutig von den burmesischen Mönchen , sich zu erheben, um den Menschen einen Weg zu Menschenrechten und Demokratie zu zeigen. Sie beweisen hiermit, dass sie der spirituellen Führung ihres Landes würdig sind. Ein Land und eine Nation kann nicht ohne eine spirituelle Dimension sein. Ein menschliches Leben braucht auch eine spirituelle Dimension. Ohne eine spirituelle Dimension werden wir nicht in der Lage sein, dem Leiden zu begegnen, es zu verwandeln und dem Leben etwas zu schenken. Ein Mensch ohne spirituellen Weg wandelt in der Dunkelheit. Sind wir auf einem Weg sind wir nicht länger in Angst oder Sorge.


Zum Thema Klimaerwärmung erzählte Thay der Zeitschrift TIME die Geschichte über das Paar, das das Fleisch ihres Sohnes aß – die Geschichte, die der Buddha indem Sutra „Das Fleisch des Sohnes“ erzählt. Dieses Paar mit seinem kleinen Kind muss auf der Suche nach Asyl die Wüste durchqueren. Weil sie keine geografischen Kenntnisse haben, geht ihnen auf halber Strecke das Essen aus. Ihnen wird klar, dass sie alle in der Wüste sterben werden und es gibt keine Hoffnung, dass sie das Land am anderen Ende der Wüste erreichen werden, um um Asyl zu bitten. Sie entscheiden sich schließlich dazu, ihren kleinen Sohn zu töten. Jeden Tag essen sie ein kleines Stückchen seines Fleisches, um genügend Energie zu haben um weiterzukommen, und den Rest des Fleisches tragen sie auf ihren Schultern, so dass es in der Sonne weitertrocknen konnte. Jedes Mal wenn sie einen kleinen Brocken des Fleisches gegessen hatten, schauten sie sich an und fragten: „Wo ist unser geliebtes Kind jetzt?“ Nachdem der Buddha diese tragische Geschichte erzählte hatte, schaute er seine Mönche an und fragte:“ Glaubt ihr, dieses Paar war glücklich, das Fleisch ihres Sohnes zu essen?“ „Nein, von-der-Welt-Verehrter. Das Paar litt, als es das Fleisch des Sohnes essen musste“, antworteten die Mönche. Der Buddha lehrte: „Liebe Freunde, wir müssen beim Essen auf solch eine Weise praktizieren, dass wir Mitgefühl in unserem Herzen bewahren können. Wir müssen in Achtsamkeit essen. Wenn nicht, dann essen wir vielleicht das Fleisch unserer Kinder.“

Die UNESCO berichtete, dass jeden Tag ungefähr 40000 Kinder an Hunger oder Mangelernährung sterben. Zur gleichen Zeit wird in großen Mengen Weizen und Mais angebaut, um Vieh damit zu füttern (Kühe, Schweine, Hühner, usw.) oder um Alkohol zu produzieren. Über achzig Prozent des Mais und über 95 Prozent des Hafers, der in den Vereinigten Staaten angebaut wird, wird als Viehfutter verwendet. Allein die Rinderherden auf dieser Welt verbrauchen die Menge an Kalorien, die dem Bedarf von 8,7 Milliarden Menschen entspricht, das ist mehr als die gesamte Erdbevölkerung.

Wenn wir achtsam Fleisch essen und Alkohol trinken, wird uns bewusst, dass wir das Fleisch unserer Kinder essen.

Im Jahre 2005 begann die Organisation der Vereinigten Nationen für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) eine tiefgehende Untersuchung, in welchem Maße der welweite Viehhaltungsektor eine Vielzahl an schwerwiegenden Einflüssen auf die Umwelt hat. Der Bericht mit dem Titel „Der lange Schatten der Viehhaltung: ökologische Aspekte und Möglichkeiten“ wurde am 29. November 2006 herausgegeben. Henning Steinfeld, Leiter der FAO Informations- und Politikabteilung für Viehhaltung und Hauptverantwortlicher für den Bericht, sagt, dass „ der Viehhaltungssektor an zweiter oder dritter Stelle steht, wenn es um die Hauptursachen für die schwerwiegensten Umweltprobleme geht, sei es nun auf globaler oder lokaler Ebene. Die Ergebnisse dieses Berichtes schlagen vor, dass diesem Punkt größte Bedeutung zugemessen werden sollte, wenn es um Themen wie Landdegradierung, Klimawandel, Luftverschmutzung Wasserknappheit, Wasserverschmutzung und Verlust der Artenvielfalt geht. Der Beitrag, den die Viehhaltung zu Umweltproblemen leistet, steht auf einer ebenso hohen Skala, wie ihr möglicher Beitrag zur Lösung dieser Probleme. Der Einfluss ist so gewaltig, dass er mit großer Dringlichkeit angesprochen werden muss.“

Landegradierung: Derzeit werden 70 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen und 30 Prozent der Erdoberfläche für die Viehhaltung genutzt. Wälder werden für neue Weiden gerodet, und die Abholzung schreitet weiter voran. In Lateinamerika beispielsweise wurden ungefähr 70 Prozent der Urwälder in Weideland umgewandelt. Das zeigt uns, dass das Viehhaltungsgeschäft Millionen von Quadratkilometer Wald zerstört hat, um Viehfutter anzubauen und Weiden für Tiere zu schaffen. Darüber hinaus gelangen bei der Zerstörung der Wälder sehr hohe Mengen an Kohlenstoffdioxid, die in den Bäumen gespeichert sind, in die Atmosphäre.

Klimawandel: Der Viehhaltungssektor hat große Auswirkungen auf die Atmosphäre und das Klima. Er ist für verantwortlich für „18 Prozent der Treibhausgase – gemessen am CO² - und hat somit einen höheren Anteil als der Transport.“ Das bedeutet, dass die Tierhaltung mehr Treibhausgase produziert als alle PKWs und LKWs auf der ganzen Welt zusammen. Der Viehhaltungssektor ist für 9 % des anthropogenen CO² Ausstoßes verantwortlich, ebenso für 37% der anthropogenen Methangase, die durch Gärungsprozesse beim Wiederkäuen entstehen. Diese Menge ist enorm hoch, weil jedes Kilo Methan bei der Erwärmung der Atmosphäre eine 23 fach stärkere Wirkung hat als das CO² (es hat das 23 fache „Klimaerwärmungspotential“ von CO²). Die Fleisch-, Ei- und Milchindustrie ist ebenfalls verantwortlich für 65% des anthropogenen Stickstoffmonoxyds, das zum Großteil vom Mist kommt. Stickstoffmonoxyd hat als Treibhausgas eine 300 fach stärkere Wirkung als das CO². Es ist auch verantwortlich für ca. zwei Drittel der anthropogenen Ammoniakausstoßes, der stark zum sauren Regen und zur Übersäuerung des Ökosystems beiträgt.

Wasserknappheit und Wassrerverschmutzung: Mehr als die Hälft des Wassers, das in den USA verbraucht wird, wird für die Tierhaltung genutzt. Man braucht ca. 10000 Liter Wasser, um ein Pfund Fleisch zu produzieren. Für die Produktion von einem Pfund Weizen hingegen braucht man nur 100 Liter Wasser. Das Vieh in den USA produziert sehr hohe Mengen an Exkrementen, 130 Mal mehr als der Mensch. Es werden pro Sekunde 50000 Kilo Kot von den Tieren ausgeschieden. „ Der größte Teil des Wassers, das vom Vieh getrunken wird, kehrt in Form von Gülle oder Schmutzwasser in die Umwelt zurück. Viehexkremente enthalten beträchtliche Mengen an Nährstoffen (Stickstoff, Phosphor, Potassium), Medikamentrückständen, Schwermetallen und Krankheitserregern. Diese Abfallprodukte gelangen in Bäche und Flüsse, verunreinigen Wasserquellen und verursachen Krankheitsausbrüche, die alle Arten betreffen.

So wie der Buddah uns warnte, essen wir das Fleisch unserer Kinder und Enkelkinder. Wir essen das Fleisch unserer Mütter und Väter. Wir essen unseren eigenen Planeten. Das Sutra „Das Fleisch des Sohnes“ sollte der gesamten Menschheit zugänglich sein, um zu lernen und zu üben.

Die Empfehlung der Vereinten Nationen ist klar: „ Die Umweltauswirkungen, die die Viehhaltung hat, müssen um die Hälfte reduziert werden, nur um zu vermeiden, dass der derzeitige Grad der Zerstörung nicht noch zunimmt“. Wir müssen die Fleischproduktion um mindestens fünfzig Prozent senken und daher fünfzig Prozent weniger Fleisch zu uns nehmen. Die Vereinten Nationen berichteten auch, dass – selbst wenn sich die Rinderhaltung um 50 % Prozent verringert - brauchen wir dennoch neue Technologien, um weniger Verschmutzung zu verursachen, indem beispielsweise Diäten für Tiere ausgesucht werden, durch die die Gärungsprozesse und die darauf folgende Methangasentwicklung reduziert wird. Sowohl auf persönlicher wie auch kollektiver Ebene muss dringend gehandlet werden. Als spirituelle und menschliche Familie können wir alle durch die Praxis des achtsamen Essens helfen, die Klimaerwärmung zu verhindern. Vegetarier zu werden könnte der effektivste Weg sein, um die Klimaerwärmung zu bekämpfen.

Buddhistische Praktizierende leben seit 2000 Jahren vegetarisch. Wir leben vegetarisch mit der Absicht, unser Mitgefühl gegenüber den Tieren zu nähren. Jetzt wissen wir auch, dass wir uns vegetarisch ernähren, um die Erde zu schützen, und um zu verhindern, dass der Treibhauseffekt der Erde schwere und nicht mehr rüchgängig zu machende Schäden zufügt.. In der nahen Zukunft, wenn der Treibhauseffekt sich noch verschlimmert, werden alle Wesen darunter leiden. Millionen von Menschen werden sterben und die Meeresspiegel werden ansteigen und Städte und Land überschwemmen. Viele lebensbedrohliche Krankheiten werden daraus folgen und alle Wesen werden an den Folgen leiden.
Sowohl monastische als auch Laienpraktizierende sind Vegetarier. Auch wenn die Anzahl der Laienpraktizierenden, die 100% vegetarisch leben, geringer ist als die der monastischen, ernähren sie sich doch an vier oder zehn Tagen im Monat vegetarisch.. Thay glaubt, dass es nicht so schwierig ist mit dem Fleischessen aufzuhören, wenn wir wissen, dass wir damit den Planeten bewahren. Laiengemeinschaften sollten den Mut und die Bereitschaft haben, vegetarisch zu leben, mindestens fünfzehn Tage pro Monat. Wenn wir dazu in der Lage sind , werden wir uns wohl fühlen. Wir werden Frieden, Freude und Glück in dem Moment erfahren, in dem wir uns für diese Lebensweise bereiterklären. Während der Retreats, die in diesem Jahr in den USA veranstaltet werden, haben sich viele amerikanische buddhistische Praktizierende dazu entschlossen, kein Fleisch oder nur die Hälfte zu essen. Das ist eine Folge ihres Erwachens, nachdem sie die Vorträge über den Treibhauseffekt gehört haben. Lasst uns Sorge tragen für unsere Mutter Erde. Wollen wir uns um alle Wesen kümmern, auch um unsere Kinder und Kindeskinder. Um unsere Erde zu retten, müssen wir lediglich. Vegetarisch zu leben bedeutet in diesem Sinne, dass wir keine Milchprodukze und keine Eier konsumieren, da sie auch Produkte der Fleischindustrie sind. Wenn wir diese nicht mehr essen, werden sie nicht mehr produziert. Nur kollektives Erwachen führt zu genügend Entschlusskraft.

Im Dezember 2007 wird Deer Park zu 100% mit Solarstrom versorgt. Alle Klöster der Plum Village Tradition in Europa und Nordamerika verzichten an einem Tag pro Woche auf die Benutzung von Autos, und viele unsrer Freunde praktizieren mit uns. Wir haben begonnen, weniger Autos und dafür elektrische Autos und Autos, die mit Biodiesel fahren, zu benutzen. Diese Autos helfen dabei, den CO² Auststoß um 50 Prozent zu verringern. Wenn wir einen Prius Toyota kaufen, der halb mit Gas, halb Elektro fährt, können wir verhindern, dass eine Tonne CO² pro Jahr in die Atmosphäre gelangt. Laut der Universität von Chicago jedoch „ist es im Kampf gegen die Klimaerwärmung effektiver, Veganer zu sein; ein Veganer verhindert im Vergleich zu einem Fleischesser, dass pro Jahr ungefähr 1,5 Tonnen weniger CO² in die Atmosphäre gelangen... Du könntest 20000 $ für einen Prius ausgeben und immer noch mehr als 50 % CO² produzieren, als wenn du einfach aufhörst, Fleisch und tierische Produkte zu essen. Seht ihr das ein, meine liebe spirituelle Familie? Vegetarier zu sein ist ausreichend, um die Erde zu schützen. Wer unter uns hat den wunderbaren Geschmack von vegetarischem Essen noch nicht genossen? Nur wenn wir zu sehr ans Fleischessen gewöhnt sind, können wir diese Wahrheit nicht erkennen.

Heute Abend beginnen wir mit dem Retreat und jeder wird darüber informiert werden, dass während des ganzen Ratreats keine Milchprodukte und keine Eier verwendet werden. Von jetzt an werden alle unserer Retrats und alle unsere Praxiszentren in Asien, Europa und Nordamerika in dieser Form geführt. Thay vetraut darauf, dass Laienpraktizierende dies von ganzem Herzen verstehen und unterstützen werden. Unsere derzeitige Praxis soll helfen, dass sich jeder der Gefahr der Klimaerwärmung bewusst wird, um unsere Mutter Erde und alle Lebewesen zu bewahren. Wir wissen, dass wir keine keine Chance haben, die Erde und alle Lebewesen zu retten, wenn kein kollektives Erwachen stattfindet. Unser tägliches Leben muss zeigen, dass wir wach sind.

Am 2. Oktober 2007 hat Thay an der Universität von San Diego über die Angst , Sorge und Verzweiflung, die mit der Gefahr der Klimaerwärmung verbunden sind, gesprochen. Die Zahl der Menschen, die an Angst, Sorge und Verzweiflung erkranken, steigt von Tag zu Tag. Thay ist sich bewusst, dass die Erde und alle Lebewesen keine Möglichkeit haben, dieser Gefahr zu entrinnen, wenn die Menschen weiterhin in Ehrgeiz, Hass, Ignoranz leben. Diese Bewusstwerdung und Angst wird vielleicht viele Menschen überwältigen und lähmen, und es wird unter uns einige geben, die an geistiger Krankheit steben noch bevor die Gefahr der Klimaerwärmung wirklich real ist. Im Dharmatalk hat Thay die Praxis des Buddha angeboten: die Wahrheit anerkennen und nicht vor ihr weglaufen.

Der Buddha hat uns gelehrt, direkt in die Samen der Angst in uns zu schauen, und nicht zu versuchen, sie zu überdecken oder vor ihnen wegzulaufen. Das ist die Praxis der Fünf Gewissheiten. 1. ich werde alt werden 2. ich werde krank werden 3. ich werde sterben 4. ich werde eines Tages die Dinge verlieren, die mir heute lieb sind und die Menschen, die ich liebe 5. wenn meint Körper zerfällt, so stehe ich nur auf dem Boden der Handlungen meines Körpers, meiner Rede und meines Geistes – sie sind das einzige Erbe, das ich mitbringe. Wenn wir diese Wahrheiten in dieser Form annehmen können, werden wir Frieden erfahren und in der Lage sein, gesund und in Mitgefühl zu leben – wir werden nicht länger uns und anderen Leid zufügen. Wenn Menschen, die an Krebs oder AIDS erkrankt ihre erste Diagnose gestellt wird, und ihnen gesagt wird, sie hätten nur noch drei Monate oder ein halbes Jahr zu leben, dann reagieren sie zu Beginn oft mit Angst, Verzweiflung oder wollen es verleugnen. Sie können es nicht akzeptieren. Wenn sie die Wahrheit jedoch einmal akzeptiert haben, beginnen sie, in Frieden zu leben. Wenn sie Frieden haben, haben sie die Möglichkeit, jeden Moment ihres täglichen Lebens tief zu leben. Und daraus ergibt sich die Chance, länger zu leben, sogar 15 Jahre mehr. Wir haben da das Beispiel von Sr. Dam Nguyen aus Hanoi. Sie kam für ein Jahr nach Plumvillage mit der Absicht, mit Thay und der Sangha 3-4 Monate zu leben. Als sie in Plumvillage ankam, schlugen ihr die Schwestern vor, einen Arzt aufzusuchen, doch sie weigerte sich. Sie hatte nicht das Bedüfnis, einen Arzt zu sehen. Sie akzeptierte ihren Tod und sie lebte vollen Herzens jeden Moment, den sie während dieser drei Monate mit der Sangha verbrachte. Als ihr Visa auslief, wollte sie sich von der Sangha verabschieden. Eine ältere Schwester riet ihr, einen Arzt aufsuchen, „nur um mal nachzuschauen“, was mit ihrem Krebs passiert war. Schwester Dam Nguyen stimmte zu, um dieser Schwester einen Gefallen zu tun. Der Arzt sagte ihr, dass sich alle Metastasen in ihrem Körper auf eine Stelle zurückgezogen haben ,und dass es sehr gut um sie stünde. Unsere Schwester kehrte mit großer Freude nach Hanoi zurück und lebt weiterhin.

Der Buddha lehrte, dass alle Erscheinungen unbeständig sind; da ist Geburt und dann der Tod. Unsere Zivilisation ist genau so. In der Geschichte der Erde sind schon viele Zivilisationen untergegangen. Wenn unsere moderne Zivilisation zerstört wird, unterliegt auch sie dem Gesetz der Unbeständigkeit. Wenn unsere menschliche Rasse in Ignoranz und in bodenloser Gier weiterlebt, wie sie es derzeit tut, dann ist die Zerstörung dieser Zivilisation nicht sehr weit weg. Wir müssen diese Wahrheit akzeptieren, so wie wir unseren eigenen Tod akzeptieren. Wenn wir das einmal akzeptieren können, werden wir nicht mehr mit Ärger, Verleugnung und Verzweiflung reagieren. Wir werden Frieden haben. Sobald wir Frieden haben, werden wir wissen, wie wir leben , dass die Erde eine Zukunft hat; so dass wir im Geiste der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit zusammenkommen können und die moderne Technologie, die uns zur Verfügung steht, anwenden, um unseren geliebten grünen Planeten zu retten. Wenn nicht, werden wir an geistigen Qualen sterben noch bevor unsere Zivilisation wirklich dem Ende zugeht.

Unsere Mutter, die Erde, der grüne Planet leidet an dem brutalen und ignoranten Konsumverhalten ihrer Kinder. Wir haben unsere Mutter Erde zerstört, wie eine Art Bakterium oder Virus, der den menschlichen Körper zerstört, denn Mutter Erde ist auch ein Körper. Natürlich gibt es Bakterien, die gut für den menschlichen Körper sind. Trillionen dieser Bakterien befinden sich in uns, vor allem in unserem Verdauungssystem (bekannt als normale Darmflora). Sie schützen den Körper und helfen dabei, Enzyme zu produzieren, die wichtig für uns sind. Auf ähnliche Weise kann der Mensch ein lebender Organismus sein, der in der Lage ist, den Körper von Mutter Erde zu schützen, wenn er aufwacht und in Verantwortung, Mitgefühl und liebender Güte zu leben weiß. Wir müssen sehen, dass wir mit unserer Mutter Erde inter-sind, dass wir mit ihr leben und mit ihr sterben.

Mutter Erde ist durch viele Wiedergeburten gegangen. Nach der großen Flut, die durch die Erderwärmung verursacht werden wird, wird vielleicht nur ein kleiner Anteil der menschlichen Rasse überleben. Die Erde wird Millionen von Jahren brauchen, um sich zu erholen und um sich einen schönen, neuen, grünen Mantel umzulegen, und eine weitere menschliche Zivilisation wird beginnen. Diese Zivilisation wird die Fortführung unserer Zivilisation sein. Für die menschliche Art sind Millionen Jahre eine lange Zeit, doch für die Erde und in geologischer Zeitrechnung sind Millionen Jahre gar nichts; es ist nur eine sehr kurze Zeitspanne. In der letztendlichen Dimension sind Geburt und Tod nur oberflächliche Erscheinungen. Nicht-Geburt und Nicht-Tod sind die wahre Natur aller Dinge. Dies ist die Lehre des Mittleren Weges im Buddhismus.
Dieser Brief ist schon lang und Thay möchte diese Lehre nicht weiter vertiefen. Das Retreat hat angefangen und in einer halben Stunde wird sich Thay der Sangha anschließen. Thay wünscht euch allen Frieden und eine tiefe Praxis.

In Liebe und Vertrauen,

Thay