Schau, wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend geht's.

Keine putzt die Schuhe,
Keiner sieht sich um,
Staubig brechen alle
Dir ins Heiligtum;

Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
Schänden Müh und Segen
Dir des ganzen Jahrs;

Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Prahlen
Ihr entfärbt Panier.

Und wenn zu verwüsten
Nichts sie finden mehr,
Lassen sie im Scheiden
Dich, mein Herz, so leer!

Nein, und wenn nun alles
Still und tot in dir,
Oh, noch halt dich offen,
Offen für und für.

Laß die Sonne scheinen
Heiß in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!

Wenn durch deine Kammern
So die Windsbraut zieht,
Laß dein Glöcklein stürmen,
Schallen Lied um Lied!

Denn noch kann's geschehen,
Daß auf irrer Flucht
Eine treue Seele
Bei dir Obdach sucht.

Gottfried Keller (1819- 1890)


“Wenn man sich erinnern will, was uns in der frühsten Zeit der Jugend begegnet ist, so kommt man oft in den Fall, dasjenige, was wir von andern gehört, mit dem zu verwechseln, was wir wirklich aus eigner anschauender Erfahrung besitzen.”
(Johann Wolfgang Goethe, Dichtung und Wahrheit)

“Nicht tot möchte ich in dem Neste sein“, sagte Pfarrer Wilhelm Löhe (1808 - 1872) nach seinem ersten Besuch in dem unscheinbaren fränkischen 400-Seelen-Dorf auf der sogenannten “Bettelhöhe”, einer Ebene nördlich des an der Rezat gelegenen Städtchens Windsbach und südlich der Klosterstadt Heilsbronn. Da war er achtundzwanzig. Aber er kam wieder und blieb fünfunddreißig Jahre.
Ich muss dem Pfarrer Löhe Recht geben. Nicht tot, sondern lebendig und quietschvergnügt möchte ich hier sein. Mit achtundsechzig Jahren. Leben. Nicht unbedingt wie Gott in Frankreich, aber wie ein Mensch in Franken. Leben und leben lassen.
„Gott will mir in Dettelsau ebenso ein stilles als tätiges Leben erhalten und zum Segen meiner Seele werden lassen“ schrieb der Gründer der Diakonissenanstalt, als feststand, dass er hier als Dorfpfarrer wirken sollte.

Etwa ein Jahrhundert später, Dienstag, 11. Juni 1940:
“Im Krieg gegen Frankreich überschreiten Verbände der deutschen Heeresgruppe B die untere Seine. In der Champagne erobert die 34. Infanterie-Division Reims. Am 22. Juni wird im Wald von Compiègne ein deutsch-französischer Waffenstillstand geschlossen: Er teilt Frankreich in eine besetzte und eine unbesetzte Zone ein.”
(Johannes Ebert, Andreas Schmid, Das Buch vom 11. Juni, Chronik Verlag, Gütersloh/München 1996)

1940.
Für Europa ein annus horribilis, für die junge Mutter in einer unbeheizten Kammer im Obergeschoss eines Bauernhauses im ältesten Abschnitt der Bahnhofstraße, der Einmündung des “Rottler-Gässchens” gegenüber, ein annus benedictus. Jubel über Jubel. Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt!
„Was für Tage und Wochen atemberaubender Spannung liegen hinter uns! Was für unerhört große Siege hat Gott der Herr unserem Volk und seinem Führer geschenkt! Lasst uns diese große Zeit der Weltgeschichte doch wirklich denkend, nachdenkend erleben, nicht bloß verleben!”
So wurden in einer internen kirchlichen Publikation meines Geburtsortes die Geschehnisse jenes Jahres kommentiert, nicht die von der Bahnhofstraße 9, o nein, weltbewegendere.
“O Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere:
Freude trinken alle Wesen
An den Brüsten der Natur...”
Da war der damals jüngste Einwohner von Neuendettelsau keine Ausnahme. Noch bevor die Sonne unterging, saugte er voller Lust und Vergnügen, der Säugling, der hilflose, Muttermilch und die Freude an seiner sowie die Liebe zur fränkischen Heimat in sich hinein.
“Gott segne dich, junge Frau,
Und den säugenden Knaben
An deiner Brust.”

Aber immer hübsch der Reihe nach.
Es war ein schöner Junitag mit viel Sonne und blauem Himmel, windstill, warm und friedlich. An solchen Tagen werden Lämmer geboren. Alle Verwandten und Nachbarn waren bei der Heuernte auf den Wiesen. Meine Mama, die “Gütlerstochter” Margarete, genannt Rettla, 22, verh., saß mutterseelenallein am Fenster mit ihrem dicken Bauch, “hochdick”, wie sie immer sagte.
Die fünfzehnjährige Frieda vom Bauernhof gegenüber spielte unten auf der Straße.
“Frieda, nimm mein Fahrrad und fahr’ zur Hebamm’. Ich halt’s nimmer aus.”
Die Frieda, der kein Handy zur Verfügung stand, wusste, auch ohne dass sie einen Blick auf den Turm von Sankt Nikolai warf, sofort, was die Uhr geschlagen hatte. Sie schwang sich auf den harten, schwarzen Bock mit dem Torpedo-Freilauf, mit einem Gang, einem Kettenblatt hinten und einem vorne, und strampelte ins obere Dorf, wo die andere Rett wohnte, die schon unzähligen an den Füßen aufgehängten Einwohnern des Dorfes den belebenden Klaps erteilt hatte, und zwar so überhastet, dass sie gegen einen Streuobst-Apfelbaum fuhr, wobei sich die Lenkstange verbog.
Der Anfang wäre also beinahe schief gegangen. Dann wäre ich nicht auf der Welt, und niemand könnte diese und die folgenden Geschichten erzählen.
Ein bisschen “bekloppt” sind wir ja alle, aber es könnte sein, dass die gute “Brauns Rett” mich in diesem zarten Alter, da sich die ersten Sinneseindrücke verfestigen, deutlich länger als üblich bearbeiten musste, bis ich meinen ersten Schrei tat. Heute noch kommt es vor, dass ich jahrelang nicht piep sage und urplötzlich, wenn niemand es vermutet, laut und vernehmlich den Mund aufmache. Auch weil ich die Dinge immer wieder verkehrt herum sehe, darf angenommen werden, dass ich etwas zu lange mit dem Kopf nach unten hing, dass mir eingebläut wurde, manches auf den Kopf zu stellen. Das ist mitunter eine ganz reizvolle und hilfreiche Perspektive, ähnlich der des Querdenkers.
“Der Querdenker ist ein Mensch, der in seiner Denkweise von den allgemein üblichen und als normal erachteten Denkroutinen erheblich abweicht und ungewohnte Denkbrücken zu anderen Wissensgebieten schlägt. Querdenker zeichnen sich nicht selten durch Kreativität aus, gelten aber auch als Sonderlinge oder Eigenbrödler.” (Wikipedia)
Ach, da kann einer ins Spekulieren kommen. "Ich sag es dir: ein Kerl, der spekuliert, ist wie ein Tier, auf dürrer Heide von einem bösen Geist im Kreis herumgeführt, und rings umher liegt schöne, grüne Weide.“
Die Geburtshelferin, zuverlässig wie sie war, kam also noch rechtzeitig, und es wurde eine saubere Hausgeburt, allerdings ohne das in Romanen und Filmen draußen wartende Gefolge von Eltern, Geschwistern und sonstigen Verwandten. Nicht einmal der Erzeuger war zugegen. Gefreiter war er. Zweimal. Das erste Mal am 18. Januar, vom Rettla, Hals über Kopf, verliebt, verlobt, verheiratet, fünf Monate vor meiner Geburt, jung gefreit, nie bereut. Und dann vom Staat. Vom Deutschen Reich.
Rekrutiert im sechsunddreißigsten Lebensjahr, ein Veteran unter den Milchbärten, schob er Wache an der Westfront, der hünenhafte Held, der Heimwehkranke, sollte Soldat spielen, der Spengler, der sangesfreudige, um den großen Sieg über Frankreich zu sichern.
„Der Krieg, der notwendige Weg zum Frieden, zur Sicherheit des Volkes vor künftigen Angriffen auf seine Existenz; die Bauwerke, die Deutschlands Ewigkeit darstellen sollen; auf unserem Gebiet die Sterilisation, die ihre Frucht ja selbstverständlich in kommenden Generationen zeigen kann, die Gestaltung der Ehe; das alles zeigt, wie unser Volk die Gegenwart für die Zukunft einsetzt; es folgt alles einem Grundgedanken und einer Gesamtrichtung.”
(Hans Lauerer, Die Bedeutung der christlichen Ewigkeitshoffnung für unsere Arbeit)

Der Autor vorstehender Zeilen „suchte die Publizität und beeinflusste die öffentliche Meinung.“
Apropos „Gestaltung der Ehe“.
Irgendwann im September 1939 hatten meine Eltern vor dem lieben Gott, der ja bekanntlich alles sieht, aber nichts übel nimmt, was in Liebe geschieht, ohne Publizität und ohne Zeugen die Ehe vollzogen und, da es, mangels der Antibabypille, nicht ohne Zeugen, nämlich meiner Person, abgegangen war, diese zu Beginn des darauffolgenden Jahres standesamtlich und kirchlich bestätigen lassen. Das Hochzeitsmahl fiel aus, Champagner wurde nicht gereicht. „Etz schaut einmal schön her alle drei!“ sagte der Fotograf beim Anfertigen der Brautbilder.
„Wir müssen uns doch damit auseinandersetzen, dass in der Tat die Menschen für die Menschen von verschiedenem Wert sind. Man begreift doch leicht, dass die Abstufung schwankt von der völligen Unentbehrlichkeit bis zur völligen Entbehrlichkeit“.
“O Freunde, nicht diese Töne!”
Nicht schon wieder!
“Sondern lasst uns angenehmere anstimmen, und freudenvollere”:
„Mädel hat nicht Hof noch Haus, Mädel hat kein Geld, hat kein Geld, doch ich geb sie nicht heraus für alles in der Welt“.
So sang mein Vater, der Spengler, “ein Kerl wie Samt und Seide”, wenn er die Zither spielte, nicht für einen Heller und nicht für einen Batzen, sondern für ein paar Halbe Bier in gemütlicher Runde.
Das gefällt mir besser.
So klug wie der vierte Nachfolger von Wilhelm Löhe konnte mein Vater nicht schreiben.
Aber singen konnte er. Das Rettla aus Dettelsau war sein Leben, sein Gut und sein Geld, sein Reichtum, seine Seele, sein Fleisch und sein Blut. Dazu kam am 11. Juni sein Bub, sei Bua, sei Ginterla. Beide waren unentbehrlich, zumindest für ihn.
Ihn, den Ehemann und Vater, mussten die beiden noch eine Zeitlang entbehren, von einigen Urlaubstagen abgesehen.
“Entbehrlich”? “Völlig”? Welcher Mensch ist völlig entbehrlich?
“Man begreift doch leicht, dass die Abstufung schwankt von der völligen Unentbehrlichkeit bis zur völligen Entbehrlichkeit“.
Nein, das begreife ich nicht so leicht. Hat das jemals jemand begriffen? Hat man damals überhaupt genau gelesen, was da über den Wert und Unwert menschlichen Lebens veröffentlicht wurde? Können solche Überlegungen vom Neuen Testament inspiriert gewesen sein?
“Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes und ihm ebenbildlich. Das macht seine Würde aus ... und er ist ... unendlich wertvoll. ...Weil der Mensch unendlich wertvoll ist, gilt ihm uneingeschränkte Zuwendung bis zu seinem Ende.”
(Heiderose Gärtner, Federn lassen und trotzdem schweben, Gütersloh 2004)
“Niemand wird sie aus meiner Hand reißen” (Joh. 10, 28)
Nicht die “Unentbehrlichen” und nicht die “Entbehrlichen”.
In Neuendettelsau hat man einen schmerzhaften Lernprozess hinter sich.
„Ich hoffe, ja, ich weiß, dass Dettelsau durchaus national eingestellt ist und es immer war. Es gibt gewiss niemand unter uns, der nicht zum neuen Staat bejahend steht.“
Doch. Sechs Jahre nach dieser stolzen Verlautbarung kam ein römisch-katholisch getaufter, nicht heil-, sondern mittelloser Pfannenflicker aus dem Allgäu dahergelaufen, ein ehemaliger Ministrant aus Memmingen, den sein Pfarrer gerne als Theologiestudenten gesehen hätte, gewann Herz und Hand einer Eingeborenen und werkelte und wirkte, nachdem er den „siegreichen“ Krieg überlebt hatte, in der ehemaligen Waschküche des zu Sankt Nikolai gehörigen alten Pfarrhauses.
Johann K. hat von 1946 bis 1948 im Hinterhof dieses Hauses gewirkt, hat Kannen, Pfannen und Töpfe geflickt, selbige sowie auch Wärmflaschen hergestellt in einer Zeit, da es nichts zu kaufen gab.
„Für meine Person habe ich es schon oft genug gesagt, dass mir der Nationalsozialismus ein großes inneres Erlebnis geworden ist, ein Geschenk Gottes.... So ist es selbstverständlich, dass ich für meine Person mit ganzer Freudigkeit den neuen Weg gehe, den Gott unser Volk führt.”
Das stammt auch nicht von besagtem Johann, vulgo Hanni, meinem Vater. Der muss einen anderen Gott gehabt haben. Vielleicht den von einem gern gesungenen fränkischen Kirchweihlied:
„O du brauns Bierla, du bist mei Gott, mei Gott,
bald dreht’s mi Wista, bald dreht’s mi Hott.“

Anmerkung:
Die Zitate über das “Dritte Reich” finden sich in einer Dokumentation von Christine-Ruth Müller und Hans Ludwig Siemen: “Warum sie sterben mussten. Leidensweg und Vernichtung von Behinderten aus den Neuendettelsauer Pflegeanstalten im Dritten Reich”, Neustadt a. d. Aisch 1991.

Passende Fotos zu diesem Artikel finden sich in meinem Fotoalbum “Erinnerungen”.