Als ich in die Klinik kam, war sie schon eine Woche dort. Ich sah sie das erste Mal, als ich meinen Koffer aufs Zimmer brachte. Sie lag im Bett, erschöpft, krank, fast bewegungslos und trotzdem begrüßte sie mich freundlich, erklärte mir, das Tag des Schweigens ist und was es bedeutet, erklärte mir ebenso, dass die Zimmer therapiefreie Zone sind, wünschte mir ein gutes Ankommen und Einleben, bat mich um Verzeihung, dass sie im Bett liege, aber ihr täte alles weh und sie könne sich kaum bewegen.
Meine Zimmergenossin.
Sie sollte es 11 Wochen lang bleiben. Nie hatten wir in den 11 Wochen irgendwelche Probleme miteinander. Vom ersten Tag an, war Rücksichtnahme aufeinander normal, kein Problem damit, wer zuerst ins Bad geht, abends kein Problem wann das Licht ausgemacht wird, wir hatten von Anfang an den gleichen Tagesrhythmus. Wir räumten gemeinsam auf, wuschen unsere Wäsche gemeinsam und hatten manche guten Gespräche.
Sie war, nein sie ist Brasilianerin, war verheiratet mit einem deutschen Arzt, hat zwei Söhne. Ihr Mann hatte sich vor 12 Jahren das Leben genommen. Seither schlug sie sich durchs Leben, erzog ihre Söhne erfolgreich, schaffte es trotz Beruf und aller Schwierigkeiten sich auch noch in die Gemeindearbeit einzubringen. Sie hatte nie Unterstützung durch die Schwiegereltern erhalten, die einfach davon ausgingen, dass es ihr finanziell gut ginge. Die die nachfragten. Und nein, es ging ihr finanziell gar nicht gut. Sie musste das Haus verkaufen. Die Lebensversicherungen waren als Sicherheit für die Praxis, die ihr Mann vor nicht allzu langer Zeit eröffnet hatte, hinterlegt. Davon sah sie nicht einen Penny, Ihre Witwenrente war klein, da ihr Mann nur die erforderliche Zeit in einer Klinik angestellt war, die es brauchte um sich selbständig zu machen.
Doch danach fragte niemand. Hintergründig machte man ihr sogar den Vorwurf schuld am Tod ihres Mannes zu sein. Sie hatte den Tod bis dahin nicht verwunden. Sprach immer sehr liebevoll von ihrem Mann. Sie erzählte von ihrer schweren Kindheit in Brasilien, von der Misshandlung durch den älteren Bruder, der Alkoholiker war, die Misshandlung durch den Stiefvater. Wie sie aus Brasilien weg ging um in Deutschland zu studieren, wie sie dann, als sie schon mit dem Studium fertig war und nach Brasilien zurück wollte, ihren Mann kennen lernte und in Deutschland blieb.
Gekämpft hatte sie ihr ganzes Leben und dann kam der totale Zusammenbruch, psychisch und physisch. Als sie in der Klinik ankam, konnte sie nicht einmal mehr den Kopf nach rechts oder links drehen, sie konnte sich nur mit kleinen Schritten nach vorne bewegen. Sie war am Ende.
Und trotz allem war und ist sie ein Mensch geblieben, der alle und alles verstehen wollte, der nie abfällig über jemand anderen sprach. Anders als ich, die von Menschen sehr schnell genervt war, sich schnell ein abfälliges Urteil über jemanden bildete und sich abwendete, versuchte sie zu verstehen. Die Gespräche mit ihr werden mir unvergesslich bleiben. Sie hat mir geholfen, vieles mit anderen Augen zu sehen.
„Nika, diese Frau, die dich da so nervt in deiner Kerngruppe, sie ist krank, krank wie du und ich und sie reagiert eben anders, sie meint es sicherlich nicht böse, es sind ihre Erfahrungen, die sie so reagieren lassen, so wie deine Erfahrungen dich reagieren lassen und meine Erfahrungen mich.“
Das hab ich oft von ihr zu hören bekommen und durch sie lernte ich, mich zu reflektieren, zu erforschen, warum nervt mich das, warum reagiere ich so und nicht anders und zu verstehen, dass eben der andere aufgrund bestimmter Situationen auch sein Verhaltensmuster hat, das ihm geholfen hat zu überleben, so wir mir mein Verhaltensmuster auch geholfen hat zu überleben.
„Nika, sieh die Menschen mit weichen Augen an“.
Mit weichen Augen? Ja, sie hatte recht. Mann muss den anderen mit weichen Augen betrachten und ihm nicht nur ins Gesicht, sondern auch in die Augen schauen. Den Schmerz in den Augen des anderen sehen. Nicht nur die Fassade, die er mir zeigt. Nachdem ich das verstanden hatte, ging es auch mit meiner Therapie voran und ich konnte auf Menschen zugehen, konnte verstehen, konnte Freundschaften knüpfen.
Nach 6 Wochen Therapiezeit erhielt sie einen Anruf, ihr Schwiegervater hatte Selbstmord begangen. Sie brach weinend zusammen. So traf ich sie, als ich zur Pflege wollte um meinen Blutdruck messen zu lassen. Ich blieb bei ihr, tröstete sie, so gut es ging, bis der Arzt Zeit für sie hatte. Sie überwand auch diesen Schicksalsschlag.
Wir machten Spaziergänge miteinander, erst kurze, da sie noch nicht so konnte, dann den ersten Spaziergang runter nach Oberstdorf, den Bummel durch die kleine Stadt, die Geschäfte in der vorweihnachtlichen Zeit. Sie genoss es, sie hatte so etwas schon so lange nicht mehr machen können. Sie kaufte ein, Geschenke für die Söhne, Geschenke für Freunde, freute sich wie ein kleines Kind. Mit dem Bus fuhren wir dann zurück und sie war so glücklich, dass sie das geschafft hatte, dankbar darüber, dass ich sie mit so viel Geduld begleitet hatte obwohl es für mich so selbstverständlich war. Hatte ich ihr doch so vieles zu verdanken.
Wir besuchten mit anderen ein Konzert, auch das ein Genuss, den sie lange entbehren musste.
Als sie ging, ging mir das erste Mal ein Abschied wirklich zu Herzen. Sie bat mich, ihre Abschiedsrede zu halten und das tat ich auch.
Sie war mein Engel, wenn auch mit gebrochenen Flügeln. Als sie ging, konnte sie wieder fliegen, noch unsicher, doch sie flog wieder.
Ich danke dir, die du für mich ein Engel warst, auch wenn ich deinen Namen hier nicht nennen werde, behalte ich ihn doch in meinem Gedächtnis und in meinem Herzen.
Text: Nika Nachtwind http://easy.to/nika
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