Mein Dienst beginnt um 6 Uhr. Als erstes findet die Übergabe von der Nachtwache an uns, der Frühschicht statt. Hier geht es darum, dass besondere Vorfälle berichtet werden. In dieser Nacht gab es keinen, also war die Übergabe in einer viertel Stunde beendet. Dann frage ich meine Kollegen/innen, wer zu welchen Bewohnern gehen möchte. Wir sind zu fünft an diesem Morgen. Das heißt, jeder von uns hat sechs oder sieben Bewohner zu “betreuen”! Die meißten auf unserer Station sind entweder dement oder haben schwere körperlichen Leiden. Nur eine Frau von 95 Jahren, die freiwillig zu uns kam, ist selbständig! Ich nenne sie Frau Hein, die sich jeden Tag betrinkt auf ihrem Zimmer. Hiermit beginnt sie immer so um 17 Uhr. Uns ist nie in den Sinn gekommen, sie hierfür zu “tadeln” oder sie deshalb weniger zu mögen, denn sie ist trotz allem, eine angenehme alte Dame. Die Kollegen machen sich nun an die Arbeit, während ich beginne, die Medikamente zu richten , um sie dann auszuteilen.

Um acht Uhr sitzen die meisten Bewohner schon im Frühstücksraum in ihren Rollstühlen. Frau Hein holt sich ihr Frühstück selbst vom Essenswagen und trägt es in ihr Zimmer. Den anderen sind wir nun behilflich bei ihrer Nahrungsaufnahme, denn fast alle können es nicht mehr selbst tun. Den bettlägerigen Bewohnern , die weder essen noch trinken können, versorgen wir mit Sondennahrung oder Tee. Je nach Plan. Aus allen Ecken und Zimmern höre ich immer wieder:”Hallo kommen Sie doch mal zu mir”! Die meisten von uns antworten fast immer mit “Ja gleich Frau oder Herr Sowieso”. Und wir alle wissen, dass wir es nicht schaffen werden, zu ihnen zu gehen. Es ist nun zehn Uhr, und somit Zeit, die bettlägerigen Leute zu waschen und versorgen. Ich gehe zu Frau Albert, die noch keiner von uns lächeln sah. Sie ist “boshaft”! Und so sieht auch heute und wie immer ihre morgendliche Begrüßung aus: “Na, da bist du ja wieder Du alte Schlampe”! Manchmal ersetzte sie dieses Wort auch durch “Hure”. Ich antworte mit “Ja Frau Albert, ich weiß ja was Sie mir wirklich sagen wollen”! Es ist nicht sie, sondern ihre endlose Leere in ihrem “Leben”, die sie so sein läßt. Ich erzähle ihr alltägliche Dinge, die sie manchmal durch Spucken oder drohende Gesten beantwortet. Sie ist nicht die oder der einzige, die so reagieren.

Um elf Uhr ist Visite. Ich haste mit dem Doktor durch die Zimmer. Er fragt mich Dinge, kann aber auf die Antworten kaum eingehen. Wie auch? Als wir zu Frau Albert kommen, die am Zeitungslesen ist, begrüßt sie der Doktor mit: “ Guten Tag Frau Albert, was lesen Sie denn da Schönes”? Sie antwortet: “Da steht drin, dass Du ein großes Arschloch bist, und deine Mutter die größte Drecksau der Welt ist”! In solchen Momenten, die alles andere als selten sind, kann ich mir ein Lachen nicht verkneifen. Dieses ist kein Auslachen, sondern eine Art Selbstschutz. Ständiges Mitleid ist in diesem Job “nicht drin”! Kollegen, die es doch haben, sind nach spätestens zwei Jahren an einem Burnout-Syndrom erkrankt, und somit auch raus aus diesem Beruf.

So gegen ein Uhr sind wir “fertig” mit unserem Schaffen. Der Spätdienst kommt, und die nächste halbe Stunde werden wir wieder mit der Übergabe verbringen.

Das Klagen, Stöhnen, Bitten und auch Geschreie der Bewohner, dass ich noch im Ohr habe, gebe ich an der Pforte ab! Das Talent habe ich Gott sei Dank.