Heute früh war noch alles in Ordnung.
Ich konnte ausschlafen, habe trotz Schnupfen sogar gut geschlafen, bin fix mal bei PN rein, habe ein bisschen gelesen und geschrieben. Dann musste ich nach Essen, Baustützen holen, weil sich durch den Schnee die Balken unseres Flachdachs über der Terrasse biegen. Mein Schwager hat sowas noch rumstehen.
Ich hatte schon fast vergessen, dass der Eiskratzer zerborsten war, weil er unvermittelt gegen einen sturen Eisplacken knallte, der sich krampfhaft an meine Frontscheibe klammerte. Das abgebrochene Teil war nicht groß, doch groß genug, mir eine Schramme auf der Wange zu verpassen..dabei hätte es nur mich verpassen müssen…2 Zentimeter weiter links..ich finde, das wäre als Flugbahn durchaus im zumutbaren Rahmen gewesen…aber nein! Egal - war, wie schon erwähnt, fast vergessen.
Gerade wollte ich den dritten Gang einlegen, da fiel mir das Gewusel am Straßenrand auf. Ein alter Mercedes stand halb in dem angefrorenen Berg drin, den die Kehrmaschine irgendwann vor Weihnachten in den Rinnstein schob. Seither ward das Ding in unserer Nebenstraße nicht mehr gesehen. Läge kein Schnee, hätte der Wagen mich nicht behindert, doch auch auf der gegenüber liegenden Seite hatte besagte Maschine und auch Anwohner, ihren Schnee zu einem netten Hügel in die Rinne geschoben. Mir blieb nichts übrig, als zu warten. Den Berg mit meinem Auto zu verteilen, erschien mir wenig sinnvoll. Bald wurde mir klar, dass ich heute nicht mehr nach Essen käme, wenn ich nicht eingreife. Sieben Personen, geschätztes Gesamtalter 600 Lenze, versuchten mit ihren Gehstöcken die Eisklumpen von den Räder wegzuschieben.
Wenigstens einer war so klug, mit der breiteren Seite zu schieben, die eigentlich in der Hand gehalten wurde. Ich hatte den Schneeschieber im Auto, denn knietiefer Schnee erwartete mich laut Auskunft meines Gatten, der nicht nur den Schnee auf den Flachdächern inspiziert hatte. Zum Arbeiten hat er ja mich, wobei er die Unterstützung meines Schwiegersohnes telefonisch delegiert hatte.
Doch an Garten war noch ja nicht zu denken, erst musste die Rentnerfeuerwehr von der Straße. Ich stieg aus und schon verschwanden alle anderen glücklich, weil jetzt eine „junge Frau“ da war.
(Danke, Väterchen, watt trinkste?)
Alles, was ich mit dem Schieber erwischen konnte, schob und schippte ich auf die Wiese nebenan.
„Ach ja, man sollte bei dem Wetter gar nicht erst raus gehen,“ jammerte das zarte Mütterchen im Pelzmantel.
„Müssen sie denn unbedingt weg? Hier ist keine Straße schneefrei, “ klärte ich auf.
„Ich will nach Edeka,“ gab sie zu und wies auf die schon sichtbare Leuchtreklame.
„Nach Edeka? Warum laufen sie das Stück nicht hin? Das geht doch schneller als ein Auto von Schnee und Eis zu befreien, “ staunte ich.
„Dann muss ich die ganzen Sachen aber tragen,“ entrüstete sie sich.
„Kaufen sie sich doch so eine Tasche mit Rädern dran,“ riet ich ihr.
„Habe ich im Keller. Die müsste ich erst rauf holen!“
Ich war sprachlos! Eine veraltete Gymnastikgruppe auf die Beine zu stellen, fiel ihr wohl leichter. Mein verschnupftes Hirn suchte nach Gründen, den gerade geschippten Schnee NICHT wieder vor das Auto zu werfen. Meine Faulheit siegte. So ein doofer Tag!
Hinter meinem Auto, das natürlich auf der Straße stand, wenn auch so weit wie möglich rechts, hupte ein BMW. Der junge Mann südländischer Herkunft mokierte sich über die Straßensperrung. Ich klärte ihn auf und wies auf den Schneeberg, der frisch aufgeworfen dort lag.
„Da kann man doch seitlich dran vorbei! Da fährt meine Oma mittem Panzer durch, “ maulte er…und stand kurz darauf mit seiner tiefer gelegten Karre in dem eisharten Berg, nachdem mit einem hässlich knirschendem Geräusch sein Spoiler das tat, was kurz vorher mein Eiskratzer auch gemacht hatte. Diesmal war mein Kopf weit genug weg. Der junge Mann stand auf dem Eisberg, die Antriebsräder drehten durch. Er wollte meinen Schneeschieber haben, doch ich riet ihm, die Oma mit dem Panzer anzurufen. `N Handy haben die ja alle. Ich musste ja auch endlich nach Essen! Ein toller Tag!
Essen war als Kulturhauptstadt natürlich gestreut und fix lagen die Baustützen quer in meinem Auto. Ab zurück nach Bottrop, Schwiegersohn einladen und zum Garten. Ein gut handbreiter Pfad ließ uns wie Gänse hintereinander zu unseren Gärten watscheln. Nun musste erst mal der eigene Gartenweg zum Haus geräumt werden. Die Katzen hatten in der gefrorenen Erde keine Kuhle für ihre Geschäfte graben können und alles auf dem Gartenweg hinterlassen. Natürlich latschte ich rein, was mir aber erst auffiel, als ich beim Verlassen des Gartenhauses die braunen Spuren entdeckte, die rein führten.
Nun endlich schnupperte mein Schwiegersohn…
„Hier stinkt’s nach Sch….!“
„Du kannst nichts mehr abbekommen, hab ich alles schon verteilt,“ knurrte ich und versuchte, die größte Sauerei mit Tüchern von der Küchenrolle zu beseitigen, weil das Wasser abgesperrt und das in den Eimern gefroren war. Mein Schwiegersohn brachte mit heiterem Gesichtsausdruck die Stützen an. So ein doofer Tag!
Als ich meinen großen Einkaufskorb entdeckte, fiel mir ein, dass ich den Aufgesetzten mitnehmen wollte. Schnell stellte ich alles in den Korb, der dann zu schwer war. Also nahm ich die gute Stofftasche mit den Teddybären drauf, die Irmi mir zum Abschied geschenkt hatte und stellte drei Flaschen dort hinein. Schnell noch zwei leere Blumenkästen mitnehmen und dann den Rückweg antreten.
Schwiegersohn wegbringen und ab nach..nee, erst noch Blumenerde kaufen, die Zwiebeln der Tulpen MÜSSEN bis Ende Dezember eingepflanzt sein, sonst wird das nix mehr.
Bei Fockenberg hätte ich 70Liter Erde für 2,50 Euro bekommen. Leider lag die draußen und man konnte die gestapelten Säcke nicht voneinander trennen. Ab zu Wilms. Die haben ihre Blumenerde drin…von Compo. Ich schäme mich zu sagen, was ich für 70 Liter ERDE bezahlt habe…;-(
Da es jetzt eh nicht mehr drauf ankommt, nehme ich für meine allerliebste Nachbarin noch Glücksklee in einem kleinen Töpfchen mit, in dem noch ein Schornsteinfeger steckt…na, wenn DAS kein Glück bringt.
Ich stelle den Topf auf die Rückbank, öffne den Kofferraum und wuchte den schweren Sack mit der Erde hinein. Die leeren Blumenkästen, die ich oben auf die Rückenlehnte stellte, damit die Erde die frostigen Dinger nicht auch zerbröselt, rutschen auf die Rückbank. Obwohl da noch der Kindersitz ist und auf der anderen Seite viel mehr Platz, hat sich die kleine Fläche, also dieses gut Handflächen große Stück, das sich seitlich der Kästen befindet, genau den Glücksklee aus gesucht, um drauf zu landen. Gut, dass der nun hin ist, das hätte ja wohl nix gegeben….wenn der nicht mal selber Glück hat! Son Sch…..tag aber auch!
Mein Magen knurrte. Huch, habe ich schon wieder vergessen zu frühstücken? Ja! Na gut, esse ich gleich zu Mittag, ganz ohne kochen, nur einfach Reste essen…ein toller Tag!
Ich sehe das grüne Männlein mit der Kelle schon 100 Meter vorher. Der winkt MICH ran??? Seit ich meinen Führerschein habe, und das sind jetzt…äh….verdammt viele Jahre, bin ich nur zwei Mal angehalten worden.
„Allgemeine Verkehrskontrolle, bitte mal Führerschein und Kfz-Schein!“
Ich krame in meiner Handtasche.
„Ich weiß genau, dass ich mal einen gemacht habe, “ strahle ich ihn etwas schief an, denn meine Nase läuft schon wieder. Der junge Uniformträger kommt näher. Er schnüffelt! Herrje! Die Schuhe waren doch sauber! Das ist aber jetzt peinlich!
„Haben sie Alkohol getrunken?“
„Nöö, aber wenn sie welchen da haben, gerne,“ ulke ich, denn der sieht plötzlich so grantig aus und braucht ne Aufmunterung.
„Mir scheint, sie haben schon ganz nett getankt,“ brummelt der Mann, dem nicht mal Flaum auf der Oberlippe wächst und winkt seinen Kollegen heran. Inzwischen habe ich auch meine Papiere gefunden. Weil ich gerade heftig schnäuze, verstehe ich die erste Aufforderung, aus dem Auto zu steigen, nicht.
„Sie sollen aus dem Auto steigen! Wann haben sie Alkohol getrunken?“
Leicht irritiert und Kopf schüttelnd über den jetzt gar nicht mehr soooo freundlichen Ton steige ich aus und lege dem neu dazu gekommenen Herrn die Papiere in seine ausgestreckte Hand. Die Beiden tuscheln. Nun kommt der Neue recht nahe zu mir. Er dringt in meinen Dunstkreis, den Kreis nahe um mich, in den nur ausgewählte Mitmenschen rein dürfen. Ich gehe einen Schritt zurück, der kommt nach.
„Sagen sie mal, suchen sie Anschluss?“ Warum habe ich eigentlich immer so eine große Klappe? Kann ich nicht EINMAL still sein? Nee, kann ich nicht!
„Sind sie mit einem Alkoholtest einverstanden?“
Nun spinnt der Kleene aber völlig! Ich habe Heiligabend zwei Gläser Wein getrunken, sonst nichts, mein Gewissen ist reiner als der Schnee, der überall liegt! Immer noch reitet mich der Teufel.
„Na klar doch, watt soll ich denn für euch probiern, Jungs?“ Erst mal auf die fröhliche Tour versuchen, die Gesichter sehen viel zu verbissen aus, für so junge Menschen.
„Probiert haben sie doch schon genug, sie dürfen jetzt in unser Testgerät pusten!“
Langsam drehe ich mich um die eigene Achse, beobachte jedes Detail um mich herum, bevor ich frage
„Das ist die versteckte Kamera, was?“
„Mal sehen, ob sie nachher auch noch so lustig sind, “ blafft das Milchgesicht. Der andere kommt mit meinen Papieren wieder..alles ok.
„Verbandskasten und Warndreieck dabei?“
Nun wollen sie aber mit aller Macht etwas finden.
„Das schreibt der Gesetzgeber so vor, natürlich habe ich die dabei! Und n Abschleppseil, ne Decke, Schokolade..alles, wozu der ADAC bei solchem Wetter rät. Man kann ja mal liegen bleiben, “ erkläre ich nun meinerseits schon etwas kiebig.
Mit einer Geste weist der Neue mich an, den Kofferraum zu öffnen. Kaum ist der Deckel hoch, trifft mich fast der Schlag! In meinem Korb waren drei Flaschen und drei Gläser mit Aufgesetztem. Die Gläser haben solche Eisenbügel, wie früher an den Bierflaschen waren. Man kann in denen sogar einkochen. EIN Glas hat keinen Gummiring mehr. Dieses Glas enthält mein Heiligtum! Biohimbeeren mit Gin, Vanilleschote, Rohrzucker und einem Hauch Anis. Alle Gläser und Flaschen stehen aufrecht…bis auf ….naaaaa? Richtig! Gerade das Glas, was KEIN Gummi mehr hat, also das mit ohne Gummi, das liegt im Korb statt zu stehen. Zahlreiche Rinnen klebriger Flüssigkeit zieren die schwarze Gummiwanne, die Gottlob, meinen Kofferraum vor dem leckeren Gesöff schützte.
„Mein schöner Schnaps,“ jammere ich und möchte mich sooo gern in starke, tröstende Männerarme werfen, doch außer den Frischlingen ist keiner da. Schnell stelle ich das Glas wieder hin. Flüssigkeit entdecke ich da nicht mehr, nur noch die Früchte. Ich schnäuze, um meine Tränen zu verbergen.
„DAS stinkt hier so, “ geht dem Ersten ein Licht auf. Inzwischen hat er das besagte Gerät schon in der Hand. Ich verstehe auch…
„Ach, sie dachten, ICH rieche so? Ich glaubte, sie schnuppern noch den Katzenhaufen, in den ich getreten bin. Boh, war mir das peinlich!“
„Nicht ihr Tag heute, was?“ Der Zweite guckt nun wieder freundlich.
„Den Test brauchen wir wohl auch nicht machen,“ sieht der Erste ein. Der Duft aus dem Kofferraum stoppt auch das Verlangen nach dem Blick auf Warndreieck und Verbandskasten. Ich darf fahren.
„Das wird ihnen in ihrem Leben noch öfter passieren,“ tröste ich das Milchgesicht mit dem Alkotester in der Hand.
„Äh, was wird mir öfter passieren..?“
„Na, dass das mit dem Blasen nix wird, “ sage ich total ernst und der arme Kerl hat keinen Schimmer, ob er lachen oder weinen soll. Ich lache erst dreißig Meter weiter, könnte ja Beamtenbeleidigung sein. Sch…..tag heute!
