Der Anlass meines Besuches im Gartencenter war, das Familiengrab für den bevorstehenden Sommer entsprechend zu gestalten. Es musste also in die Maske, bevor der Sommer kam.
Im unendlichen Gewirr von Kunden und Blattgrün entdeckte ich ein kleines Gewächs - Glashaus. Als „Schnäppchen“ stand es da, für € 199,00. Eins vierzig breit und zwei vierzig lang, sehr bescheiden, aber aus Glas. In meiner Euphorie als zukünftiger Glashaus-Plantagenbesitzer habe ich sämtliche in Frage kommenden Kräuter, Gemüse und sonstiges Grün als Samen und Pflänzlinge aufgekauft. Immergrün, Tagetes und das fleißige Lieschen für das Familiengrab wurden zur Nebensache, aber die waren auch dabei. Das Schnäppchen Angebot des Glashauses war der Mitnahmepreis, das hieß in diesem Falle: Verpackt zum Selbstaufbau. Ich hatte Glück, da das Glashaus unverpackt nicht in meinen bereits hergestellten, unverpackten Mittelklasse Pkw gepasst hätte. Um ein Haar würde mein unverpackter Pkw zukünftig in das noch verpackte Glashaus passen..., es war nur so ein Gedanke.
Der Aufbau meines Glashauses war unproblematisch, drei Freunde von mir haben sich darum gekümmert. Ich besitze ja nur einen Ring Imbusschlüssel für mein Rennrad und sonstiges, nicht aber für Glashäuser. Das Richtfest war unspektakulär, alle waren froh darüber, dass es an seinem Platz stand, sie wollten nach Hause und zwar gleich.
Nach dem Studium der Rückseiten sämtlicher Samentütchen und den Hinweisen der Pflege für Sämlinge machte ich mich an die notwendigste Arbeit. Ich dachte über die Ernte nach..., nicht unwesentlich bei einem derartig umfangreichen Projekt. Wer ernten will, muss säen und vor dem Spiel ist nach dem Spiel, oder war es umgekehrt? Die frische Luft belebt..., aber nicht meinen Geist. Das Aussäen der Pflanzensamen und das Einpflanzen der Sämlinge gelang durch mein selbst entwickeltes „Einsamungs- und Aussamungskonzept“ jeglicher Art von Grün, das über- und unterirdisch wächst und gedeihen soll, bei professioneller Pflege und Handhabung ein Kinderspiel. Nur bin ich kein Profi und bereits erwachsen, das kommt erschwerend hinzu.
Die wohl gemeinten Ratschläge meiner Nachbarn..., allesamt mit grünem Daumen, habe ich berücksichtigt. Von A - wie Ameisen plage über S - wie Schneckenplage bis zu Z- wie Zwiebelstecklinge habe ich alles in die Tat umgesetzt. Apropos Tat, die Sendung Tatort kam mir da in den Sinn. Der Tatort: mein Glashaus, genau. Diese metallenen Spiralen passten zwar rein optisch nicht zum Feldsalat, aber ich war davon überzeugt, dass er trotzdem wächst. Meine Schneckenfallen waren strategisch angeordnet, wie eine Matrix, also keine Chance, auch nicht für Nacktschnecken. Bei den Hausschnecken hatte ich weniger Sorge, denn sie hatten ja ihr eigenes Haus und ich habe eben mein Glashaus.
Allein die Freude am täglichen Gießen und die Spannung beim ersten Anblick eines Grüns, das aus dem Boden wuchs, trieb mich schon früh morgens aus den Federn. Und endlich kam das lang ersehnte Grün. Nicht irgendein Grün, nein, es war ein zartes frisches Grün, ein jungfräuliches Grün. Bei jedem Kontrollgang blickte ich nochmals in mein Glashaus und erinnerte mich an einen Urlaub in Irland vor vielen Jahren. Das Grün in Irland ist schon etwas Besonderes, aber das Grün in meinem Glashaus auch. Ein Gedanke von mir war beim Anblick dieses Grün`s, Freunde einzuladen zu einem Erntedankfest, nur ein bisschen kleiner, ...die Ernte meine ich. Und sollte es nicht reichen, kann ich ja in einem Supermarkt dazukaufen, oder besser gesagt..., ergänzen.
Das Grün wurde stellenweise immer grüner, aber auch gelber und brauner und an manchen Stellen blieb nur dieser Erdton, ...es war nur Erde, kein Grün. Das einzige, was in meinem Glashaus ausharrte, waren die metallenen Spiralen im Feldsalat..., immerhin. Die Schnecken haben sich durch die sehr engen Maschen meiner Schneckenfallen-Matrix durchgebissen, strategisch eine Schwachstelle, die ich noch einmal überdenken werde. Viel schlimmer aber war die vernichtende Analyse meiner Nachbarn, die ich in meiner Verzweiflung rief..., die mit dem grünen Daumen. Erinnern Sie sich noch? Bei der Begutachtung meines Glashauses kamen sie unisono zu dem Schluss: Kein Wunder, auf dieser geringen Bodenfläche zu viele Arten. Nach diversen Vorträgen meiner Nachbarn über sämtliche Salat-, Gemüse- und Kräutersorten, die ich gesät und gepflanzt hatte, kam ich zu dem Schluss, das Erntedankfest zu verschieben, ...mangels Ernte.
Ich fing also nochmal von vorne an, diesmal durchdachter und strategisch raffinierter. Hatte nur Schnittlauch gesät und zwar ausschließlich. Es ist nun überschaubar und ich hatte nun dieses Projekt komplett unter Kontrolle. Ich mag Schnittlauchbrote..., mit etwas Salz und Butter. Den Butter werde ich allerdings im Supermarkt dazu kaufen, denn Kühe hatten in meinem Glashaus keinen Platz mehr. Abgesehen davon hätten sie mir ja den Schnittlauch nieder getrampelt, ...bei eins vierzig auf zwei vierzig, ist doch klar.
Sämtliche Absagen meiner Einladungen zum Erntedankfest habe ich alphabetisch geordnet, gelocht und bereits abgeheftet. Die einzige Zusage, die meiner Mutter, habe ich bereits bestätigt, mich aber gewundert, denn sie mag keinen Schnittlauch. Ich werde wohl wieder zukaufen müssen. Monokultur bringt eben auf zu kleiner Fläche ein gewisses Ungleichgewicht. Über die Auswirkungen und Folgen werde ich beim nächsten Erntedankfest einen kleinen Vortrag halten. Spritzig, frisch und packend erzählt um die Gäste bei Laune zu halten.
© Peter Braun
www.peterbraun-muc.de
Foto: Humeh, www.Pixelio.de
