Langsam schlendert Frau M. durch die Straßen in K.
Bäume, mitten in der Stadt, geschmückt mit tausend Lichterketten.
In den Schaufenstern die Symbole der Advents- und Weihnachtszeit. Kerzen, Sterne, weiße Watte als Schnee, Weihnachtsmänner mit ihren Schlitten, auf denen bunte Päckchen liegen.
Menschen, die durch die Einkaufspassagen hasten, die sich keine Zeit nehmen, die liebevoll gestalteten Auslagen zu betrachten. In den Kaufhäusern Musikberieselung, traditionelle Lieder, aber immer öfter auch moderne Popsongs mit weihnachtlichen Texten, die die Käufer anregen sollen, Geschenke zu kaufen.

In der Fußgängerzone Straßenmusikanten, die Winter- und Weihnachtslieder spielen, mal gut, mal schlecht.
Obdachlose, die ihr Hab und Gut in 2 Plastiktüten bei sich haben und betteln, um sich entweder etwas zu essen kaufen zu können, oder genug zusammen bekommen möchten für die nächste Flasche Alkohol.

Frau M. friert. Die wärmste Jacke, die sie besitzt, hat sie angezogen. Den warmen selbst gestrickten Schal um den Hals geschlungen, die dazu passenden Handschuhe angezogen und doch, ihr ist kalt.
Sie überlegt, ob sie sich einen Glühwein leisten soll, aber dann lässt sie es doch.

Früher gehörte der Glühwein zum vorweihnachtlichen Stadtbummel einfach dazu. Früher, ja, da hat sie noch gearbeitet und regelmäßig ihr Gehalt bekommen. Früher, da fuhr sie in der Vorweihnachtszeit noch mit ihrem Auto in die Stadt, stellte es im Parkhaus ab und schlenderte durch die Geschäfte, um Geschenke für ihre Lieben zu kaufen.
Doch dann wurde sie krank, lange konnte sie nicht arbeiten, aber dank der sozialen Absicherung in diesem Land, bekam sie Krankengeld. Das war zwar weniger, als sie vorher verdiente, aber es reichte, das Auto konnte sie aber nicht mehr finanzieren, also wurde es abgemeldet und verkauft, es war ein altes Auto und so bekam sie nur wenig dafür.

Doch dann verlor sie ihre Arbeit, sie hatte sie damals angenommen, um nicht arbeitslos zu sein. Ihre vorher gut bezahlte Arbeit konnte sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr machen, sie war älter geworden und die Leistung ständig am Limit, die konnte sie nicht mehr erbringen. Ihr Körper zeigte ihr die Grenzen.
Aber sie war nur ein wenig traurig, sie fand es nicht schlimm eine weniger gut bezahlte Arbeit anzunehmen, aber es war eben nur ein befristeter Vertrag. Und da sie so lange krank war, wurde er nicht verlängert. Und dann war die Zeit, in der sie Krankengeld bezog, auch vorbei und sie bekam nur noch Arbeitslosengeld. Das berechnete sich aber nach ihren Einkünften der letzten 2 Jahre und das war durch ihre lange Krankheit niedrig gewesen, also war es jetzt nur noch sehr wenig, was ihr zur Verfügung stand.
Also nahm sie eine kleinere, billigere Wohnung. Und schränkte ihre Lebensgewohnheiten ein.
Es reichte gerade, um so eben zu überleben, aber Weihnachtsgeschenke würde sie nicht kaufen können. Und um wieder eine Arbeit zu finden, war sie zu alt. Mit 61 Jahren hatte sie keine Chance. Und wenn sie ihre Altersrente beantragte, dann hätte sie große Verluste lebenslang.

Sie seufzt und schaut in die hell erleuchteten Schaufenster.
In diesem Jahr würde sie improvisieren müssen, sie wird selbst Gestricktes verschenken.
Die beiden Pullover für die Kleinen waren schon fertig, und die Erwachsenen würden jeder einen langen warmen Schal bekommen, das schaffte sie noch bis Weihnachten.
Und den Glühwein? Der würde im nächsten Jahr auch noch schmecken, bis dahin würde sie Rentnerin sein.
Und wenn sie gleich nach Hause kommt, dann wird sie einen schönen heißen Tee trinken.

© Text und Foto: Sibylle E.