Petra gilt als Single. Dabei ist sie eigentlich keiner. Petra ist Mitte 40 und sie und ihre Tochter sind ein Duo. Petra hat keinen Mann, weil sie inzwischen eine sagenhaften Angst vor Männern hat und allem, was damit zusammen hängt. Nicht, dass sie keinen wollte, oh doch.
Damals, als sie in das Alter kam, in der Frauen beginnen, Männer zu lieben, war alles ganz einfach. Da klappte es nach dem zweiten, dritten Anlauf. Aber jetzt, nach dem xten Versuch, einen passenden Mann zu finden, hatte sie keine Lust mehr auf sowas. Nur manchmal überkommt sie eine tiefe Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Zweisamkeit.
Heut ist Freitag, und freitags ist Mittags Schluss mit Petras Arbeit. Petra nimmt ihre Klappkiste, die sie immer im Auto hat und geht einkaufen. Sie braucht nicht viel, und ihre Tochter ist manchmal am Wochenende so gut wie überhaupt nicht vorhanden, aber manchmal eben gleich doppelt mit Freund Max. Da ist Petra dann für zwei Tage nicht Single und guckt in glückliche Gesichter. Sie kommt sich an solchen Tagen vor wie „Hotel Mama.“
Heute hat Tochter Silke etwas verwechselt. Bis zur Wochenmitte war sie überzeugt, ihr Wochenende mit Freund Max im Mamahotel verbringen zu wollen, und am Donnerstag hat sie Paul getroffen, einen Ex-Freund von ihr. Paul nun verfügt ebenfalls über ein Mamahotel. So kommt es, dass Max auf den Treppenstufen hockt und auf Silke wartet, während Petra den gefüllten Einkaufskorb nach oben wuchtet.
Max sitzt auf der Treppenstufe und wartet auf Silke. Petra weiß nicht, dass ihre Tochter heute einen auswärtigen Verehrer hat und bittet Max herein, damit er in der Wohnung warten kann.
Max versenkt die Hände in den Hosentaschen und schüttelt den Kopf, als er Silkes Zimmer betrachtet. „Ich kann ja so lange aufräumen“, schlägt er vor.
Petra lacht verlegen. „Sieht es denn bei Ihnen aufgeräumter aus?“
Große, zwanzigjährige Freunde von großen, achtzehnjährigen Töchtern siezt man, so glaubt Petra.
„Als ich das letzte Mal hier war, muss ich auf eine kaputte Barbiepuppe getreten sein. Es tat ganz schön weh.“
Was soll Petra daraus entnehmen? Dass Max meint, Silke sei im Barbypuppenalter? Die spielt mit Männern und nicht mit Puppen, denkt sie. Merkwürdig...
„Nebenbei gesagt, wir haben nichts miteinander“, behauptet Max, weil er merkt, was Petra denkt. „Soweit ich weiß, ist Ihre Tochter Jungfrau. Wir kuscheln, erzählen uns Geschichten und reden über die Schule.“
„Warum erzählen Sie mir das so plötzlich?“
„Mütter interessiert sowas, ich habe selber eine, aber sie erfahren es nie von der eigenen Tochter.“
Merkwürdige Angelegenheit, findet Petra und guckt skeptisch.
„Neid oder Mitleid?“ fragt Max und grinst.
Petra zögert. „Mitleid? ich wüsste nicht, weshalb ich meine Tochter bemitleiden sollte. Sie brauchte ja nur zu sagen, dass sie sich zu schade ist, jeden Jungen mit ins Bett zu nehmen. Und Neid..., ach wissen Sie, wenn ich wollte, hätte ich einen Partner, aber ich kann mir allein helfen.“
Max pfeift durch die Zähne. Er greift nach einem Foto von Silke, das auf dem vollgeramschten Schreibtisch steht. Abwechselnd blickt er auf das Foto und dann wieder auf Petra. „Schade für Sie“, sagt er schließlich.
Hilfe, denkt Petra. Klar, dass eine 18jährige hübscher ist als eine Mittvierzigerin. Stehe ich hier in Konkurrenz zu meiner Tochter?
Gottseidank klingelt das Telefon. Silke ruft an. „Mama, wenn Max kommen sollte, sag ihm bitte, dass ich dieses Weekend bei Paul bin.“
„Moment“, ruft Petra. „Das kannst du ihm selber sagen.“
„Nee, Mama“, weicht Silke aus reiner Feigheit aus. „Unterhalte du ihn doch, wenn du noch weißt, wie sowas geht. Dann stimmt die Richtung.“ Sie lacht und legt auf.
„War das Silke?“ fragt Max voller Erwartung.
„Ja, das war sie“, sagt Petra nachdenklich.
„Und was wollte sie?“
„Sie kommt nicht, weil sie bei einem gewissen Paul ist. Ich soll mich um Sie kümmern.“
"Kümmern? Wenig oder viel?"
Petra überlegt. "Meinentwegen viel. Ich habe Zeit."
Max lacht verlegen. „Gute Idee“, findet er schließlich. „Aber das machen Sie bestimmt nicht, weil Sie viel zu konservativ sind.“
„Sagen Sie das nicht“, ruft Petra und droht schelmisch mit dem Zeigefinger.
Max reibt sich die Hände vor Erwartung. „Also gut, machen wir uns einen schönen Abend“, schlägt er vor. „Womit fangen wir an?“
„Ach nein, das war doch nur ein Scherz“, ruft Petra erschrocken. „Ich finde Sie nett , aber denken Sie doch mal an den Altersunterschied.“
Trotzdem holt Petra eine Flasche Rotwein und zwei Gläser. Und Sekt hat sie auch noch.
„Wir wollen doch nicht heiraten, oder?“ fragt Max erstaunt.
„Ich heirate nie mehr“, ruft Petra entschlossen und sucht den Korkenzieher mit der Hebelwirkung.
„Nehmen Sie doch den“, schlägt Max vor und greift ein einfaches Exemplar. Er dreht den gewundenen Stahl in den Korken und zieht ihn mit einem Ruck heraus.
Petra seufzt. „Wie praktisch ein Mann doch manchmal ist“, bemerkte sie. „Und wenn er auch noch ein großer Junge ist.“ Auch wenn er lügt, denkt sie. So wie der ran geht, hat der was mit meiner Tochter.
„Wann ist ein Mann ein Mann?“ singt Max.
„Ein Mann ist ein Mann, wenn er zu dem steht, was er tut und behauptet“, sagt Petra mit einem vorwurfsvollen Unterton in der Stimme. Pennt mit meiner Tochter und verleugnet das.
„Dann bin ich ein Mann“, findet Max und nimmt sich den ersten Schluck. Er nippt an seinem Glas und schenkt Petra ein.
Petra wiegt zweifelnd den Kopf. Küssen und schmusen wie die Weltmeister, Silke und Max, und dann tote Hose im Bett? Das gibt es doch wohl nicht.
„Das letzte, das allerletzte muss doch nicht unbedingt sofort sein, oder?“ fragt Max. "Doch nicht mit einer Frau, die man liebt. Ja, mal ein schöner Abend mit allem Drum und Dran mit einer, die genießen will. Das ist dann so wie hübsch essen gehen."
Doch, das letzte muss sein, sonst macht es keinen Spaß, denkt Petra. Sie ist richtig kribbelig, und die Knie werden ihr weich. Der Kerl hat Ausstrahlung.
„Was Silke jetzt wohl macht?“ fragt Petra um sich abzulenken. Sie schüttelt über sich selber den Kopf. Ich benehme mich wie eine läufige Hündin, denkt sie. Hoffentlich merkt er das nicht
Entschlossen schenkt sie sich nach. „Möchten Sie auch noch einen Schluck? Wir können auch gern noch eine Flasche auf machen.“ Vielleicht kommt sie sich dann nicht mehr wie eine läufige Hündin vor.
„Silke und Paul? Die spielen doch beide leidenschaftlich gern Tischtennis“, vermutet Max. „Bei Paul im Keller ist genügend Platz, da kann man auch bei schlechtem Wetter spielen. Nur ist die Deckenhöhe für Schmetterbälle nicht gut.“
Das Thema entspricht nicht Petras Vorstellung. „Möchten Sie nun noch einen Schluck oder nicht?“
Vielleicht sollte ich besser die Finger vom Alkohol lassen, denkt sie. Mir wird schon ganz anders.
„Haben Sie keine Musik?“ fragt Max.
Petra atmete auf. „Mit Kuschelrock könnte ich dienen. Vielleicht wollen Sie tanzen? Ich tanze eigentlich leidenschaftlich gern, hatte aber schon lange keine Gelegenheit mehr.“
„Hiphop wäre mir lieber“, gibt Max zu und wechselt plötzlich seine Strategie. Er weiß nun, dass er Petra haben könnte, wenn er wollte, aber nun will er nicht mehr. Nun ist ihm Silke wichtiger.
„Silke hat ein Schachbrett in ihrem Chaos. Es steht noch dort, wo es vor drei Wochen stand. Ich hatte zuletzt Schach geboten. Silke wurde sauer und ich bin lieber gegangen. Soll ich es holen?“
Petra kommt nicht mehr dazu, zu sagen, dass sie kein Schach spielen will. Der Schlüssel klappert in der Haustür. Silke steht im Wohnzimmer. „Hi, da bist du ja“, ruft sie Max zu. „Habt ihr euch gut unterhalten?“
Mein Gott, denkt Petra, wie gut, dass wir noch so weit auseinander sitzen. Allein die Vorstellung, Silke hätte uns erwischt.
„Du wohl nicht?“ fragt Max.
„Um ehrlich zu sein“, sagt Silke, „Paul wollte es wissen. Er hatte eine Flasche Rotwein aufgemacht und Kuschelrock aufgelegt. Als er näher an mich heran wollte, bin ich gegangen. Mit Max ist mir das nie passiert.“
„Max ist ja auch ein hochanständiger junger Mann“, findet Petra und lacht. In Wirklichkeit ist sie enttäuscht, aber das zeigt sie nicht.
© Jürgen Berndt-Lüders
