Matt schleppe ich mich durch den Tag. Nie wird es richtig hell und ewig währt meine Schläfrigkeit.
Winter.
Regenwinter, eklig nass und niederdrückend.
Abendstimmung ...

Im Winter ist der Abend schon morgens da und ich werde nie richtig wach. Tage und Nächte erscheinen mir als konturlose, dunkelgraue Masse. Ich fühle mich wie ein Kloß in einer kalt erstarrten, faden Suppe.

Wie anders ist meine Abendstimmung im Sommer! Eins mit der Welt beim Anblick des Sonnenuntergangs, wenn der Tag ausklingt, friedlich und still.

Genug des Lamentierens! Wer dermaßen dumpf und träge ist, wie ich zurzeit, bekommt auch nichts mit von dem, was um ihn herum geschieht, sage ich mir. Vielleicht könnte ich auch eine besondere Abendstimmung im Winter erleben, die meiner täglichen Müdigkeit nicht gleicht? Wenn ich den Übergang zwischen Tag und Nacht erhasche, erfahre ich auch den Unterschied zwischen ihnen und ich kann den winterlichen Tag endlich wahrnehmen?

Schon sinke ich wieder in mich zusammen, schließlich schlurfe ich doch ins Schlafzimmer und hole den Wecker. So. Wann wird es richtig dunkel? So gegen halb Fünf Uhr ... nachmittags, empöre ich mich, während ich den Wecker stelle. Dann habe ich doch gerade mal gefrühstückt, so kommt es mir vor!

Auf dem Sofa sitzend beobachte ich meinen vor sich hindämmernden Geist. Sauerstoff! Mein Hirn braucht Sauerstoff! Vor der offenen Balkontür bemühe ich mich, indem ich tief einatme, um ein paar gymnastische Verrenkungen, kugle mir dabei fast das Hüftgelenk aus und sinke ermattet auf den Stuhl.

Dann durchfährt mich ein Geistesblitz. Lichttherapie! Ich lege mich unter die Fünfhundert-Watt-Stehlampe und stelle mir vor, ich läge bratend am Strand.

Ich muss eingeschlafen sein. Unerbittlich schrillt der Wecker. Hatte ich mich nicht dazu verdonnert, die Abendstimmung zu genießen, so es sie gibt?

Ich reiße die Augen weit auf und rede mir ein, das würde mich wach machen – und nicht nur mich, sondern auch meine laut Lexikon elf Sinne, die seit Monaten im Winterschlaf sind. Ach, Sinnlichkeit! Was war das noch? Mir ist nur nach Verkriechen unter`m Plumeau zumute.

Ich setze mich an den Esstisch und starre in den Garten. Verschwimmende Konturen, die Tannen im weichen Licht – Licht!? – wiegen sich sanft in den Schlaf. Nur ungenau kann ich die einzelnen Büsche und Bäume erkennen, eher ein dämmriges Grün, zart hingehaucht, wie durch Nebel gesehen. Habe ich meine Brille auf? Tatsächlich! Dennoch sieht der Garten so aus, wie ich ihn sehe, mehr ahne, wenn ich mal wieder meine Brille verlegt habe.
Die Schummrigkeit draußen stimmt mit meiner Sehunschärfe überein.

Es ist so ruhig! Ich dusele weg. Damit ich mich nicht dem Schlaf der Tannen anschließe, wuchte ich mich hoch und humple in den Garten. Mein Hüftgelenk knarzt. Sport ist eben doch Mord an meinen Knöchelchen.

Brrr! Es ist nicht kühl, es ist frostig.
Und es stinkt.
Nicht nach heimeligem Kaminfeuer.
Verbrennt die Nachbarin wieder ihren Sondermüll? Plaste und Elaste?
Polyvinylchlorid?
Seveso ist überall.
Wo ist die untergehende Sonne?
Der Himmel ist mit graupengrauem Tuch vernagelt.

Jetzt im Flugzeug zehntausend Meter hoch aufsteigen! Dann könnte ich das Farbenspiel des Sonnenuntergangs bewundern.

Ich lebe in einem düsteren Loch. Düster und lautlos wie zehntausend Meter unter der Erde! Wenn es dort einmal nicht blubbert.

Plötzlich und unerwartet wie in einem alten Durbridge-Krimi schreit ein Käuzchen aus dem nahen Wald. Huhuuu!
Hilfe! Gleich kommt der Werwolf!
Da, raschelt nicht etwas schräg hinter mir im Gebüsch?!
Herzrasen, Schweißausbruch, meine Gelenke funktionieren wie geschmiert, als ich zurück ins Haus rase, Tür zuknalle, Schlüssel zweimal umdrehe und mich in den Sessel werfe.

Ich greife zum Telefon und wähle ihre Nummer. „Mama, bist du es?“
„Ja. Kind, wer soll`s denn sonst sein?“
„Mama, gibt es Werwölfe? Mama, warum ist es immer so dunkel? Mama, ich bin so allei-hei-ne, huhu!“
Hatte sie „du armes Rotkäppchen“ zu mir gesagt?
„Mama? Mamaaa!“
Warum antwortet sie mir nicht?
Die Leitung ist tot; wann bin ich dran?
Jemand muss das Kabel gekappt haben! Durchgebissen ... Der Werwolf!
Dann ein Splittern – Oh Gott, das Küchenfenster! – ein Rums, ein näher kommendes Knurren, ein gewaltiger Satz, ein aufgerissener Wolfsrachen direkt über mir, diese riesigen gefletschten Reißzähne ...

Vergnügt plätschere ich im heißen Badewasser.
Was ich mir da wieder ausgedacht habe, ts, ts.
- - - Wer kratzt da an der Tür?! - - -
„Guten Abend“, wispert das Eichhörnchen und macht einen Knicks. „Willst du ein Nüsschen?“
Jetzt hör ich aber auf!