Sie hatte ihn angeschrieben und ihn für seinen Artikel gelobt, der im Mittelalter spielte. Und ausgerechnet diesen, der ihm viel zu romantisch geraten war, fand sie besonders toll.
Er hatte keine Ahnung, wer sie war, aber sie schien in seiner Gegend zu wohnen, und weil er gerade einen hoffnungslosen Kontakt abgebrochen hatte, freute er sich über die Nähe.
Sie telefonierten. „Ihr seid also Rudolph R.“, stellte sie fest.
Sie sprach ihn merkwürdigerweise in der Dritten Person an, wie in einem vergangenen Jahrhundert, aber das fand er nicht so toll. Auch ihren Namen nannte sie nicht, wobei ihm ihre Stimme gefiel. Sie klang mädchenhaft hell, verspielt, und das deutete auf eine zarte Person hin.
War sie vielleicht ein wenig neben der Rolle?
„Wie darf ich Euch ansprechen?“, fragte er vorsichtig.
„Sagt Komtesse, das ist mein Titel“, schlug sie vor.
Eine Irre, dachte er. Gleich behauptet sie, dass sie im Mittelalter lebt und dass ihr das Handy durch einen Zeitsprung in die Hände gefallen ist.
„Ich heirate nicht unter meinem Stand, Rudolph R. Welchen Titel tragt Ihr?“
Langsam machte ihm die Sache etwas Spaß. „Sagt Eure Lordschaft zu mir“, rief er und unterdrückte ein Lachen.
Für sie schien das normal zu sein. „Ich nenne Euch Lord Rudolph“, beschloss sie. „Sagt bitte, ob Ihr mich sehen wollt.“
„Das entspräche meinem Begehr. Wo und wann kann ich Euch treffen?“
„Stellt „Schloss Tiefenwassers“ auf Eurem Navigationsgerät ein, dann führt es Euch zu mir. Und kleidet Euch bitte standesgemäß.“
„Wann ist es Euch genehm?“
„Sagen wir, morgen gegen zehn? Da reitet mein Vater zur Jagd aus. Wir treffen uns direkt an der Freitreppe.“
„Sehr wohl, Komtesse“, bestätigte er und legte auf.
Er atmetet tief durch. Sicherlich war sie eine Verrückte, aber eine mit viel Phantasie, und vielleicht ergab sich ja ein netter Vormittag.
*
Das Kostüm Heinrichs des Achten, der einige seiner Frauen umgebracht hatte, war schwer zu tragen und noch schwerer zu ertragen. Das Ding drückte und kniff überall.
Glück hatte er gehabt, dass seine Schwester beim Theater im Fundus beschäftigt war und ihm das Kostüm schnell besorgen konnte.
Der Butler öffnet eben den Schlag, als sich das Portal öffnete und ihm eine Frau entgegen tänzelte, eine Lady besser gesagt, denn sie trug ein langes Spitzenkleid mit riesigem Ausschnitt bis zum Bauchnabel, Modell Rokoko, und unter dem verspielten Hut wagten sich einige Locken hervor. Sie eilte ihm mit zierlichen, anmutigen Schritten entgegen und hielt die Hand zum Handkuss bereit. Rudolf deutete denselbigen an, und sein Verhalten schien ihren Erwartungen zu entsprechen.
„Ich muss Euch das erklären“, vermutete sie. „Mein Name ist Ingelore, ich bin bürgerlich und beileibe keine Komtesse, aber ich liebe es exotisch und suche einen Prinzen.“
Rudolph lachte. „Im Grunde sucht jede Frau einen Prinzen, aber nur wenige finden einen.“
Sie musterte ihn. „Vielleicht seid Ihr ja einer. Lasst uns in der Gartenlaube dinieren.“
„Mit Verlaub“, wandte der Butler ein. „Sie haben nur für eine halbe Stunde gemietet. Um halb elf haben wir hier eine Hochzeit, und um zwei eine Beerdigung.“
Rudolph lachte. Er fand diese Ingelore ganz entzückend. Auf was für Ideen die bloß kam...
„Übernehmen Sie die Kasse?“, fragte der Butler, und Rudolph nickte und zeichnete die Rechnung ab.
„Ein weißes Ross habt Ihr als Prinz also auch“, lobte Ingelore und tätschelte den Mercedes. Es drückte sie in die roten Sitze, als der Wagen beschleunigte.
Irgendwie muss ich von dieser zwar unterhaltsamen, aber auch ziemlich unwirklichen Romantik runter, dachte Rudolph während der Fahrt. Ich kann sie doch nicht fragen, was sie so macht, was sie arbeitet, was ihre Hobbies sind, wenn sie die Komtesse spielt. Die erzählt mir was von Stickereien und Lautenspielen mit ihren Hofdamen.
Süß ist er in seiner Hilflosigkeit, dachte Ingelore. Macht mein Spiel mit, obwohl er sich schwer tut, aber irgendwann muss Schluss damit sein. Kurzerhand drückte sie auf die Hupe und sah ihn triumphierend an.
"Was'n nun los?", fragte er verdattert und vergaß die Contenance.
"Ich habe den Akt zwo eingeläutet", rief Ingelore und lachte. "Ist das deine Karre?"
Na endlich, dachte Rudolf.
"Nee, geliehen. So wie das Kostüm. Du gefällst mir übrigens."
"Du mir auch."
"Und nun?"
"Fahr bitte rechts raus. Ich möchte dich berühren."
Anstatt rechts abzufahren hielt er mit queitschenden Reifen.
"Eine Frage noch: werde ich dein Drittmann?"
"Nee, wieso das denn?"
"Ich las sowas gestern im Internet", bekannte er.
Ingelore lachte laut. "Auf keinen Fall. Ein Richtiger ersetzt mir alle Männer der Welt."
Der Waldweg war holprig, aber kaum von der Straße her einsehbar.
© Jürgen Berndt-Lüders
