Es war einmal eine Tankstelle. Es war einmal ein schöner Mann, der mit seinem Handy vor dem Shopeingang stand und sie provozierend anlächelte, während er telefonierte. Es war einmal ein Moment, der ihr nicht mehr aus dem Kopf ging, warum auch immer … Stumme Blicke, lächelnde blaue Augen, blonde schulterlange Haare, eine Statur, die sie an jemanden erinnerte, den sie mal sehr geliebt hatte …

 

 

An der Kasse stand er hinter ihr. Es machte sie nervös. Diese Stimme ging ihr durch und durch, als er eine Bemerkung über ihr Parfum fallen ließ. Sie fühlte leichte Röte in ihr aufsteigen und spürte eine innere Unsicherheit, die sie gar nicht an sich kannte.

 

 

Auf der Fahrt zurück in ihr Büro fühlte sie leichte Verärgerung darüber, diese einzige Möglichkeit nicht wahrgenommen zu haben. Da war Neugier, da war so ein seltsames Gefühl, eine Chance verpasst zu haben und lange schaute sie aus dem Fenster und überlegte, wie es anders gewesen wäre, wenn …

 

 

Die Zeit verging, aber dieser Mann ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, tauchte immer wieder in ihren Träumen auf … Deutlich konnte sie sein Lächeln sehen, seine Stimme wahrnehmen, sah seine gepflegten Hände und nahm sein Aftershave wahr. In Tagträumen erschien sein Gesicht vor ihrem geistigen Auge und immer wieder, ob sie wollte oder nicht, spielte sich diese Begebenheit an der Tankstelle in ihrem Kopf ab …

 

 

Der Stress mit ihrem Partner ließ diese Begegnung langsam verblassen. Manchmal, so dachte sie, sind vielleicht solche Begegnungen ein Wink des Schicksals um zu erkennen, dass sich die eigene Beziehung irreparabel dem Ende zubewegte.

 

 

 

 

Sie fuhr auf der Stadtautobahn und war eilig. In einer halben Stunde hatte sie einen wichtigen Termin, den sie kaum einhalten konnte, denn der Verkehr verdichtete sich. Sie sah zwei herankommende PKWs, die sich anscheinend irrwitziger Weise in diesem dichten Verkehr ein Rennen lieferten. Der eine PKW war schon an ihr vorbei, als der zweite heran raste, und sie dachte nur: Was für Spinner … Sie nahm noch diese markante Werbung auf dem zweiten PKW wahr, als es krachte und schepperte. Direkt vor ihr rasten diese beiden Spinner ineinander und verkeilten sich in der Leitplanke.

 

 

Nichts ging mehr. Sie sah die ersten Autofahrer vor ihr aussteigen, um zum Unfallort zu eilen. Sie sah diese Werbung auf dem hinteren PKW, und sie sah die Begegnung auf der Tankstelle wieder vor ihrem geistigen Auge. Sie fühlte, wie ihre Hände zitterten, noch nie zuvor war sie direkte Zeugin eines Autounfalls gewesen. Hinter ihr bildete sich eine immer länger werdende Autoschlange. Sie sah Menschen, wie sie ihre Autos verließen, vor sich, hinter sich, und ihr erster wahrnehmbarer Griff war der Griff zu ihrem Handy. Sie ließ wieder vom Handy ab, denn die nötige Hilfe holten bereits andere Autofahrer.

 

 

Sie sah ihn, wie er wütend vor seinem zum Totalschaden gefahrenen PKW stand. Da stand er, dieser Mann von der Tankstelle, und sie erkannte erschrocken, dass er verletzt war. Blut floss leicht über seine Stirn. Menschen bewegten sich auf ihn zu, versuchten ihn zu beruhigen, doch er schien sich nicht zu beruhigen.

 

 

Einem Impuls folgend verließ sie ihren PKW und ging auf ihn zu. Sie sah sein Körperzittern und verstand nicht, warum um ihn herum die Menschen anfingen zu diskutieren. Er schien wie eingekeilt zu sein zwischen all diesen Menschen. Seine Stirn blutete heftiger, als sie das von ihrem Auto aus hatte erkennen können …

 

 

Keiner dieser Menschen um ihn herum schien das zu bemerken. In der Zwischenzeit war er wie verstummt. Sein Körperzittern jedoch wurde heftiger.

 

 

Es machte sie wütend, denn keiner der umherstehenden Menschen schien wahrzunehmen, dass er offensichtlich unter Schock stand und Hilfe benötigte. Sie versuchte sich einen Weg zu ihm zu bahnen und schaute dabei, was mit dem anderen Unfallfahrer geschehen war. Auch er stand unter Schock, aber schien nicht verletzt zu sein.

 

 

Einem Gefühl folgend öffnete sie den Kofferraum seines PKWs und holte den Erste-Hilfe-Kasten, als sich Polizei und ein Rettungswagen der Unfallstelle näherten. Sie musste zurück zu ihrem eigenen PKW, um diesen zur Seite zu fahren.

 

 

Während sie von der Polizei vernommen wurde über das, was sie gesehen hatte, sah sie, wie er in diesem Rettungswagen verschwand. Irgendwann wurde die Unfallstelle aufgelöst, und sie konnte weiter fahren. Immer noch gefangen von dem, was sie gerade erst erlebt hatte, fuhr sie zu einem Café, denn ihren Termin konnte sie nun getrost vergessen.

 

 

Während sie aus ihrem Auto ausstieg, fiel ihr Blick auf diesen Erste-Hilfe-Kasten, den sie in der Eile an der Unfallstelle, als die Polizei sich näherte, mit in ihr Auto genommen hatte. Einem Impuls folgend öffnete sie diesen und sah auf der Innenseite des Deckels einen Firmenaufkleber …

 

 

Als sie ihm gegenüber stand, fiel ihr diese noch nicht verheilte Wunde an seiner Stirn auf. „Der Führerschein ist wohl erst einmal weg“, meinte er lächelnd. „Was ist schon ein Führerschein gegen das eigene Leben“, entgegnete sie. „Ja, da haben Sie wohl recht …“

 

 

 

 

Sie saßen sich in einem kleinen Restaurant hoch über der Stadt gegenüber. Ein wunderschönes Lokal, welches sie noch gar nicht kannte. Von ihrem Platz aus hatte sie einen wundervollen Blick über das Lichtermeer einer in die Nacht eintauchenden Stadt. Eine schwülwarme Nacht … Er redete unaufhaltsam während sie sein Gesicht mit ihren Augen abtastete … Sie sah diese erste Begegnung an dieser Tankstelle … sie sah diesen Autounfall … sie fühlte ihre Träume … und sie sah in seine lachenden blauen Augen …

 

 

„Nun, dann ernenne ich dich jetzt zu meinem Chauffeur für die nächste Zeit, sofern du magst …“ Sie musste lächeln: „Wenn das alles ist …“ „Nein, alles sollte das nicht sein … es ist ein Anfang, wenn du möchtest …“

 

 

Sarah