Als ich mich vergangenes Jahr zum ersten Mal für das Sommerfest von Platinnetz anmeldete, wusste ich nicht was mich erwarten würde. Meine Vorstellung waren kleine, runde Tische mit Sonnenschirm in der Mitte, flinke Kellnerinnen, die uns aus einer reichhaltigen Speisekarte ein schmuckes Menu auswählen ließen. Einen Aperitif zu Beginn, nach dem Essen Dessert nach Wahl, Espresso und Digestif zum krönenden Abschluss. Und überall an den Tischen, gepflegt Unterhaltung, humorvolle Menschen. Einfach nettes Beisammensein.
Die Realität sah dann doch etwas anders aus. In wackligen Biertischgarnituren lümmelten sich an die 80 Platiner und Platinerinnen, auf den Tischen standen lustige PN Fähnchen sowie Pappteller mit Würstchen und Kartoffelsalat. Das Essen wurde mittels farblich passendem Plastikbesteck in die hungrigen Münder gestopft. Im Hintergrund hörten wir die aktuellsten Songs von Roy Black und Rex Gildo, aber die hatten das alles zum Glück schon hinter sich.
Insgesamt waren wohl weniger Platiner gekommen als erwartet wurden, was natürlich an den Mehrfachprofilen liegen konnte unter denen sich viele bei PN rumtreiben. Das mit dem vollsten Postfach gab sich zu erkennen. Ausgemacht war, dass sich jeder von uns ein kleines Namensschildchen an die Brust heftet. Das sollte die Unterhaltung in Schwung bringen und den Wiedererkennungswert erhöhen. Ich hasste mich jetzt dafür, dass ich auch noch das Bild meines grünen Alter Ego hinzugefügt hatte, als ich mich zwischen zwei Vollärsche quetschte, die auch nicht den Hauch von Anstalten machten mir mehr als eine Hand breit Platz zu gönnen. Aber ich stehe auch in solchen Situationen meinen Mann, schließlich schafft es jedes Würstchen sich in den Spalt eines Hot Dogs zu mogeln.
Der Linke der beiden Kameraden schaute zuerst mich an, dann auf mein Schildchen mit dem grünen Alex, um dann wieder seinen Blick in meinem Gesicht zu fixieren.
"Na, so scheiße siehst Du doch gar nicht aus, wie ich immer dachte" sagte er frech zu mir. Franz und ich waren uns vorher schon mal bei den Efundas begegnet, daher war mir sein grobschlächtiger Humor nicht fremd.
"Danke für das Kompliment" erwiderte ich mit einem mehr oder weniger gequälten Lächeln." Na, das fängt ja gut an, dachte ich. Möchte gerne wissen, was sein Friseur hauptberuflich macht.
Apropos Frisur. Nicht jedermann hat das Glück, bis ins Greisenalter eine wallende Haarpracht sein Eigen nennen zu dürfen und darunter litt auch Manfred, Tischnachbar zu meiner Rechten. Es sei ja gestattet einen etwas zu breit geratenen Scheitel mit einem Fifi zu bedecken. Wenn aber der Resthaarbestand sich farblich so deutlich vom aufgeklebten Toupet unterscheidet wie bei ihm (das rostbraune Haarteil ist von einem schmutziggrauen Halo umgeben), dann würde ich ihn doch gerne einmal beiseite nehmen und sein Sehvermögen testen, aber vielleicht ist auch nur sein Spiegel zuhause blind.
Da sind die Damen schon etwas pfiffiger. Da lockt es neuerdings wieder (bei denen unter sechzig), jenseits der sechzig wird es nochmals punkig (man sollte schleunigst die Vogue aus dem Lesezirkel schmeißen). Manches Blond hätte allerdings besser ein Friseur gemacht. In den hier dargebotenen Ausführungen könnten sich einige Damen gleich in die Gemüsetheke zu den Karotten legen.
Kleidungstechnisch waren die Männer den Frauen hoffnungslos unterlegen. Da wurden die Rüschenkleider wieder endstaubt und zum wiederholten Male aufgetragen, wer es sich leisten konnte zeigte Dekolleté, die meisten Damen bevorzugten es hochgeschlossen. Auch Hüte zierten manches Haupt. Ein Hut war sogar so groß wie ein Wagenrad, für den hätte man sogar in Ascot eine extra Eintrittskarte lösen müssen. Die Männer bevorzugten meist das, was sie auch beim Basteln im Hobbykeller anzogen. Jeans, Polohemd und Slipper. Einen sah ich später sogar in kurzen Hosen und Sandalen. Damit konnte er zwar keinen Schnitt machen, räumte aber zwischendurch immer wieder die Tische ab, was ihm eine gewisse Sympathie von uns allen einbrachte. Ganze drei Anzugträger konnte ich ausmachen. Wie sich später herausstellte waren zwei davon ehemalige Beamte des mittleren Dienstes, einer versuchte Versicherungen und Bausparverträge zu verkaufen, hatte bei uns aber die Zielgruppe verfehlt. Noch nicht einmal Sterbegeldversicherungen gingen hier noch. Mein Outfit kann man auf den Fotos von damals erkennen. Ich bin der Dritte von links.
Ich brauche jetzt erst mal auf was Trinkbares und erwische das letzte Bierglas, auf dessen Boden die vertrockneten Ablagerungen des Festes des vergangenen Jahres klebten. Ich schnappe es mir dennoch und mache mich zurück auf meinen Platz.
"Wer ist denn hier der Verantwortliche?" wollte ich schon fragen, um mir meinem Ärger hierüber Luft zu verschaffen. Ich besann mich dann aber doch eines Besseren und formulierte es dann in dieser Form:
"Wer von euch Lieben hat sich denn so viel Mühe gemacht mit der gelungenen Ausgestaltung unseres Treffens?" Bei diesen Worten kommt der Mimik des Fragestellers besondere Bedeutung zu. Um nicht einen Hauch von Sarkasmus zu offenbaren, setzte ich ein freundliches, aber nicht übertriebenes Lächeln auf, halte dabei meinen Kopf etwas schräg, (Körpersprache ist jetzt das A&O) und blicke fragend in die Runde. Insgeheim hoffte ich dennoch, dass die betreffende Person irgendwo in einer der hinteren Reihen verschollen war, aber an diesem Tag hatte ich nicht gerade das Glück gepachtet.
"Ich bin es" hörte ich.
Die piepsige Stimme vernahm ich aus meiner direkten Umgebung und als ich meinem Kopf wieder die Stellung 'geradeaus' verpasste, sah ich Elvira direkt vor mir, die über alle vier Backen strahlte.
"Äh, ich meine ich und die Susi, da drüben."
Naja, die dümmsten Esel nennen immer sich selbst zuerst. "Wunderschön gemacht Elvira, dann verrate mir doch bitte, wo ich ein sauberes Bierglas herbekomme, in meins hat glaube ich gerade ein Vogel geschissen." Dabei hielt ich ihr den schmutzigen Humpen direkt unter die Nase, wobei sie anfing zu schielen. Lächeln Alex, immer weiter lächeln sagte ich mir, bis sie es kapiert und mir einen porentief reinen, am besten noch desinfizierten frischen Trinkbecher bringt.
"Oh ja, tatsächlich," meinte sie. "Das kann passieren, wenn man in der freien Natur ist" sprach sie etwas verlegen. "Ich kümmere mich gleich mal darum."
"Du bist ein Schatz," erwiderte ich darauf, wobei ich diesen Satz gleich wieder bereute, denn ihr Grinsen wurde jetzt noch breiter, und in mir wuchs die Befürchtung, sie jetzt für den Rest der Veranstaltung an der Backe zu haben.
Aber meine Ängste waren unbegründet. Als Elvira nach fünf Minuten zurück kam, hielt sie mir eine wohl gefüllte Maß entgegen, deren Schaumkrone in der Sonne so weiß strahlte, wie die Kukident gepflegten Dritten von Dieter (Produkttester), der saß direkt neben ihr. Der fing natürlich gleich an zu Motzen, von wegen zuletzt kommen und als erster bedient werden. Mir war schon jetzt klar, warum er die Falsifikate im Mund trug. Bei solchen Bemerkungen, gibt es, wenn es schlecht läuft, gerne mal eins auf die Goschen. Aber ich ließ mich davon jetzt nicht beeindrucken, bestaunte in einem Moment vollkommenen Glücks Elviras Meisterwerk aus schneebedecktem Gerstensaft und gönne mir einen wohltuenden, kräftigen Schluck aus der Maß. Das Leben kann doch so schön sein.
Dieses Glück hielt nicht lange an. Kukident Dieter meldete sich wieder zu Wort. Auch er hatte mich auf meinem Schildchen erkannt und wütete, was mir eigentlich einfiele, so saublöde Kommentare unter seine Artikel zu setzen. Ob ich denn die Weisheit mit Löffeln gefressen hätte. "Bleib mal geschmeidig" antwortete ich ihm, aber er hatte sich jetzt an mir fest gebissen wie mein Terrier an seinem Lieblingsspielzeug. Arrogant und unverschämt sei ich, ich hätte keine Ahnung und würde im Netz nur rumstänkern, usw. usw.
"Nimm‘s sportlich Dieter" riet ich ihm, "dann schreibe ich auch mal was für Dich, und Du darfst es dann in Deinem Namen veröffentlichen." Oh Alex, warum kannst Du dein großes Maul nicht halten, dachte ich. Das hier ist Live, da gibt es keine Löschtaste.
Merkwürdigerweise brach nach dieser Bemerkung die Unterhaltung abrupt ab, und Dieter wandte sich zwei Damen zu, denen ich anscheinend auch schon mal unangenehm aufgefallen war. Ich wurde von ihnen unausgesprochen zur 'Persona non grata' erklärt. Dieter monologisierte ab sofort nur noch mit ihnen und erzählte hauptsächlich über sich, seine beruflichen Erfolge, seine Weltreisen, sein Haus… sein Pferd...u.s.w. So waren für einen Moment alle zufrieden.
Während ich nun eine gewisse innere Stille genoss, vernahm ich aus der Ferne ein tiefes, sattes Brummen, welches allmählich näher kam. Die tiefen Töne kann ich noch, und meine Vermutung wurde bestätigt, als ich meinen Kopf zum Parkplatz wandte und ich einen pechschwarzen Porsche neuester Baureihe erblickte. Es erübrigt sich von selbst zu erwähnen, dass man einen solchen Wagen nicht einfach in eine der reichlich vorhandenen Parkbuchten abstellt. Auch der Besitzer dieses Gefährts machte hierbei keine Ausnahme, als er quer über die Wiese schoss und hinter sich eine Reihe Grasbüschel in die Luft wirbelte, wie es sonst nur ein Berti Vogts zu besten Borussen-Zeiten bei einer seiner Blutgrätschen vermocht hätte.
Soviel PS müssen erst mal bewältigt werden, aber Geschick oder pures Glück gaben den Ausschlag, dass der Wagen kurz vor dem kleinen Tischchen mit dem letzten Vorrat an Pfirsichbowle zum Stehen kam. Für einen Moment tat sich gar nichts. Die Gespräche verstummten und man konnte reihum die Essensreste in den offenen Mündern der Festteilnehmer erkennen. Zurück zum schwarzen Porsche. Nach einer kleinen Ewigkeit wurde die Fahrertür energisch aufgeworfen und zwei Frauenbeine kamen zum Vorschein, wie sie Michelangelo nicht perfekter hätte modellieren können. Der Rest des Körpers hätte bei diesem Vorgeschmack männlicher Sinnesfreuden fast keine Rolle mehr gespielt. Was aber nach kurzer Zeit des Wartens dem Wagen entstieg, konnte Ehen zerstören. Deshalb wurden früher schon Kriege angezettelt, so verrückt sind wir Kerle. Schwanz schlägt Hirn, sag ich da nur. Mein Puls erhöhte sich jenseits des Messbaren, als sie nach kurzem Rundumblick direkt auf unseren Tisch zusteuerte. Solch ein Wesen würde sich niemals hinter einem Avatar verstecken, dachte ich. Warum war sie mir nie bei PN aufgefallen? Als sie nun noch direkt auf mich zusteuerte, wollte ich schon nach Sauerstoffzelt und Elektroschock rufen, zu sofortigen Einleitung von Wiederbelebungsmaßnahmen.
In nur knapp einem halben Meter Entfernung blieb sie mit einem Ruck direkt vor mir stehen. Chanel Nr 5, meine Nase funktionierte noch. Aber diesen Duft hatte sie offenbar nicht für mich aufgelegt, ihr Interesse galt einem anderen. Ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, sah sie über mich hinweg, ihre Augen waren auf Kukident Dieter gerichtet, den sie direkt ansprach:
"Ich habe ja nichts dagegen, dass Sie am Wochenende ihren einfachen Vergnügungen nachgehen Dieter. Aber wenn sie nochmals vergessen den Rasenschnitt nach getaner Arbeit von meinem Grün zu entfernen und anschließend die Gartengeräte nicht in die dafür vorgesehenen Räumlichkeiten schaffen, können sie sich am Montag beim Friedhof um eine Anstellung als Gärtner bemühen. Und ihren merkwürdigen Freunden hier, zeigen sie dann doch gleich mal ihr zukünftiges Zuhause. In 30 Minuten haben sie das in Ordnung gebracht. Haben wir uns verstanden?"
So sprach Madame, und so schnell sie gekommen war, so schnell war sie wieder verschwunden, nicht ohne noch einen wunderschönen Donat mit den Hinterreifen ihres Porsches auf den Rasen zu zaubern. Wenn Dieter auch mich nicht verstanden hatte, die Worte seiner Chefin hatte er kapiert. Mit knallroter Birne erhob er sich, rannte zu seinem Twingo und verließ grußlos die Runde. Auch bei PN hat man ihn seither nie mehr gesehen. Dieter war unten durch, ein für alle Mal. Was lernen wir daraus? Besuche nie ein Fest an deinem Wohnort oder in der Nähe deiner Arbeitsstätte.
Nach kurzer Schockstarre erholte sich unser kleiner Kreis sehr schnell wieder. Irgendwie hatte dieser kleine Vorfall alle nochmal richtig wachgerüttelt, und die Stimmung hellte sich merklich auf. Elvira hatte ein Auge geworfen, nicht auf mich, sondern auf meinen Bierkrug, denn immer wenn der Wasserstand kurz vor null stand, reichte sie mir den nächsten Humpen, einer so schön wie der andere. Sie war ein Schatz, ganz sicher doch! Jetzt wurden die Fotoapparate gezückt und geknipst was das Zeug hielt. Marianne mit Michael, Michael mit Gabriel, jeder mit jedem. Nur ich hielt mich daraus, deshalb bin ich auf besagtem Foto auch nur von hinten zu sehen. Einfach mal die diversen Alben durchklicken. Ihr findet mich schon.
Irgendwann in der Nacht fand mich Elvira in einer Hecke liegen. Sie, die mir die schönsten Biere der Welt zapfte meinte nun, es wäre jetzt an der Zeit nach Hause zu gehen. Sie nahm mir den Autoschlüssel ab, hängte mir einen Zettel um den Hals wo ich denn abzugeben sei und rief mir noch ein Taxi.
"Du bist ein Schatz Elvira, ich will Dich jetzt knutschen" sagte ich noch, als ich längst im Taxi zum Hotel fuhr. Der Taxifahrer fand das alles gar nicht mehr lustig und knöpfte mir nochmals weitere 50 Euro für erhöhten Reinigungsaufwand seines Wagens ab.
Insgesamt war es ein tolles Fest, Prösterchen.
Ich kann euch aber beruhigen ihr Lieben, das alles war nur ein Traum, reine Fiktion, (noch) nicht real. Nicht krumm nehmen, bitte.
Und wenn wir uns dann doch einmal bei einem der beliebten Sommerfeste begegnen, freue ich mich besonders gerade DICH dort zu treffen, in DEINEN Augen zu versinken, mich in den Klang DEINER Stimme zu verlieben und DIR MEIN Herz zu Füßen zu legen.
Schau mir einfach in die Augen, Kleines. ;o))
ABER WER SOLLTE MICH JETZT NOCH EINLADEN WOLLEN?
