Ein Stuhl erzählt

Eine Liebesgeschichte

Ein küher TTag Ende Oktober, daußen nieselte es ganz fein. Es polterte, Schlüssel klirrten, ein Kellertürschloss wurde geöffnet der feste Griff einer Männerhand, der Staub flog auf und rieselte durch den Lichtstrahl am Fenster. Nummer14 war aus seinem dösenden Zustand jäh geweckt worden.
- Halt, halt, was ist denn hier los? Moment mal. Wieso werde ich nicht gefragt? –
Jahrelang hatte Nummer14 hier in diesem Keller in einem Reihenhaus im Frankfurter Norden gestanden. Ein bisschen kleinbürgelicher Mief, aber im Keller hatte ihn das nicht gestört, dass niemand seinen wirklichen Wert kannte, solange man ihn nur in Ruhe ließ. Der Keller war trocken, es gab weder Mäuse noch Ratten; darauf achtete der Hausherr penibel.
Aber was war jetzt plötzlich hier los? Ein Gerenne, eine Unruhe; ein ater Steinguttopf, eine Kommode, ein eisernes Bettgestell, Dinge, die all die Jahre friedlich beieinander gestanden hatten, wurden jetzt samt Nummer14 auf die Straße gestellt. Ehe sie sich versahen, standen sie im Nieselregen.
- Was soll das ? – beschwerte sich Nummer14, als er kopfüber auf die Kommode gesetzt wurde.
- Ach, stell dich nicht so an, - knarrte die Kommode, - wir sind längst überfällig .

- Du vielleicht -, sagte Nummer14, - deine Schubladen klemmen, deine Schlösser funktioniern nicht mehr, deine Rückkwand ist kaputt und muffig riechen tust du auch. –
Die Kommode war so beleidigt, dass sie ein paarmal nervös hin und her ruckte, dabei brach jetzt auch noch der morsche Fuß ab, an dem sich jahrelang ein Holzbock zu schaffen gemacht hatte. Sie sprach kein Wort mehr.
Nummer14 war in heller Aufregung:
- An mir ist doch noch alles dran und das in perfektem Zustand. Wenn ich hier weiter im Regen vor mich hingammele, hol ich mir den Tod. Und außerdem, was sind das alls für Elendshaufen, vor jedem Haus einer. Was geht da vor sich?
Hoffentlich findet mich jemand, der mich erkennt. –
Von Ferne hört man ein lautes Rumpeln, der Müllwagen war schon unterwwegs.
-Der da im Anzug, der könnte etwas über mich wissen. –
Achtlos geht ein junger Bänker Richtung Straßenbahnhaltestelle. Der Regen war stärker geworden, er hat den Mantelkragen hochgeschlagen und den Regenschirm aufgespannt.
- Vielleicht die da, das ist doch solch ein Sparbrötchen. Vielleicht kann sie einen alten Stuhl gebrauchen.
Wobei ich ja beileibe nicht irgendein Stuhl bin. –
Aber auch diese Frau geht an Nummer14 vorüber, ohne nur einen einzigen Blick auf ihn zu werfen. Sie muss sich beeilen, der Einkauf muss erledigt werden, die Kinder kommen heute früher aus der Schule, es fallen wieder Stunden aus.
Gerade wollte der Stuhl sich schon in sein Schicksal ergeben, da kommt eine kleine Blonde um die Ecke.
- Das ist doch die aus dem Haus, in dem die vielen jungen Leute wohnen, wo man nicht so recht wusste, wer mit wem? –
Durchs Kellerfenster hatte Nummer14 oft scherzende junge Leute gehört, die von einer fröhlich Runde durch Sachsenhausen, von einem Konzert oder einem Theaterbesuch zurückkamen.
Die unterschiedlichen Events konnte Nummer14 an der Art der Schuhe erkennen und es waren in der Regel sechs Paar Schuhe. Die junge Frau kam näher, musterte ihn eine Weile, blickte unter seine Sitzfläche, das war ihm peinlich, aber sie braucht ihn dazu gar nicht anfassen, dieser Banause hatte ihn vorhin ja schon kopfüber auf die Kommode bugsiert.
Mit Kennerblick fuhr sie von innen am Rand der Sitzfläche entlang – genug gesehen – kurzer Blick einmal nach rechts und einmal nach links und ab durch die Mitte, schnell ins Haus. Etwas vom Sperrmüll aufzusammeln, war wohl in dieser Gegend eher nicht schick.
Nummer14 stand bald in einer kleinen gemütlichen Dachwohnung und strahlte. Er wusste sofort, da ist es, hier bleibe ich und bin gut aufgehoben. Nachdem er saubergemacht, geschmirgelt, lackiert war – es war eine Pracht ihn anzusehen, hatte er bald das Gefühl nicht in erster Linie Stuhl zu sein, sondern Kultobjekt. Auf ihm wurde ab und an mal zur Nacht ein Kleidungsstück platziert oder Otto, der schwarze Kater thronte auf ihm.
So ging das einige Jahre wunderbar, alles war ganz friedlich.
Eines Tages stellte sich heraus, dass Otto nicht Otto war, sondern Ottilie. Sechs Junge kamen zur Welt. Ein Kater war rotbraun gemustert. Also musste sie es mit dem Rotbraunen aus der Nachbarschaft getrieben haben. Uli, meiner Retterin fiel es schwer die Kätzchen herzugeben. Aber das Monster aus der K-Gruppe hätte sie glatt ertränkt.

Nun war die „Schwangerschaft“ der Streunerin Ottilie, wohl irgenwie ansteckend.
Kurz darauf war nämlich eine Mitbewohnerin der WG, die aus der Frauengruppe schwanger.
Ein Zimmer in der ersten Etage des kleinen Hauses wurde für den neuen Erdenbürger eingerichtet. Ein Stubenwagen wurde hergerichtet und Ottilie fühlte sich verpflichtet ein Willkommensgeschenk beizusteuern. Sie platzierte mitten in dem schönen, neuen, weiß bezogenen Korb eine tote Amsel.
Es gellte ein hysterischer Schrei durchs Haus und ich dachte es brennt und mein letztes Stündlein sei nun auch gekommen. Aber es war nur die tote Amsel im frisch bezogenen Kinderbett.
Ab diesem Zeitpunkt war nichts mehr wie früher. Ich merkte, dass da wieder Aufbruchstimmung war. Die werden mich doch jetzt nicht zum Sperrmüll geben?
Uli würde sich nicht von mir trennen, das wusste ich
Also zogen wir um, Ottilie, Uli, Friedo und ich, nicht weit, wieder Nordend, in eine schöne Altbauwohnung mit Frankfurter Bad. Praktisch so ein Frankfurter Bad. Man kann vom Bett gleich in die Badewanne hüpfen.
Zu mir gesellte sich ein alter Schrank, von den beiden liebevoll aufgearbeitet. Wir fühlten uns wieder alle sehr wohl.
Auch das ging einige Jahre sehr gut. Dann begann es wieder zu kriseln. Friedo machte ohne Uli eine Chinareise, lernte jemanden kennen. Uli machte den Motorradführerschein und lernte auch jemanden kennen. Fremde Frauen übernachteten im Haus und bei Uli tauchte plötzlich der Mann aus der WG auf, der Papa des Kleinen, dem Ottilie die Amsel ins Bettchen gelegt hatte. Was will der denn hier? Der gehört aber nicht hier hin. Aber Uli und Lars schienen sich zu mögen. Warum auch nicht.
Dann zog Uli aus. Nur mal zur Probe. Dann zog sie in eine eigene Wohnung. Natürlich nahm sie mich mit, gar keine Frage, ich war da keinen Augenblick in Sorge.
Wieder ganz in der Nähe – wieder Nordend – diesmal südlich des Alleenrings.
Jetzt wohnten wir also alleine – ohne Friedo.
In der neuen Wohnung da .... da genießt Uli meine volle Loyalität. Ich schweige wie ein Grab.
Zehn Jahre lebten wir hier mit Höhen und Tiefen, dann war erneut Aufbruchstimmung.
Es ging in den Westen der Republik, zunächst hatte ich von Berlin läuten hören, die Hauptstadt nach der Wende, spannend, dachte ich, aber letztlich ist es eine kleine Stadt im Westen geworden, wieder eine Altbauwohnung. Uli hat irgendetwas Nostalgisches. Sie sagt, sie liebt die hohen Räume, das erinnere sie an ihre Kindheit, an die Besuche beim geliebten Großvater.
Von den vielen Verehrern ist keiner geblieben, Ottilien ist auch schon tot, aber ich bleibe, bin stabil, sehe immer noch prima aus, bin unverwüstlich. Bald bekam ich Gesellschaft von einer schönen Schaukelstuhllady in gleicher Machart. Wir hatten uns vielleicht eine Menge zu erzählen. Zwischen ihrer und meiner Herstellung liegen fast hundert Jahre. Was sich da alles in der Produktion verändert hatte - unglaublich.
Uli hat sich mit meiner Geschichte beschäftigt.
Fand ich toll und sehr spannend. Vorgestern hat sie eine Mail nach Frankenberg geschickt. Ob man ihr dort bei Thonet es genaueres über mich sagen könne. Die zuständige Dame, eine Frau Thonet mailte zurück sie müsse ein Bild von mir und dem Stempel haben, um etwas genaueres sagen zu können.
Also klick-blitz - ich in voller Pracht un Herrlichkeit, nochmal klick-blitz von der andren Seite und schwub unter dem Stuhlrand der Stempel oder wie man sagt das Brandzeichen, weil es aussieht wie ein Brandzeichen, es ist aber ein Stempel.
Mein Herr und Meister war Michael Thonet
bzw. eine seiner Werkstätten und zwar in Österreich.
Wie der Bopparder Tischler nach Wien kommt, ist schnell erzählt.
Michael Thonet wurde am 02.Juli 1796 in Boppard geboren.
Er war der Sohn einer Gerberfamilie, machte eine Tischlerlehre, führte danach eine Tischlerei und beschäftigte sich speziell mit dem Verfahren des Holzbiegens. 1841 lernte er auf einer Gewerbeausstellung Klemens Wenzel Lothar von Metternich
kennen, der sich sofort für Thonets Möbel begeisterte und interessierte; er lud Thonet nach Wien, um ihn dem Kaiser vorzustellen.
Kurze Zeit später geriet der Betrieb in Boppard in eine finanzielle Krise. Thonet zog mit Sack und Pack und Familie nach Wien.
1849 wagte er wieder die Selbstständigkeit und gründete mit seinen Brüdern eine eigene Werkstätte, die Firma Gebrüder Thonet. Bereits 1850 entstand sein Stuhl Nr 1. Bei der Weltausstellung in London 1851 bekam Thonet für seine Vienna bentwood chairs eine Bronzemedaille und schaffte damit auch seinen internationalen Durchbruch.
Bei der nächsten Weltausstellung, 1855 in Paris, erreichte er bereits eine Silbermedaille. Er verbesserte ständig seine Produktionsmethoden und konnte bereits 1856 eine weitere Fabrik in Koritschan, Mähren eröffnen. Zu ihr gehörten ausgedehnte Buchenwälder, die große Bedeutung für die Fabrikation hatten.
Der 1859 entwickelte Stuhl Nr. 14 ( das bin ich) – besser bekannt unter Konsumstuhl Nr. 14 – gilt bis heute als Stuhl aller Stühle; bis 1930 wurden von ihm ca. 50 Mio. Stück produziert und verkauft. 1867 erzielte die Firma Gebrüder Thonet mit diesem Entwurf bei der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille.
Als Thonet 1871 in Wien starb, hatte er ein Weltimperium aufgebaut.Verkaufsstellen in Barcelona, Brüssel, Bukarest, Chicago, Frankfurt am Main, Graz, Hamburg, London, Madrid, Marseille, Moskau, New York, Neapel, Odessa, Paris, Prag, Rom und Sankt Petersburg sowie zahlreiche Werke vor allem in Mittel-und Osteuropa. Nach 1945 wurde die Fertigung von Thonet im Werk Frankenberg (Eder) konzentriert, und wird bis heute von der Familie Thonet betrieben. Andere frühere Thonetwerke fertigen auch auf alten Pressformen, davon trägt die unabhängige Thonet Vienna weiterhin den Namen.
Also irgendwo in dieser Geschichte ist meine Entstehung angesiedelt.
Selbst wenn ich aus einer späteren Fertigungsreihe stamme, bin ich 70 - 80 Jahre alt und wenn Uli jemandem meinen Wert vermitteln kann, erlebe ich noch locker meinen 100sten aber so alt und älter werden heute Menschen, ich will noch älter werden. Wenn mich der Wurm nicht frist werde ich alt.  Uli hat es versprochen.Wir werden auch noch meinen genauen Weg herausfinden.
Nur keine Bange.

Wir haben nun schon Kontakt mit Thonet aufgenommen, brauchen nur noch ein Bildchen von mir und meinem Stempel: Thonet Austria, das genaue Produktionsjahr herauszufinden.  Die ersten Bilder sind nix geworden, die Kamera war kaputt.                                         

Uli und ich, wir sind umgezogen. Neubau - nein 60er Jahre, ein bekannter, über die Grenzen der Stadt hinaus gekannter  Architekt. Bungalow - Oberlichter - es ist immer hell. Tagsüber denkt man immer, man muss irgendwo ein Licht ausmachen. Stadtteil in Höhenlage. Zunächst stand ich unten im Keller.  Oh je, jetzt hat sie mich endgültig in den Keller verbannt. Aber nein - Uli doch nicht. Sie musste erst einen würdigen Platz für mich finden.

Ich diene wieder als Kleiderablage, wenn Uli zu Bett geht. Ich wache über ihren Schlaf und bin der Erste, der sie morgens begrüßt.

Bis Bald.

M.V.K.