Anfang September 77. An einem lauen Samstag machte sich das Kleeblatt, bestehend aus Ute, Rosi und mir nach Kettwig zum alten Bahnhof auf, in dessen Nebengebäude eine Disco war.
Rosi hatte ihre bis zur Mitte des Rückens reichenden Haare mit Pfeifenreinigern für perfekteLocken aufgedreht, sich EINZELNE falsche Wimpernhaare zwischen ihre eigenen geklebt und verkündet, dass sie sich heute den süßesten Jungen im Club angeln werde. Gleich als wir aus dem Zug stiegen, hörten wir die laute Musik, die sofort Tanzwut auslöste. Wir stürmten in den Laden, warfen unsere Taschen in eine Ecke hinter der Bar, Ute half hinter der Theke, Rosi und ich flitzten auf die Tanzfläche. Damals war ein Tanz modern, der sehr an Lambada erinnert. Irgendwann rief einer.. “Guck` mal, die Lesben!“ Damit waren wir gemeint, was uns aber überhaupt nicht störte.
Als wir genug getanzt hatten, gingen wir zu Ute an die Bar und schon hatte Rosi den ersten netten Jungen entdeckt. Sie hatte eine sehr seltsame Art, uns dies mitzuteilen. Sie quietschte kurz und schrill und sagte dann etwas in der Art von..“Der da, der ist süß……oder?? Ach nee, der hat einen platten Hintern!“ Kurz darauf wieder…der Quietscher und dann „Der da, der mit dem schwarzen Pulli!“ Nix dahinter…sollte da einer Gnade vor ihren Augen gefunden haben? Sie zupfte an meinem T-Shirt.. “Wie findest Du den?“ „Wen??“ „Na, den mit dem schwarzen Pulli!“ „Welchen? Da stehen ZWEI mit schwarzem Pulli.“ „Natürlich der mit den kurzen Ärmeln am Pulli“, maulte sie völlig entrüstet darüber, dass ich ihr den anderen überhaupt zugemutet hatte. Ich sah kurz in die Ecke, konnte aber wegen der zuckenden Discolampen kaum was erkennen. „Ja, sehr nett!“ bemerkte ich, weil Rosi immer noch auf Antwort wartete.
Ute wollte tanzen, ich ging mit, Rosi war hier an der Theke näher bei ihrem Auserwählten und blieb. Später sahen wir Rosi, die gerade mit ihrem Typen sprach und aus seiner Colaflasche trank. Na, das hat ja bestens geklappt, dachte ich und ging mit Ute vor die Türe.
Dort spielten ein paar Leute „Englisch Einfangen“. Hatte man jemanden erwischt, „klaute“ man ihm ein Pfand. Natürlich spielten wir mit, obwohl wir mit den dicken, modernen Schuhsohlen einige Schwierigkeiten hatten. Ute erwischte die Kette von Friedel, ihrem heimlichen Schwarm, die sie in den BH rutschen ließ. Friedel stand etwas ratlos da, bot eine Cola zum Tausch und ging mit Ute zur Bar.
Vor der Eingangstür stand eine missgelaunte Rosi. Nanu? Sie berichtete, dass sie sich neben „ihn“ gesetzt habe und er sie nicht angesprochen hätte. Sie habe dann um einen Schluck Cola gebeten und sich den einfach genommen. Danach hatte der Mann ihrer Träume sie glatt übersehen. Ute kam mit Friedel und dem süßen Typen gerade aus der Tür und sofort stürzten sich andere auf sie und wollen ein Pfand klauen. Trotz seiner hochmodernen Clogs konnte der Süße verdammt schnell rennen. Rosi würde den nie einkriegen. Da sah ich den langen Laster. Er stand schräg auf dem Vorplatz, der jetzt als Spielplatz diente. Das Führerhaus war recht nahe an der Straße doch der Anhänger war so weit auf dem Platz, dass ich Rosis Spezi dahinter scheuchen wollte. Rosi sollte ihn einfach an der schmalen Stelle zwischen Führerhaus und Straße abfangen und nicht mehr loslassen. Mein Plan gefiel ihr.
Es war ganz einfach, Rosis Auserwählten hinter den Laster zu scheuchen. Plötzlich stoppte er und drehte sich um, statt vor mir her zu rennen. Ich folgerte, dass er zwischen Laster und Anhänger durchklettern wolle, um wieder auf den Platz zu kommen. Hatte er Rosi an der Schmalstelle gesehen? Noch war genug Breite vorhanden, um wie ein Hase einen Haken zu schlagen und neben mir vorbei zu rennen. Ich beobachtete jede seiner Bewegungen, achtete genau darauf, wie seine Füße standen. Welche Richtung würde er einschlagen? Langsam musste er sich entscheiden, ich konnte ihn fast packen.
Statt einen Haken zu schlagen, schlang er seine Arme so fest um meine, dass ich sie nicht mehr heben konnte und küsste mich mitten auf den Mund! Ich war geschockt! Selbst wenn ich beide Hände frei gehabt hätte, wäre ich vor lauter Verwunderung gar nicht darauf gekommen, dass ein anständiges Mädchen solche Handlung mit einer saftigen Ohrfeige strafen müsse. Ich stand völlig unbeweglich da und staunte mit geöffnetem Mund, was der Kerl zu nutzen wusste. Nach einer Weile überkam mich ein seltsames Gefühl…mir wurde ganz heiß, meine Nackenhaare stellten sich auf und meine Knie zitterten. In meinem Hirn zischte und knallte es und als ich wieder hören konnte, flüsterte mir ein Teufelchen zu, dass ich langsam mal zurück küssen könne. Seine Arme lockerten sich ohne seinen Kuss zu unterbrechen, eine Hand griff sanft in meine Haare, streiften sie aus meinem erhitzten Gesicht, kraulten meinen Nacken. Atemlos endete dieser irrsinnig lange Kuss und als ich die Augen öffnete sah ich in dieses tiefe Blau, sah Teufel und Engel und Glut und Feuer und…mich!
„Das dachte ich mir doch gleich!“ Rosi!!! An die hatte ich ja nun gar nicht mehr gedacht.
Längst war sie wütend um die Ecke des Führerhauses verschwunden und ich hatte Erklärungsbedarf. Rosi…die Trude, die sich einfach neben ihn setzte und aus seiner Flasche trank? Die aufgetakelte Tussi? Neee, also das war nun gar nicht sein Geschmack. Ich würde schmecken, besser als jeder Lippenstift, davon ginge er aus.
Ich habe seit diesem Abend eine Freundin weniger, denn sie glaubt mir bis heute nicht, dass ich dies nicht geplant hatte. Drei Monate später hatte ich einen Ehemann…viel zu früh, von vielen Leuten zum Scheitern verurteilt…dumme Leute labern viel…wir sind immer noch glücklich.
Nachahmung empfiehlt der Erfinder dieser Eroberungstaktik nicht. Die Feigen hängen dabei zu tief.
Ein unverschämter Kerl
Nach den nicht ernst zu nehmenden Vorschlägen, wie man Frauen erobert, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie man(n) es denn wirklich anstellen könnte/sollte.Es gibt, wie bei der Frage nach dem Lieblingsbuch, unendlich viele verschiedene Antworten. Ich hüte mich seit dem ich „erobert“ wurde davor, mich auf bestimmte Rituale festzulegen. Denn manchmal reagiert man anders als je zuvor…
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