Ich war rundum zufrieden. Meine Berufsausbildung war abgeschlossen, und eigentlich konnte mir nichts mehr passieren. Ich war so klug gewesen, mir während der Lehre keine belastenden Liebschaften zuzulegen, aber jetzt waren mir alle Frauen der Welt willkommen. Am Rande der Stadt parkte ich mein Auto und beschloss, ein wenig shoppen zu gehen und gleichzeitig über meine Zukunft nachzudenken. Ich ging zur Parkuhr und warf eine Münze ein. Ganz in Gedanken vergaß ich, die Tür vollständig zu schließen, was sich augenblicklich als verhängnisvoll heraus stellte, denn als ich mich umdrehte, bemerkte ich direkt neben meinen Opel Kadett einen VW-Käfer mit einem unglücklich aussehenden, jungen Mann meines Alters darin. Direkt neben den Wagen sah ich es: Er war gegen die Tür gefahren. Ein paar Kratzer nur, sonst nichts. Tolerant wie ich bin schlug ich ihm eine kleine Summe vor. Den Schaden würde ich überhaupt nicht reparieren lassen. Mein Kadett war alt, und nun, wo ich bald richtig Geld verdienen würde, war eh eine neue Karre dran. Er schüttelte verlegen den Kopf. „Hab’ nichts bei mir“, murmelte er schüchtern. Wir stiegen in seinen Käfer und er kramte die Papiere aus dem Handschuhfach. Er besaß ein Unfall-Protokoll, was er mit zitternden Fingern ausfüllte. Er verschrieb sich, strich durch, schmierte über. Die Versicherung würde Schreikrämpfe kriegen. Ich überlegte. Was sollte das? Wollte ich mich an einer Sache bereichern, die mir ebenso gut auch hätte passieren können? „Ach, lass mal“, schlug ich vor. „Du musst mir nichts geben. Die Sache ist okay.“ Er atmete erleichtert auf, aber er zitterte immer noch am ganzen Körper, sah mich mit einem zweideutigen Blick an. Ich fühlte mich irgendwie wie ausgezogen. „Nun reg dich ab“, tadelte ich. „Die Sache ist vorbei und vergessen. Bist du noch in der Ausbildung?“ Ich weiß nicht mehr, was er mir über sein Studium erzählte, aber irgend wann kam die Erklärung: „Ich bin vom anderen Ufer.“ Ich begriff. Ein Homosexueller, dem es mit mir ging wie es mir bei Frauen gehen würde, wenn mich denn eine je richtig interessiert hätte. Ich muss mich im Nachhinein entschuldigen: Damals wurden Schwule als krank angesehen. „Ach, weißt du, das macht mir nichts. Ich habe für meine Mitmenschen Verständnis. Egal ob sie im Rollstuhl sitzen oder sonstwie behindert sind...“ Ich erstarrte. Eine junge Frau klopfte an das Wagenfenster. Ich konnte nur ihr Mittelteil sehen, aber das genügt oft für einen Mann. Mein ach so bedauernswerter, von Männern abhängiger Freund, der sein Leben lang auf die Liebe einer Frau würde verzichten müssen, kurbelte die Scheibe runter. „Ingrid, komm rein“, rief er, und seine Selbstsicherheit kehrte schlagartig zurück. Ich stieg aus, wir klappten den Sitz zurück, Ingrid huschte nach hintern und ich saß wieder vorn. Ingrid war seine Schwester. Sie sah super aus, hatte eine Art zu sprechen und zu lachen, die mich in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Wisst ihr, was eine Genickstarre ist? Ingrid hatte wenig Zeit. Sie stieg wieder aus, ging los. Wir waren allein. „Na? bist du nun behindert?“, fragte er mich spöttisch. Er behinderte uns nicht, Ingrid und mich. Ein toffer Kerl.