Er sah die großen und traurigen Augen von Samira vor sich. Sie wollte heute ein letztes mal in seinen Armen liegen und sich von ihm verabschieden. Ein letztes Mal mit ihren sanften Händen sein Gesicht streicheln. Die Tränen liefen ihre Wangen herab und die wundervollen Lippen zitterten. Sie sagte ihm dass sie sich dem Druck der Familie beugen musste und in ein paar Wochen ihren verhassten Cousin heiraten würde. Es gab keine Chance für sie. Sie hatte vor ihrem Vater auf den Knien gelegen und ihrer Mutter flehentlich die Hände geküsst. Aber ihr Vater ließ sich nicht erweichen und ihre Mutter war nicht stark genug um sich ihrem Ehemann entgegen zu stellen.

Ihre Hoffnungslosigkeit und die Trauer in ihrem wunderschönen Gesicht ließen Nedi alles vergessen. Er hatte ihr Hände genommen und ihr fest ins Gesicht gesehen. " Wallah, Habiby, ich werde einen Weg finden das wir zusammen sein können. Du wirst ihn nicht heiraten, egal was dein Vater macht. Ich habe keine Angst vor ihm." Mutig hatte er sich in die Brust geworfen und mit seiner Faust der Familie des Mädchens gedroht. In ihren Augen konnte er das blitzen der Hoffnung erkennen und das Mädchen drängte sich fest an ihn was ihm fast den Atem nahm.

Er roch ihr Parfüm und die frische ihrer Haut. Dies hatte so sehr seine Sinne verwirrt, das er sich zu diesem Schwur hinreißen ließ. Samira hatte seine Lippen mit ihren Fingerspitzen berührt und den Kuss, den er darauf drückte, gegen ihre eigenen Lippen gepresst. Dann hatte sie sich umgedreht und lief schnell zum Hause ihrer Eltern zurück. Schlagartig wurde ihm bewußt das er einen Fehler gemacht hatte. Er hatte ihr eine trügerische Hoffnung gegeben und wußte nicht, wie er ihr das sagen sollte. Deshalb begann er seine Udysee durch die Straßen der Stadt. Wie in Trance wich er den Menschen aus, die ihm auf seinem Weg entgegen kamen. Er sah nichts, er hörte nichts sondern hing seinen trüben Gedanken nach. Er, der strahlende Held der die wunderschöne Prinzessin auf seinem Hengst nahm und mit ihr in die Nacht ritt, oder auf seinem fliegenden Teppich aus dem höchsten Turm der Stadt rettete und sie lebten glücklich und zufrieden. Nein, er hatte keinen Hengst, der Teppich im Wohnzimmer konnte bestimmt nicht fliegen und ein Prinz war er auch nicht. Er war nur ein liebender Mann der der Königin seines Herzens imponieren wollte. Und nun bekam er die Strafe dafür.

Auf einmal stoppte er seinen Schritt. Es war ihm als hätte er seinen Namen rufen hören. Verwunderst sah er sich um. Er befand sich in einem sehr alten Teil der Stadt und vor ihm war eine kleine Moschee. Er zog seine Schuhe aus und betrat den Hof der Moschee wo sich die Reinigungsstätte befand. Sorgfältig brachte er das Ritual des Wudu hinter sich und betrat andächtig den Gebetsraum. Er setzte sich auf einen der ausgelegten Gebetsteppiche und erhob seine Handflächen zum Himmel. In seiner Zwiesprache mit Allah flehte er um seine Hilfe, das Gott ihm einen Weg zeigen möge wie er der Liebe seines Lebens helfen konnte um mit ihr eine glückliche und wunderschöne Zukunft aufzubauen. Ganz in Gedanken versunken merkte er nicht, das jemand den Gebetsraum betrat. Erst als ihm diese Person die Hände auf die Schulter legte, schreckte der junge Mann auf. Langsam drehte er sich um und sah in die lachenden Augen seines großen Bruders. Khaled hatte durch Zufall gesehen, das Nedi in diese Moschee gegangen war und folgte dem Jüngeren. Er sah seinem kleinen Bruder ins Gesicht und sein Lächeln gefrohr. Khaled sah die Spuren der Tränen in Nedis Augen. "Du warst wieder bei Samira? Nedi, kleiner Frosch, ich habe dir gesagt das du das Mädchen vergessen mußt. Ihr lebt in zwei verschiedenen Welten. Bitte, du zerstörst ihr Leben. Ihr Vater würde niemals einer Heirat zwischen dir und ihr zustimmen." Nedi sah stumm seinen Bruder an und seine Schultern fielen herunter. In sich gekauert saß er da und Khaled begann selber mit den Tränen zu kämpfen, so sehr fühlte er das Mitleid in sich aufkeimen. Er setzte sich zu seinem Bruder auf den Teppich und Nedi erzählte ihm alles was er von Samira erfahren hatte.

Gemeinsam traten die Brüder nun den Rückweg an. Die Familie war bereits versammelt und das Abendessen stand auf dem Tisch. Vater scherzte mit Mohammad und auch ihre Schwester Aminah war mit ihrem Mann Sayed zum Essen gekommen. Aminah würde in zwei Monaten ihr Kind entbinden und sollte deshalb die nächsten Wochen bei ihren Eltern wohnen, da ihr Mann den ganzen Tag in der Fabrik arbeitete. Die Brüder und besonders die Mutter freuten sich darauf Aminah alle nur möglichen Annehmlichkeiten bereiten zu dürfen. Es war ein lustiger und geselliger Abend und selbst Nedi vergaß für kurze Zeit was sein Herz schwer machte. Ihm fiel nicht auf, das Khaled sich nicht an der Unterhaltung der Familie beteiligte und nichts zu sich nahm.

Nach dem Essen schaltete Khaled den Computer ein. Er öffnete den Chatroom. Seit über einem Jahr hatte Khaled eine Freundin aus Europa. Er hatte sie kennen gelernt, als er für den Gewürzhändler arbeitete. Christina war mit ihren Eltern an den Stand gekommen und die beiden jungen Menschen fingen sofort an miteinander zu sprechen als wenn sie sich schon sehr lange kennen würden. Nach diesem Treffen kam Christina jeden Tag zum Stand. Oft saßen die beiden stundenlang im Laden und sprachen und lachten miteinander. Als ihr Urlaub dann zu Ende war, tauschten sie ihre Handynummern aus. Dies war der Beginn einer Liebe die sich trotz der großen Entfernung immer mehr vertiefte. Vor ein paar Monaten war Christina wieder gekommen und hatte zwei Wochen in der Wohnung der Familie verbracht. Die Eltern waren so begeistert von der jungen Frau die mit ihrer herzlichkeit und unbekümmerten Art alle Familienmitglieder in ihren Bann schlug. Die erneute Trennung von seiner Geliebten war so schwer für Khaled. Sehnsüchtig wartete er jeden Abend das sie wieder online kam um mit ihm zu sprechen. Vor ein paar Wochen hatten die beiden sich dann entschieden, das sie zusammen leben wollten. Die Eltern hatten schweren Herzens die Entscheidung ihres Sohnes akzeptiert. Bald schon würde Christina kommen, Khaled heiraten und ihn so bald wie möglich mit sich nach Europa nehmen.

Khaled starrte wie gebannt auf den Bildschirm. In dem Mann routierten die Gedanken. Wie würde Christina es aufnehmen, was er ihr erzählen wollte? Würde sie weinen und mit ihm schimpfen oder würde sie ihn verstehen können? Da, das für sie Typische Zeichen erschien auf dem Bildschirm. Keine Minute danach kam schon die Nachricht: Salam Habiby, wie geht es dir? Und schon folgte das Klingelzeichen und Khaled akzeptierte die Anfrage und Christinas Bild erschien auf dem Bildschirm. Sie sah heute wieder umwerfend aus. Ihre blauen Augen und das goldenen Haar strahlten und sahen Khaled lächelnd an. Ein paar Minuten gaben sie sich ihrem Liebesgeplänkel hin dann wurde Christina ernst. Sie hatte gleich gesehen, das ihr Geliebter nicht war wie sonst. Vorsichtig fragte sie ihn, was den passiert sei. Khaled druckste herum aber Christina ließ nicht locker. Schweren Herzens erzählte Khaled ihr alles über Nedi und dessen unglückliche Liebe. Christina hörte schweigend zu.

Nachdem er geendet hatte, wartete er ängstlich auf ihre Reaktion. Die junge Frau sah ihm lange in die Augen. Nedi trat in den Raum und hob grüßend die Hand zur Kamera. Gedankenverloren winkte Christina zurück. Khaled traute sich nicht sie um eine Antwort zu drängen. Er wusste was er von ihr verlangte. "Und das Mädchen liebt ihn wirklich? Es ist nicht nur eine Verliebtheit die keinen Bestand hat?" Er sah wie ihre Lippen zitterten, aber die befürchteten Tränen kamen nicht. Er wusste das sie eine starke und wunderbare Frau war mit einem großen Herzen. "Ok, das Samiras Mutter Spanierin ist und Samira die Staatsangehörigkeit der Mutter annehmen kann ist es möglich sie nach Spanien zu bringen. Das Problem ist dein Bruder. Die einzigste Möglichkeit ist, ich lade ihn zu mir ein. Dann muss ich ihn nach Spanien bringen und die beiden Heiraten dort. Ich werde den beiden helfen. Wann kannst du das Geld, welches du für dich auf deine Bank getan hast, deinem Bruder geben können? Du weist, es muss ein halbes Jahr dort liegen sonst habe ich keine Chance das Visum zu bekommen. Ist es Samira möglich die Hochzeit so lange hinaus zu zögern?" Ja, Samira würde die Hochzeit verhindern müssen so lange wie möglich. Daran hatte Khaled nicht gedacht. Ihr Vater wollte sie ja in ein paar Wochen verheiraten. Er musste mit Nedi sprechen.

Khaled rief Nedi zu sich und die beiden gingen in den Nebenraum. Mohammad nutzte die Zeit um seine zukünftige Schwägerin zu necken. Khaled erklärte Nedi das Samira mit allen Mitteln die Hochzeit mindestens um ein halbes Jahr hinauszögern müßte. Christina hatte sich bereit erklärt den beiden zu helfen und das Risiko einzugehen. Stürmisch umarmte der Junge seinen Bruder und blickte ihn gerührt an. Aufgeregt fragte er Khaled was er alles benötigte und was er vorbereiten musste um die anstehende Flucht mit der Einreise nach Europa und der Hochzeit ohne Verzögerung durchziehen zu können. Khaled erklärte ihm welche Papiere beide benötigten und das er ein Konto mit einem bestimmten Betrag haben musste, welches ein halbes Jahr alt sein musste. Erschrocken sah Nedi seinen Bruder an. Woher sollte er so viel Geld nehmen? Er hatte gar kein Konto. "Keine Sorge mein Bruder, du wirst das Geld und das Konto morgen bekommen. Nur Samira muss es schaffen die Hochzeit zu verzögern." Da dämmerte es Nedi, sein Bruder wollte das ganze Geld was er sich erspart hatte ihm geben. Dadurch würden Christina und er mindestens ein Jahr wenn nicht sogar länger warten müssen bis sie beiden zusammen kommen konnten. Er hörte seinen Bruder im Nebenraum mit Christina scherzen und ihre Stimme kam fröhlich und klar zu ihnen herüber. Nedi sah in Khaleds Augen und bemerkte das verräterische Glitzern in ihnen. "Tu das nicht Bruder, du wartest so sehnsüchtig auf deine Braut. Immer hast du bei allem zurück gesteckt. Immer hast du alles für Mohammad und mich getan damit wir eine gute Ausbildung bekommen konnten. Du hast gearbeitet und das Geld für mein Studium bezahlt und auch für das Studium von Mohammad. Nein, diesmal bist du dran!" Doch Khaled schüttelte nur stumm den Kopf. "Du must mit ihr fliehen. Ich habe Angst um dich. Wenn ihr Vater euch erwischt wird er nicht glauben das du ehrenvoll an ihr gehandelt hast. Er hat große Macht und kann uns alle vernichten. Du must fliehen und Samira muss unter allen umständen die Hochzeit verhindern so lange wie möglich!"

Nedi lief zum Computer, scheuchte seinen Bruder Mohammad weg und setzte sich auf den Stuhl. Er sah seiner zukünftigen Schwägerin lange in die Augen. Sie nickte ihm zu und sandte ihm einen Regenbogen. "Der Regenbogen ist das Zeichen des Versprechens Gottes und das Zeichen der Hoffnung. Kleiner Bruder, kämpfe um deine Liebe. Dein Bruder und ich werden für euch da sein. Ich werde versuchen zwei mal im Jahr für ein paar Wochen nach Ägypten zu kommen um deinen Bruder zu besuchen. Eines Tages werden wir alle zusammen sein. Gib Samira einen Kuss von ihrer Schwester und sage ihr, sie ist mir willkommen."