Eine kleine Abteilung in einem Krankenhaus.
Den ganzen Vormittag sind wir gerannt und nun leisten wir uns eine kleine Mittagspause, machen uns einen Capuccino und sitzen uns gemütlich gegenüber.

"Wo kann ich das Bömbchen abgeben?", mit dieser Frage betritt ein Mann unseren kleinen Raum.
Bömbchen....nee....so etwas haben wir nicht bestellt (ähnlich einer großen Sauerstoffflasche steht es auf dem Wagen)...könnte aber für die Endoskopie sein.

"Wollen sie uns in die Luft jagen?", meine Kollegin Manu nimmt damit den Gesprächsfaden auf.

"Sie nicht, aber woanders könnte man das Bömbchen schon zünden, einen Teil der Erdbevölkerung dezimieren, ist sowieso alles zuviel für den armen Planeten Erde".

Planet Erde...dazu kann Manu etwas sagen, war sie doch erst mit ihrer Tochter im Kino. "Die Erde" und ist ganz begeistert davon. Ob es der Film sei, den El Gore gedreht hat, nein, ein anderer, der aber jetzt gerade in den Kinos läuft.

Wir sagen ihm den Weg zur Endoskopie und er zieht ab mit seinem Bömbchen.

Wir beide schauen uns an. Der gleiche Gedanke. Mit seiner langen, dichten Mähne, sah er aus, wie jemand, der in den 70ern in Woodstock vergessen wurde. Oder in dieser Zeit in einer Rockband als Musiker spielte. Doch wir schreiben das Jahr 2008. Ein lebendes Fossil.

Schon wieder steht er in der Tür. Kommt auf uns zu, hat den Lieferschein in der Hand, braucht die Unterschrift von Herrn M. Ob wir wüßten, wo er ihn finden kann.
Keine Ahnung, aber wozu gibt es Telefon, wir werden das schon rausfinden.

Diese Zeit wird nun genutzt. Mit Gesprächen...er spricht...ich höre zu.

Ratten...Ratten sind die besseren Mütter, würden ihre Jungen nicht verhungern lassen...oh je...ich weiß....ein äußerst brisantes Thema....im Moment sehr aktuell....ich halte mich an meiner Kaffeetasse fest.

KZ ...sein Vater hat ihn schon als Kind mitgenommen, nach Bergen-Belsen, er hat sich da schon seine eigene Meinung gebildet.

Und heute...die Hühner....KZ-Haltung.
Ob ich wüßte, das Tag für Tag in Hühnerfarmen, auf Fließbändern kleine gelbe Federbällchen, namens Küken, aussortiert würden.

Meine Augen werden immer größer, ich halte mich an meiner Kaffeetasse fest.

....aussortiert...die Hennchen zum Weiterverkauf, Großzucht Eierlegen, die Hähnchen in die Tonne, zum Ersticken.

Irgendwie schaltet sich nun mein Gehirn ein, möchte gerne fragen...esse ich dann vielleicht kein Brathändl sondern ein Brathennchen...aber ich komme nicht dazu.

Schweine......ich glaube, wenn man bei uns im 7. Stock diesen grenzenlosen Ausblick hat, hüpfen die Gedanken.

Schweine werden nur 6 Monate alt, haben nie die Sonne gesehen, nie frische Luft geatmet....er wirft eine Zahl in den Raum...soviele werden täglich geschlachtet.

Ich versuche mir das gerade vorzustellen....halte mich an meiner Kaffeetasse fest.

Vegetarier...essen kein Fleisch. Aber manche essen Fisch...Fisch ist Frutti del Mare, Meeresfrüchte, so als wachsen sie an Bäumen im Meer.

Meine Gedanken verbinden sich mit seinen. Ich sehe ein großes Meer, darin algenförmig Bäume, an denen hängen Fische, wie an Obstbäumen....oh je....jetzt wird es gefährlich.

Meine Kollegin kommt zurück, weiß nun wo Herr M. zu finden ist, kann den Redefluß unterbrechen....große blaue Augen schauen uns an...er bedankt sich für das nette Gespräch...für die Hilfe....und geht.

Meine Kollegin setzt sich...hält sich nun auch an ihrer Kaffeetasse fest....wir schauen uns an...was war denn das eben....eine Begegnung der anderen Art....doch irgendwie kommt ein flaues Gefühl im Magen hoch...sollte mir vielleicht mal Gedanken um unseren Planeten machen....da liegen sie auf dem Tisch...nicht sichtbar....und doch vorhanden....lauter kleine Gedankenbömbchen.