Es ist Feburuar, Irene steht am Fenster und schaut durch die kahlen Äste der Bäume, hinunter zum nahen Fluss. Es ist alles grau in grau und drückt damit ihre Stimmung der letzten Wochen aus. Dreht sie sich um, so blickt sie in ihre sonst doch so gemütliche Wohnung, doch heute erscheint ihr der Ort, an dem sie sich immer sehr wohl gefühlt, hat viel zu groß, kalt, ungemütlich und leer. Es ist, als wäre mit ihrem Sohn Rolf jegliches Leben mit ausgezogen.
Rolf ist der jüngste ihrer Söhne, sie hatte also Übung im los lassen. Auch war sie vorbereitet, nichts kam überraschend oder unvorhergesehen. Er war 18 und wollte bei seinem Vater leben, es war für sie in Ordnung.
Nun waren sie alle, die sie neben ihrer Arbeit zu ihrem Lebensinhalt gemacht hatte, aus dem Haus.
Ihr Blick ging durch die Wohnung, zum nahen Fluß der sich so dunkel dahin schlängelte und wieder zurück. War das nun ihr Leben? Wo waren ihre Träume geblieben, hatte sie überhaupt jemals Träume?
Es dauerte einige Zeit, bis sie ein Gefühl fand, ein Gefühl das sie anzog. Es sog sie ans Licht, in die Sonne, ans Meer. Irene fühlte sich plötzlich frei, nach 36 Jahren frei.
Was dann kam ging sehr schnell. Noch am gleichen Tag fing sie an, die Dinge zusammen zu stellen, die sie für ihr neues Leben brauchte. Am nächsten Tag rief sie die Vertreterin an, die einmal im Monat kam um die Bestellung neuer Ware aufzunehmen. Sie kannte viele aus der Branche, vielleicht wusste sie jemanden, der einen Laden, wie sie ihn sich aufgebaut hatte, suche. Ja, sie wusste und so war der Verkauf innerhalb von zwei Wochen abgeschlossen. Gleichzeitig hatte sie sich am Bahnhof eine deutsche Zeitung, die in Spanien erscheint, gekauft. Eine der angebotenen Wohnung gefiel ihr und so rief sie an um sie zu mieten.
Die Habseligkeiten, die sie mitnehmen wollte, waren schnell in Karton verpackt, Schränke abgebaut und so alles für den Umzug vorbereitet.
Bis alle Vorbereitungen abgeschlossen waren vergingen drei aufregende Wochen..
Am 18.3. packte Irene ihr Auto mit allem, was sie für drei Wochen brauchte, setzte den Hund obenauf und verließ Deutschland.
Es war ein herrliches Abenteuer. Denkt sie heute daran zurück, so kommt ein leises Schmunzeln über ihre Lippen Ein Schmunzeln und eine Freude, daß sie das gewagt hat. Endlich war es ihr Leben.
In Spanien lief alles so, wie sie es hätte nicht besser planen können. Sie fand nach kurzer Zeit ein Haus, ein herrliches Haus mit einem kleinen Palmengarten. Ließ die Möbel nachkommen, richtete im Haus das Geschäft ein, arbeitete, lernte spanisch und saß mit ihrem Hund am Meer.
........ die Tage zogen gemächlich dahin und Irene fühlte sich eher an ein Leben wie im Paradies als auf Erden erinnert. Die Familie in Deutschland wuchs. Enkelkinder kamen, doch alles war so weit weg. Rolf hatte inzwischen eineFreundin und erlernte seinen Beruf, es war alles so einfach und unkompliziert.
Bis eines nachts das Telefon klingelte. Es meldete sich niemand, nur die Geräusche eines Automotors und der schwere Atem eines Menschen waren zu hören. Irene fragte mehrmals, wer am Telefon sei. Nichts geschah. Sie wurde unruhig, Angst stieg in ihr auf. Was geschieht hier? Endlich meldte sich Rolf, sagte, er wolle sich von ihr verabschieden, denn er fahre jetzt gegen den nächsten Brückenpfeiler.
Schock, Angst, Ohnmacht, Schreien? Es sind so viele Gedanken, die sich in diesem Augenblick meldeten. Letztendlich war es pure Hilflosigkeit und das Wissen, wenn sie jetzt auch nur ein einziges falsches Wort sagt, kann es zu spät sein.
Flehen, weinen, bitten? Nein, denn der am anderen Ende der Leitung ist so unglücklich, daß er sein Leben beenden möchte. Sie fragt ganz ruhig wo er denn gerade sei und erfährt so, daß er auf der Autobahn sei, seine Freundin sich von ihm getrennt habe und er nun keinen Sinn in einem Weiterleben sehe. Er fahre jetzt 160 und das müsse für einen sicheren Tod reichen. Sein Anruf hätte nur den Grund, sich von ihr zu verabschieden und ihr zu sagen, daß sie ihm eine gute Mutter war.
Nachdem sie nun wußte, daß er auf dem Weg nach Hause war, hoffte, auf ein langes Gespräch. Langsam fing sie an, von sich zu erzählen. Sie erzählte ihm, daß sie, als sie mit ihm im 3. Monat schwanger war und sich sein Vater von ihr und der Familie getrennt hatte, ebenfalls ihr Leben beenden wollte. Sie erzählte ihm, wie sie das Leben seiner damals 13 und 16 Jahre alten Brüder plante, wie sie sich verabschiedete und wie, genau in diesem Moment als sie gehen wollte, er sich in ihrem Bauch regte. Es schien ihr, als wolle er ihr sagen, daß er es doch war, der leben wollte und daß sie ihm diese Möglichkeit geben solle. So habe sie letztendlich ihm ihr Leben zu verdanken.
Rolf fuhr noch immer sehr schnell, doch durch ihr Reden fuhr er wenigstens noch und so sprach sie weiter, sprach davon, daß nur Menschen die nachdenken, die auch Dinge in Frage stellen, an einen Punkt kommen können, wo sie das Leben beenden wollen, doch gleichzeitig haben sie auch die Möglichkeit zu akzeptieren was ist und zu schauen, was noch kommt. Für einen inteligenten Menschen kann das Anreiz zum Aufbruch sein und das wünsche sie ihm. Man kann nie festhalten was sich nicht festhalten lassen will.
So redete und redete sie und merkte, daß er ihren Worten lauschte.
Plötzlich erschrickt sie, das Motorengeräusch ist nicht mehr zu hören, was war geschehen? Panik ergreift sie, doch als sie zum soundsovielten Mal fragt, wo er jetzt sei, kam ein leises, vor der Garage.
Irene legte den Hörer wortlos auf die Gabel und schrie, heulte und gleichzeitig dankte sie dafür, daß die letzten 45 Minuten überstanden waren.
Das alles liegt nun Jahre zurück, Rolf ist verheiratet und wird in zwei Monaten Vater. Eine neue Familie mit all ihren Aufgaben wächst heran.
