Sie war nicht die achtzehnte, die in mein Gästebuch geschrieben hatte, dass sie nicht umhin könne, mir einen Gruß dazulassen, wo sie schon mal auf meiner Profilseite gewesen sei.
Sie schrieb direkt, dass sie einen Mann suche, der in erreichbarer Nähe wohne, dass meine Parameter ungefähr mit ihren Vorstellungen überein stimmten und dass sie mich deshalb ausgesucht und angeschrieben habe.
Donnerwetter, dachte ich und riss die Augenbrauen hoch. Eine Frau, die sich was traut. Wo die meisten doch sonst immer so rum eiern und sich ständig einen Hinterausgang offen halten. Damit sie nicht zugeben müssen, dass sie sich getäuscht haben, falls der Mann ihnen nicht gefällt. Dann war’s eben von Anfang an halt nur als netter Gedankenaustausch geplant gewesen.
Ich reagierte genau so pragmatisch. Ich fragte sie, ob sie eine Telefon-Flatrate habe, wenn nicht, solle sie mir doch ihre Telefonnummer hinterlassen, ich riefe sie gern zurück. Ansonsten gäbe ich ihr jetzt meine Telefonnummer.
Sie rief an. Sie gab mir nicht ihre Handynummer, sondern sie rief einfach an. Sie hatte also von keinen schlechten Erfahrungen gehört oder gelesen, die andere Frauen mit suchenden Männern gemacht hatten oder sie ignorierte solche Erfahrungen einfach. Das gefiel mir schon einmal mächtig. Ich bin schließlich ein fairer Typ und habe kein Misstrauen verdient.
„Hier ist die Eiapopeia von Platinnetz“, sagte sie ganz simpel.
Ich lachte. „Adelig bist du auch noch?“
„Wieso adelig?“
„Von wegen ‚von Platinnetz’.“
Sie lachte. Ihr Lachen klang herzhaft und frisch.
„Du hast aber eine junge Stimme. Bist du sicher, dass ich nicht mit deinem Sohn spreche?“
„Das ist die Übung. Ich quassel’ halt so viel.“
Das Eis war gebrochen, wir hatten zusammen gelacht und damit eine erste Grundlage für ein Date geschaffen. Und als ich anfing, aus meinem Leben zu erzählen, um ihr die Möglichkeit zu geben, mich von vorn herein auszusortieren, falls ich ihr nicht zusagte, blockte sie ab.
„Pass auf“, sagte sie. „Dieses ganze Gerede bringt überhaupt nichts. Wenn wir uns sehen, werden wir innerhalb von Sekunden wissen, ob wir eine gemeinsame Chance haben.“
Sie hatte natürlich Recht, und als ich Eiapopeia sah, wusste ich, dass aus uns nichts werden konnte.
Eiapopeia hatte Falten um die Augen und um den Mund. Sie trug einen Schal, um ihren Truthahn-Hals zu verbergen. Diese Frau würde ich nie küssen können, das wusste ich von Anfang an.
Wir tranken einen Kaffee zusammen und verabschiedeten uns. Ein zweites Date ließen wir offen, schon, weil keiner von uns Lust hatte, dem anderen eine Begründung dafür zu liefern, weshalb wir keine Lust auf ein zweites hatten.
In meinem Dorf gibt es eine spezielle Freundin von mir, die kluge, kluge Apfelfrau, der ich immer alle wichtigen Dinge aus meinem Leben erzähle, und ihr berichtete ich von Eiapopeia. Ich zeigte ihr deren Profilbild, und meine Apfelfrau überraschte mich mit der Neuigkeit, dass ihr Eiapopeia sehr gut bekannt sei.
„Krieg doch mal raus, was sie von mir hält“, bat ich sie. „Irgendwie waren wir beide nicht ehrlich.“
„Aber nur, wenn ich ihr erzählen darf, was du über sie denkst“, sagte die Apfelfrau.
Etwa eine Woche später fragte ich sie nach Eiapopeias Meinung über mich.
„Er hat mir zuviel Falten um die Augen und um den Mund. Auf den Händen hat er beginnende Altersflecken. Ich würde ihn nie küssen können, das wusste ich von Anfang an“, hatte Eiapopeia gesagt.
Die Apfelfrau und ich, wir lachten laut, genau wie die Apfelfrau und Eiapopeia vorher laut gelacht hatten.
Aus Eiapopeia und mir wurde trotzdem kein Paar. Wir können beide unsere Abneigung gegen nicht mehr ganz so taufrische Partner nicht überwinden. Und wir haben beide bis heute noch niemanden gefunden.
Vor meinem nächsten Date werde ich mich hypnotisieren lassen. „Denk daran, wie alt du bist und akzeptiere, dass andere auch alt werden“, wird mir der Hypnotiseur immer wieder einreden. Und anschließend schickt ihn die Apfelfrau zu Eiapopeia. Vielleicht sind wir dann bereit, uns gegenseitig die Falten weg zu küssen.
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Anmerkung:
Meine Geschichte habe ich in dieser Form nicht erlebt. Ich will damit deutlich machen, dass unser inneres Bild von uns selbst häufig nicht mit dem überein stimmt, was wir nach außen darbieten. Was einer der Gründe ist, weshalb wir Schwierigkeiten damit haben, einen Partner/eine Partnerin zu finden.
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© Jürgen Berndt-Lüders
Bildquelle: STAR DIVISION CD. 10.000 Cliparts und Fotos
