Ich kam am 30. Juni 1990 in die noch damals noch existierende DDR um zu bleiben. In Westberlin war meine Arbeit, und im Osten hatte ich ein Häuschen im Grünen in Aussicht. Also fuhr ich mit meinem PKW mit Wohnwagenanhänger in Potsdam auf den Campingplatz direkt am See.
Der 1. Juli war der Tag der Währungsunion, an dem die D-Mark offizielles Zahlungsmittel in der DDR wurde. Die Bewohner des Campingplatzes, feierten die Stunden vor Mitternacht mit einem Feuerwerk auf dem Bootsanleger.
Überraschenderweise waren fast nur DDR-Bürger dort. Ich erkläre mir das so, dass damals doch noch gewaltige Berührungsängste von Westberlinern bestanden haben müssen. Wie oft hatte ich das Jammern gehört, dass man soweit fahren müsse, um richtig ins Grüne zu gelangen, und nun war kaum jemand aus dem Westen hier...
Natürlich kam ich ins Gespräch mit den Leuten. Ich fragte, weshalb man denn so feiere, denn Westgeld gäbe es doch nun schon seit Monaten.
„Jetzt kriegen wir unseren Lohn in D-Mark“, kam als Antwort. „Jetzt können wir uns alles kaufen, worauf wir so lange verzichten mussten.“
Ich fragte, was die Leute denn so arbeiteten, und stellte fest, dass sie die Illusion hatten, Kohl würde lauter Fachleute aus dem Westen in die Betriebe schicken, damit die modernisiert werden könnten.
Er hatte ja von Blühenden Landschaften gesprochen.
Die DDR-Bürger, mit denen ich sprach, wussten nicht, dass bspw. ein geschickter Handwerksmeister nur dann geschäftlichen Erfolg haben konnte, wenn er auch ein guter Kaufmann war und sich gegen die Konkurrenz durchsetzte. Dass es nun nicht mehr darauf ankam, sich in seiner Arbeit wohl zu fühlen, sondern, die Arbeit zu machen, die entweder am meisten Lohn oder die meiste Sicherheit (öffentl. Dienst usw.) brachte.
Die Vertreter würden kommen, kündigte ich an. Die Versicherungsvertreter und die Verkäufer von Staubsaugern, die geschulten Spezialisten für Argumentationen, die geschickter formuliert seien als die Agitationen von SED-Funktionären. Und die würden ihnen das Geld aus der Tasche ziehen, weil sie in ihrem Konsum-Defizit auf jeden Vertreter herein fallen würden.
Ich war natürlich der Miesmacher.
Man hatte keinen blassen Schimmer, dass trotz Demokratie nun nicht der Mensch, die gewählte Regierung, sondern das Geld bestimmen würde, und dass die Leute bestimmt bald keine Arbeit mehr hätten, wenn sich ihre Beschäftigung für den Arbeitgeber nicht rentierte.
Es kam so, wie es kommen musste. Unrentable Betriebe wurden nicht rentabel gemacht, sondern still gelegt und ausgeschlachtet, und die Beschäftigten gingen für eine Übergangszeit auf „Null Stunden Kurzarbeit“, wie man das damals nannte, bis sie dann endgültig entlassen wurden.
Noch heute begreifen viele nicht, dass nur der ein Leistungsträger sein soll, der viel verdient und einen Haufen Steuern zahlt, während die, welche gern leisten möchten, aber aus den verschiedensten Gründen nicht können, keine Leistungsträger sind.
Die ganze, rasche Wiedervereinigung war zwar unumgänglich, weil man die Gunst der Stunde nutzen musste, aber der Übergang des Ost-Systems in das West-System ging viel zu rasch. Und der Sieger, der Westen, machte viele DDR-Errungenschaften einfach platt, weil man als Sieger schließlich das Recht hatte, zu bestimmen.
Es sind eine Menge gute Leute auf der Strecke geblieben, und das ist auch heute noch so.
