Wie lange hatte er sie nicht mehr gesehen? Zwanzig Jahre mussten es inzwischen sein.
Am Anfang, als er noch etwas war, ein Kämpfer, ein zorniger Mann, da hatte er immer wieder versucht sie zu erreichen. Sie, seine älteste Tochter und ihren Bruder, seinen Erstgeborenen. Seinen Sohn hatte er immer vor Augen, wenn er im Internet auf diese Gesichtscommunity surfte. Er konnte von außen beobachten, welche Feten und Fun so angesagt waren, aber mehr als ein paar Antworten auf die eine oder andere zaghafte Mail von ihm, hatte es nie gegeben. Er wusste nicht, wie es ihnen ging, ob alles in Ordnung war, sie gesund und munter waren.
Sein Herz war schwermütig geworden, aufmüpfig und müde, aber es schlug irgendwie immer noch für seine Kinder. Er hatte sie mit auf die Welt gebracht, hatte sich den Arm zerbeißen lassen, als die Mutter der Kinder unter Schmerzen die Geburt vollbrachte. Er hätte für seine Familie jederzeit sein Leben geopfert. Und im Prinzip war er tot, war für sie gestorben, vor langer Zeit.
Er hatte immer gegen das in seinen Augen beschissene Selbstmitleid gekämpft, hatte sich eingeredet, dass es dadurch nur schlimmer zu ertragen wäre, diese Einsamkeit, dieses Nichtwissen, der Verlust seines Lebenssinns. Aber sein Herz wollte nie zerspringen, wollte aber irgendwann auch nicht mehr weinen.
Er entfernte sich aus dem Leben seiner Kinder und war doch mit seinem Herzen sehr nah, er hatte nie loslassen können. Obwohl er sich immer eingeredet hat, dass er durch die Aktionen seiner Exfrau einfach sehr schnell gelernt hatte loszulassen. Sie waren immer eigenständige, selbstdenkende Menschen für ihn gewesen und immer hatte er gehofft, dass sie mit zunehmender Lebenserfahrung, irgendwann einmal auf ihn zukommen und ihn in ihr Leben zurückholen würden.
Und heute Nachmittag würde seine Tochter heiraten. Ob es eine gute Partie war? Ganz so wie seine ehemaligen Schwiegereltern es sich auch für ihre Tochter gewünscht hatten. Keine Ahnung, für ihn war so etwas nicht wichtig.
Aber er war ja auch keine gute Fee, die so ohne weiteres Wünsche erfüllte. Nein, er war immer ein unbequemer Mensch, der sich seines eigenen Wertesystems stets bewusst war und damit bei diesen „Spießern“ permanent aneckte. Aber er hatte ja ihre Tochter, und nicht sie geheiratet. Ja, an seine Hochzeit konnte er sich noch gut erinnern, an seinen Herzschlag, den Anblick seiner Braut, wie sein Herz vor Liebe und Glück fast zu platzen schien. Was für ein Trugschluss, aber er vergab seiner Jugend und seinem Übermut, dieser Gefühlslawine, die ihn überrollt hatte, wie ein Tsunami.
Ob seine Tochter auch solche chaotisch-romantischen Gefühle hatte? Er wusste nichts von ihr, oder dem jungen Mann, der sie zum Traualtar führen wollte. Er war ja noch nicht einmal eingeladen.
Wozu auch, fragte er sich, ja sein Herz schlug plötzlich zornig in seiner Brust. Dieses Stakkato der Wut, Wut auf seine Ex, seine Kinder, ja selbst auf ihn, wurde plötzlich riesig.
Und verging, wie eine Kerzenflamme vom Wind ausgeblasen wird. Was spielt das auch alles für eine Rolle, fragte er sich. Sie lebte, war wohl glücklich, und hatte heute den für sie hoffentlich schönsten Tag ihres Lebens. Was soll sie sich da um die Gefühlverwirrungen ihres Vaters kümmern?
Er beschloss, sich auf den Weg zum Rathaus zu machen, um in der Nähe des Standesamts auf sie zu warten und sie lächeln zu sehen. Nein, den Tag wollte er ihr nicht verderben, bestimmt nicht.
Außerdem würde seine Exfrau mit ihrer restlichen Bagage dort sein, aber hoffentlich auch sein Sohn, denn er wollte sie beide sehen, unbedingt. Er hatte ja keine Fotos von ihnen und kämpfte immer mit der Sorge, sie nicht mehr zu erkennen, sollte er ihnen zufällig mal über den Weg laufen.
Er hatte sich seinen besten Anzug, den er noch hatte, angezogen und war pünktlich beim Standesamt. Zu gerne wäre er bei der Zeremonie dabei, aber er wollte kein Aufsehen, keinen Stress machen, wollte sich nur davon überzeugen, dass seine Tochter glücklich ist.
Sein Herz schlug immer schneller und er spürte die Liebe zu seinen Kindern, die jeder Herzschlag zu einer erneuten Karussellrunde durch seine Adern schickte.
Er hatte Glück, es waren gerade genug Menschen zwischen seinen Kindern und ihm, als sie aus dem Standesamt herauskamen. Seine Tochter Arm in Arm mit einem ihm völlig unbekannten Mann und dahinter seine Exfrau und sein Sohn. Auch er war in Begleitung einer jungen Frau, die klar ersichtlich zu ihm gehörte, von der er aber absolut nichts wusste. Wie auch? Nach dem Tod seiner Mutter war die letzte Brücke in das Leben seiner Kinder abgerissen und damit auch die eine oder andere Nachricht über ihr Leben. Sie sahen ihn nicht, dafür konnte er alles erfassen.
Er sah seine Kinder lächeln und er weinte leise vor Freude, freute sich über ihren glücklichen Moment, freute sich darüber, nach all den Jahren so nah bei ihnen zu sein. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Er nahm sein Taschentuch, wischte sich die Tränen weg und lauschte mit einen wissenden Lächeln in sich hinein. Er fühlte sich gut. Er sah, wie die Hochzeitsgesellschaft in die Autos stieg und losfuhr, zu irgendeiner Lokalität, um weiter zu feiern.
Er hatte alles was er wollte. Er war zufrieden. Er lächelte.
Mit diesem Lächeln im Gesicht wurde er auf die Bahre geschnallt. Die Sanitäter die nach dem Notruf kamen, konnten aber nichts mehr für ihn tun.
Ein letzter glücklicher Herzschlag hatte ihn aus dem Leben seiner Kinder entfernt und aus seinem Kampf um sie.
Es war endlich vorbei.
Copyright by Paul Archie 2011, http://www.platinnetz.de/magazin/freizeit/schreibwettbewerb-herzklopfen/eine-hochzeit-eine-erinnerung-ein-todesfall
Eine Hochzeit, eine Erinnerung, ein Todesfall
Er war irgendwie fürchterlich aufgeregt. Ein Mann von Mitte 50, da sollte man doch davon ausgehen, dass er durch nichts so schnell zu erschüttern gewesen wäre. Und doch, er hatte die Schlagzeile angestarrt und die Tageszeitung nicht mehr aus der Hand gelegt. Er saß einfach da, an seinem Stammplatz unter der schattigen Eiche auf dem Friedhof und traute seinen Augen nicht.
4 Platinern gefällt der Artikel
Gefällt mir auch
Kommentare zum Artikel