UNTERWEGSGESCHICHTEN

1. Kindes Schlaf

Gleis 14, Hamburg Hauptbahnhof, es ist Nachmittag. Der Bahnsteig ist voller Menschen, sie stehen mit ihrem Gepäck, drängen in Grüppchen, hasten an der Bahnsteigkante entlang, Koffer in der einen, Fast Food in der anderen Hand. Hingerufene Gesprächsfetzen verklingen im Gewühl: „Schnell doch, wir verpassen…“. Ständig quäken Durchsagen aus dem Lautsprecher, nicht gut zu verstehen, in den Ohren zerrendes Geräusch.
Warten. An Bahnsteigen wird gewartet. Doch worauf? Wer wird erwartet? Ein interessanter Gedanke: haben alle, die hier stehen, sitzen, umherlaufen, zusammengekauert am Boden dösen - ein Ziel? Haben alle, die hier auf dem Bahnsteig sind - einen Grund hier zu sein?
Sie war hungrig, hatte gegessen, sucht nach einem Papierkorb. Nicht weit von ihr entfernt schimmert er silbern im Nachmittagslicht. Sie steht auf, um ihre Brötchentüte zu entsorgen. Bald wird der Zug eintreffen. Es lohnt nicht, noch mal einen Platz zum Sitzen zu suchen. Sie schlendert entlang des Bahnsteigs, entlang vieler Menschen und Gepäck. Nimmt ihre Umgebung nicht präzise wahr, ist in sich gekehrt, lässt Gedanken treiben. Plötzlich drängt sich ein Bild in ihr Bewusstsein.

Ein Kind. Im Arm seiner Mutter liegt ein schlafendes Kind. Ein kleiner Junge, zarte Gesichtszüge, helle, fast durchscheinende Haut, weißblonde Haare. Die Augen fest geschlossen, umkränzt von langen, hellblonden Augenwimpern. Seine Lider flackern unmerklich, der Kopf weit nach hinten geneigt, liegt sein kleiner Körper wie hingegossen in der Armbeuge der Mutter. Die Fremde ist fasziniert von diesem Anblick.

Die Mutter des Jungen lächelt der Fremden zu, die das schlafende Kind betrachtet: „Ist es nicht wunderbar, dass Kinder schlafen können, ohne sich darum zu kümmern, was um sie herum geschieht? Wie alt ist Ihr Junge?“ „Dreieinhalb“ ist die Antwort. Ein Mädchen kommt auf beide Frauen zu. Hübsch ist sie! Auch sie hat weißblonde Haare, lange, dicke Ringellocken, hellblaue Augen blitzen aus dem kleinen Gesicht. Die Fremde lächelt das Mädchen an. „Hallo“, sagt sie, „wie alt bist du“? „Sechs“ lacht das kleine Mädchen, spreizt ihre Hand, zeigt fünf Finger. Greift sich eine Haarlocke, kaut auf ihr, während sie zu dem Bruder hinsieht, beschwörend einen Finger über ihren Mund legt. „Er soll schlafen“, flüstert sie und lächelt. „Kleines Mädchen, doch stolze, große Schwester“, denkt die Fremde. Auf einmal windet sich der Junge mit unwilligem Gesichtsausdruck aus seiner Position, kippt an die Brust der Mutter – um sofort wieder nach hinten zu fallen. Einen Moment aufgeschreckt, ohne zu erwachen. In einer fließend weichen Bewegung gibt die Mutter dem Aufbäumen des Jungen nach. Ein kleines Lächeln, liebevoll das Kind betrachtend, streicht sie zart über sein Haar. Er schläft. Ganz leichtes Flackern der Augenlider, es erinnert an Kolibris, deren zarten, leichten Flügelschlag.

Der Lautsprecher scheppert: „Sehr geehrte Fahrgäste, auf Gleis 14 erhält jetzt Einfahrt der Zug aus Westerland/Sylt zur Weiterfahrt nach Nürnberg über Bremen, Osnabrück…“
Unruhe breitet sich aus. Erst jetzt nimmt die Fremde wahr, dass noch viel mehr Menschen am Bahnsteig stehen, die Ankunft des Zuges erwarten. Das kleine Mädchen hat ein Fahrrad bei sich. Es gibt eine große Reisetasche, den schlafenden Jungen. „Kann ich Ihnen behilflich sein“ wendet sich die Fremde an die Frau. „Oh, sehr, sehr gern“, lächelt diese dankbar zurück, „wenn Sie das Fahrrad meiner Tochter nehmen können? Das schafft die Kleine nicht!“ Die Fremde beugt sich zu dem Mädchen. „Ich helfe dir gleich mit deinem Fahrrad, einverstanden?“ Das Mädchen nickt nur mit dem Kopf, während sie eifrig auf einer Haarlocke kaut. Der Zug kommt jetzt zum Stehen, emsiges Gedränge beginnt, jeder möchte Erster im Abteil sein. Die beiden Frauen warten, bis sich die Menschentrauben an den Türen aufgelöst haben. Behutsam hält die Mutter den schlafenden Jungen, trägt die große Reisetasche. Das kleine Mädchen steht ängstlich vor der Treppe der Zugtür, eine freundliche Schaffnerin hilft beim Einstieg. „Mama, Mama?“ der fragende Ruf, „ Mona warte, gleich schauen wir, wo wir Platz finden“, antwortet die Frau, die vorsichtig balancierend mit dem schlafenden Kind einsteigt. Die Fremde ist nun auch eingestiegen, hat das Fahrrad des Mädchens in einem Gepäckfach abgestellt. Der Wagen ist nicht voll, so kann der schlafende Junge quer über zwei Sitze gelegt werden. Nicht einen Moment ist er erwacht. Beine leicht angewinkelt, den linken Arm hinter den Kopf gelegt träumt sich der Junge seinem Leben entgegen, kaum zu sehen, wie sich der kleine Brustkorb hebt und senkt. Mutter und Tochter haben eine Reihe vor dem Schlafenden Platz genommen. Zwei Reihen weiter sitzt die Fremde. Sie ist sehr müde, schließt die Augen, versucht zu dösen. Das kleine Mädchen redet unentwegt auf seine Mutter ein. Immer wieder Lachen, Mutter und Tochter spielen Denksportaufgaben.

Dämmriger Schlaf der anderen Frau, währenddessen ein gleichmäßig ratterndes Geräusch des inzwischen fahrenden Zuges eine eintönige Geräuschkulisse bildet.

„Meine Damen und Herren, in Kürze erreichen wir Bremen“. Die Fremde öffnet ihre Augen, kreist vorsichtig mit dem Kopf. Ihr Nacken ist, wie so oft, schmerzhaft verspannt. Sie steht auf, greift nach ihrer Jacke. Wie zerschlagen sie sich fühlt, wie müde! Still denkt sie, sich gern einmal treiben lassen zu wollen, ohne Ziel. Sie ist selbst Mutter, hat einen Sohn. Längst ist der größer gewachsen als sie, immer muss sie zu ihrem Jungen hochschauen. Er ist kein Kind mehr, doch sein Weg in das erwachsen werden ist noch weit. Ein mühsames Ringen, beiden fordert es sehr viel ab. Manchmal ist sie so erschöpft, dass sie einfach gehen möchte, für immer weggehen. Dann spürt sie Sehnsucht nach dem kleinen Jungen, der er war. Sie konnte ihn halten wie heute die Mutter ihren kleinen Sohn. Die Fremde erinnert sich, wenn er kam, sich einer Katze gleich auf ihre Knie hochzog, sich auf ihrem Schoss zusammen rollte.

Gleich wird der Zug in den Bahnhof einfahren. Mutter und Tochter knobeln noch immer an kleinen Denksportaufgaben. Der Junge schläft. So, wie er hingelegt wurde, liegt er immer noch. Die Beine leicht angewinkelt, der linke Arm hoch über dem Kopf. Sachtes, kaum wahrnehmbares Heben und Senken des kleinen Brustkorbes. Der Zug fährt in den Bremer Bahnhof ein, mit lang quietschenden Bremsgeräuschen kommt er zum Stehen.

Der Strom der Reisenden, die aussteigen, beginnt sich zu bewegen.
Ein letztes Mal schaut die Fremde das schlafende Kind an.

Sie steigt aus dem Zug.


16.08.2007 / 29.12.2007