In jungen Jahren war die Seele, obwohl schon oft verletzt und bereits mit vielen Narben übersäht, immer noch überzeugt davon, die Kette, die sich mit jeder weiteren Verletzung enger schnürte, irgendwann abwerfen und wieder befreit atmen zu können.

„Ich schaffe das. Ich bin stark!“ sagte sie zu sich und schaute weiterhin positiv in die Welt.

„Und..., Verletzungen sind es momentan genug. Jetzt wird alles gut werden und das Blatt wird sich für mich zum Positiven wenden. Wenn man Liebe ausstrahlt, dann wird man auch Liebe zurück bekommen!“ dacht sie bei sich und veranlasste den Menschen, dem sie inne wohnte, dazu, immer freundlich zu sein. Ehrlich und gerade sollte er durch die Welt zu gehen, hilfsbereit sollte er sein, mitfühlend gegenüber Mensch und Tier.

Der Mensch folgte der Anleitung seiner Seele im Vertrauen darauf, dass sie ihn schon richtig leiten werde. Es gab weiterhin Höhen und Tiefen im Leben dieses Menschen. Es gab weitere Narben auf der Seele aber auch viele kleine Augenblicke des Glücks, die die Wundränder glätteten und die Kettenglieder nicht zu sehr spüren ließen.

In Augenblicken des Glücks hatte die Seele das Gefühl, die Kette löse sich. Glücklich übertrug sie ihr Glück auf den Menschen, dem sie inne wohnte, sorgte dafür, dass er strahlte und lachte. Und alle Welt beneidete den Menschen und seine Seele, die so strahlte, dass dieser Mensch von innen her zu leuchten schien.

Mensch und Seele waren inzwischen miteinander alt geworden. Sie hatten sich daran gewöhnt, die Verletzungen anzunehmen und die Lehre, die in ihnen steckte, für sich selbst umzusetzen. Und sie werteten die Augenblicke, in denen beide so richtig glücklich waren, tausendfach, damit die Schalen der Waage im Gleichgewicht waren.

„Im Grunde haben wir doch ein wunderbares Leben gehabt“, keuchte die Seele, die durch die festsitzenden Kettenglieder kaum noch Luft bekam. Und der Mensch, dem die Seele inne wohnte, bejahte das und brachte unter vielen Runzeln ein schiefes Lächeln zustande.

„Meinst du nicht auch, dass es langsam an der Zeit ist, abzutreten?“ fragte die Seele weich. „Wir haben im Leben so viel Erfahrungen sammeln können. Ich meine, es wären derer genug!“

Der Mensch, den Alter und Krankheit gebeugt hatten, stimmte erleichtert zu.

Weißt du, es ist uns nicht gelungen, die Kette abzuschütteln. Aber..., wir haben damit leben gelernt, nicht wahr!“ sagte die Seele sanft, als der Mensch einen tiefen, letzten Atemzug tat.

Langsam entfernte sie sich aus dem toten Körper und atmete erstmals befreit auf!