Eine wahre Geschichte erlebt von Paul Kirchens einem guten Freund von mir
Teil I:Teil II:
Wir schreiben das Jahr 1941,etwas fast unmögliches wird Wahrheit.
Erinnerungen eines HJ-Jungen!
Ein Besuch im Wehrbezirkskommando Monschau
im Sommer 1941.
Mein Vater betrieb nebenberuflich eine kleine Landwirtschaft. Er arbeitete als Rottenarbeiter auf der Bahn. Man kann die Landwirtschaft nicht mit heute vergleichen. Mein Vater mähte soviel Gras mit der Sense, bis es reichte, einen Heubock zu machen. Nach Feierabend mähte er so eine Fläche von 2,5 Ha. Nachher waren viele Heuböcke
auf dem Feld zu sehen, die dann später nach Hause gebracht
werden mussten.
Eines Tages sagte mein Vater: „Hätten wir noch das Heu
herein." Mein ältester Bruder Mathias (geb. 1923, gef. 21.02.1943 beiTuas-pe am Schwarzen Meer) absolvierte seinen
Arbeitsdienst in Hangelar bei Bonn und mein Bruder Nikolaus (geb. 1926, gest. 2002) rnuss-te das Landpflichtjahr bei Dederichs in Hallschlag machen. Es war also schwierig,die Heuernte einzubringen, weil meine Brüder nicht mehr zu Hause waren.
Als mein Vater so klagte, dass wir das Heu nicht hereinbringen konnten, sagte ich zu ihm: „Ich fahre morgen zum Wehrbezirkskommando nach Monschau und stelle einen Antrag, dass Mathias eine Woche Heuurlaub bekommt." Mein Vater meinte: „Glaubst du, dass es etwas nützt?" Ich erwiderte ihm: „Mehr wie Nein sagen können sie nicht.
Am nächsten Morgen zog ich meine HJ-Uniform an (ich war damals 14 Jahre alt) und fuhr mit dem 8-Uhr-Zug ab Losheim. In Weywertz musste ich umsteigen, dann kam Sourbrodt, Kalterherberg. „Monschau" rief der Schaffner aus und ich stieg aus. Ich ging den Monschau-ern nach, denn die hatten so einen Schlangenpfad den Berg hinunter getreten, um nicht den weiten Umweg der Straße entlang zu gehen. Unten im Städtchen angekommen, sah ich auf einmal ein Schild, eine Hand mit einem gestreckten Zeigefinger: „Wehrbezirkskommando".
Ich dachte, dann bist du ja richtig. Vor dem Wehrbezirkskommando stand ein Wachposten in einem Schilderhäuschen. Ich grüßte mit „Heil Hitler" wie es sich damals gehörte und der Wachposten erwiderte meinen Gruß. Er fragte mich: „Weshalb kommst du hierhin?" Ich sagte ihm, dass ich einen Antrag stellen wolle. Er befahl mir im Vorraum Platz zu nehmen, er werde mich weitermelden.
Nach etwa 5-10 Minuten wurde die Tür geöffnet und man bat mich, einzutreten. Ich habe mich wohl gefragt, weshalb das so lange gedauert hat, bis die Tür geöffnet wurde. Hatten die hohen Herren sich noch in Pose gebracht, um den „hohen Gast" zu empfangen?Zunächst eine kurze Beschreibung, wie es im Wehrbezirkskommando aussah (soweit ich mich erinnern kann): Es war ein größerer Saal, etwa die Größe wie der Saal Henkes in Manderfeld. Im Vordergrund hing ein großes Hitlerbild mit 2 gekreuzten Hakenkreuzfahnen; links und rechts an den Wänden entlang standen Aktenschränke. Etwa in der Mitte des Saales stand ein langer Quertisch, an dem 6-8 hohe Offiziere saßen.
Die Haare der Offiziere waren kurz geschnitten, die Scheitel waren so exakt gekämmt als hätte man dafür ein Lineal benutzt. Die Offiziere trugen mehrere Sterne auf den Achselklappen oder Reviers.
Ein Offizier trug Sporen an den Stiefeln, es war sicher ein Offizier der Kavallerie.Mindestens einer trug auch das Ritterkreuz. Alle trugen schöne Uniformen und hatten schwarz lackierte Stiefel an.Ich trat also in den Saal ein. Ich grüßte mit erhobenem Arm und Hackenschlag (wie man es schon in der HJ gelernt hatte), mit „Heil Hitler", und ein mehrfaches „Heil Hitler" wurde erwidert.
Dann aber, als die hohen Herren mich sahen, ging ein Raunen durch den Saal, einer schaute den anderen an und die hätten am liebsten gefragt: „Was tut der kleine Knirps hier?"Als die Offiziere sich etwas beruhigt hatten, fragte mich der Sprecher, der an der linken Seite des Tisches saß: „Was führt dich zu uns?" Ich sagte ihm: „Das will ich Ihnen gerne sagen. So geht es nicht mehr weiter wie bisher!" Er erwiderte: „Was geht nicht weiter wie bisher?" Ich sagte ihm: „Mein Bruder Mathias, der seinen Arbeitsdienst in der soundsovielten Arbeitskompanie in Hangelar bei Bonn absolviert, muss dringend Ernteurlaub bekommen. Wir können die Heuernte nicht einbringen, was sollen wir den Tieren im Winter zu fressen geben?"
Er sagte dann: „Hast du Beweise hierfür ?" Ich erwiderte: „Selbstverständlich habe ich Beweise. Mein Vater muss täglich zur Bahn, meine Mutter ist bereits durch eine schwere Krankheit seit 2 Jahren ans Bett gefesselt - (gleichzeitig schob ich ein ärztliches Attest einem der Herren zu),
mein Bruder Nikolaus muss das Pflichtlandjahr machen und meine Schwester geht noch zur Volksschule und für mich ist die Arbeit sowieso zu schwer.
Links von dem Sprecher saß der Protokollführer, der alles zu Papier brachte. Dann nahm der Sprecher ein großes Buch, etwa so groß wie eine halbe Tischplatte, ca. 18 - 20 cm dick,zur Hand. Er fing an zu blättern und ich beobachtete ihn. Auf einmal nickte er mit dem Kopf und er hatte Mathias gefunden.
Nun rückten die hohen Herren mit den Stühlen
zusammen und tuschelten unter sich, wovon ich natürlich nichts verstand. Als sie wieder auf ihren vorigen Positionen Platz genommen hatten, sagte der Sprecher zu mir: „Lass deinen Eltern ausrichten, wir werden die Sache überprüfen und sie werden Nachricht von uns erhalten." Mit einem „Dankeschön" und einem Hitlergruß machte ich eine kurze Kehrtwendung und verließ erhobenen Hauptes den Saal.
Noch eine kurze Bemerkung: Als ich meine Aussage vor brachte, schmunzelten einige Offiziere und ein Lächeln um die Mundwinkel war zu erkennen. Es schien mir, als ob sie etwas Sympathie für mich empfanden, weil ich so dreist dort aufgetreten war. Ich deutete das nicht als schlechtes Omen und ich trat die Heimfahrt an.
Zu hause angelangt, fragte mein Vater mich: „Nun, Paul, hast du was erreicht?" Ich berichtete ihm, was die Offiziere mir gesagt hatten.Nach meinem Besuch in Monschau war 2 Wochen Regenwetter und von einer Nachricht war nichts zu sehen und zu hören.
Dann wendete sich die Wetterlage, schönes sonniges Wetter wurde gemeldet und am folgenden Tag stand Mathias vor der Tür und hatte eine Woche Heuurlaub bekommen. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Paul, das hast du gut gemacht." Er war froh, mal Urlaub zu bekommen und natürlich waren meine Eltern, bes. meine kranke Mutter überglücklich, Mathias noch mal bei sich zu haben.
Teil II
Nach einer Woche mußte mein Bruder Mathias wieder zum Arbeitsdienst.
Nun war es in unserem landwirtschaftlichen Betrieb in Afst kritisch, denn es fehlte eine Arbeitskraft. Die Lage verschlimmerte sich noch, als mein Vater im August 1941 an einer schweren Kopfgrippe erkrankte.
Er war während des ersten Weltkrieges in den Vogesen durch einen Schrapnellsplitter genau in der Mitte der Stirn wurde mein Vater verwundet.Solche Schrapnellgranaten explodierten
in der Luft, bevor sie die Erde berührten; die Splitter sowie das mit Bleikugeln gefüllte Geschoss zerstreute sich in alle Richtungen.
Als mein Vater die Kopfverwundung erlitt, hat er mehrere Wochen lang im Lazarett in Colmar gelegen, wo man auch den Splitter aus der Stirn entfernt hat.
Durch diese Kopfverwundung war eine Kopfgrippe extrem gefährlich.
Als er 1941 erkrankte,erklärten die hiesigen Ärzte, sie könnten nichts für ihn tun. Deshalb transportierte man ihn ins Luisenhospital nach Aachen.
Zu dem Zeitpunkt waren wir gerade bei der Roggenernte. Wir riefen regelmäßig im Luisenhospital an, wo wir stets die Antwort erhielten, es stünde nicht gut um ihn. Wir durften
ihn auch nicht besuchen.
Später erzählte er uns, er erinnere sich noch schwach, dass man ihn in ein Badezimmer verlegt habe. Meistens wäre dieses Zimmer die letzte Station gewesen.
Da sei einmal ein Arzt gekommen und habe ihm eine Handvoll Pillen hingehalten und ihn aufgefordert, er solle so viel davon schlucken, wie er könnte.Nachher hat sich herausgestellt,dass es sich um ein ganz neues Medikament gehandelt hat.
Gott sei Dank, ist mein Vater dann auch wieder gesund geworden. Er war damals 53 Jahre alt.
Er hat dennoch das Alter von 80 Jahren erreicht.
In diese Zeit fällt auch meine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ). Soweit mir bekannt, war es
keine direkte Pflicht, der HJ-Organisation beizutreten, aber je nach Arbeitsverhältnis empfehlenswert.
Wohl deshalb meinte mein Vater, es sei besser, wenn wir auch mitmachten; er sei bei der Bahn
beschäftigt, wo man ihm verübeln könnte, dass seine Söhne keine HJ-Mitglieder seien.
Wir trafen uns dann in der Schule zu Krewinkel. Die HJ-Führer waren: Peter Hostert (Hergersberg) und
Peter Jousten (Kehr).Bei diesen Zusammenkünften wurden meistens Lieder gesungen. Zum gängigen Repertoire gehörten: "Es zittern die morschen Knochen...", "Steige hoch, du stolzer Adler","Märkische Heide, märkischer Sand..." usw.
Ab und zu mussten wir auch in Formation singend durch
die Ortschaft marschieren. Begegnete man mal außerhalb des Dienstes einen HJ-Führer, so musste man die Hacken zusammenschlagen und mit erhobener Hand "Heil Hitler" grüßen.
Damals hatten wir an den Schuhabsätzen hufeisenförmige Eisen, sodass man auch ein zackiges Klacken bei der Begrüßung vernehmen konnte.
An eine Begebenheit kann ich mich noch genau erinnern: Während einer Dienststunde fragte ein HJ-Führer meinen Bruder Nicolaus: Nikla,was kommt nach dem Dritten Reich?" Prompt erwiderte er "das vierte..." Da ging es aber los: "Nikla,du weißt doch, dass es nach dem Dritten Reich nur
das Großdeutsche Reich gibt!
Wieso kanntst du das nicht wissen?
Meine Eupener Zeit!
Nach Vollendung der Berufspflichtschule in Malmedy hieß es dann im Jahre 1942 seitens der Schulleitung, jetzt sei die Berufsschule abgeschlossen; jetzt beginne die Berufsberatung.
Zu diesem Zwecke hatte man in der Domäne Berterath ein kleines Büro eingerichtet.
Mein Vater begleitete mich dorthin. Da es mehrere Anmeldungen gab, mussten wir eine Weile warten - ich glaube, es waren die Gebrüder Collas aus Berterath,
die vor uns waren. Als ich dann schließlich aufgerufen wurde, fragte mich einer der anwesenden Herren:
Nun Bub, was möchtest du denn werden? Ich antwortete prompt: "Ich will Uhrmacher werden".
Voller Aufregung und Entsetzen rief er: Was Uhrmacher! Wir stehen im Krieg,wir können jetzt keine Uhrmacher gebrauchen!Da können wir dir nichts anbieten.
Wir raten dir, gehe auf die Handelsschule in Eupen.
Das Angebot sagte mir zu,zumal ich Verwandte in Eupen hatte.Da lebten eine Tante mütterlicherseits mit ihrem Gatten Daniel Schmitz und die beidenKusinen Lenchen und Käthchen.
Die Schule befand sich auf dem Heidberg.
Ich belegte folgende Fächer, die von Fachlehrkräften gelehrt wurden: Maschinenschreiben,
Stenografie, Buchführung, Schriftverkehr, Rechnen, Geschichte, Erdkunde usw..
Ab und zu erschienen in der Schule Nazi-Funktionäre.Sie zeigten uns großdeutsche Werbefilme.
Ihr Ziel war die Eingliederung von Freiwilligen. Noch recht gut kann ich mich an einen Film erinneren - er handelte über die deutsche Kriegsmarine. Alle Kriegsschiffe der Amerikaner, Engländer und Russen wurden versenkt; nur die deutsche Kriegsmarine blieb als glorreiche Siegerin übrig.
Zum Schluss war noch ein wunderschönes Segelschiff auf der
Leinwand zu sehen. Da wurde ein Torpedo abgefeuert, das Segelschiff versank in den Fluten.
Die Folgen des Krieges waren in dieser Zeit von 1943 bis Juli 1944 deutlich spürbar. Alle 2-3 Tage
gab es Luftalarm, und wir mussten in die Luftschutzkeller. Meistens so um zwei Uhr in der Nacht gab es den Fliegeralarm. Dann wurden wir aufgefordert, das Haus zu verlassen.
Wir mussten noch etwa 500 M bis zur Aachener Straße, wo sich der Keller befand.Derselbe lag tief im Boden und war relativ sicher.
Eupen war jedoch nie das Ziel eines Angriffs.
Wir hörten wohl die Flugzeugverbände, wenn sie Eupen überflogen. Ab und zu konnten wir auch die Leuchtspuren der über Aachen operierenden Flak sehen. Gelegentlich war auch am Himmel eine Art Christbaum zu sehen, der offensichtlich dazu bestimmt war, jede Funkverbindung zu stören.
So um 4-5 Uhr in der Nacht kam dann die Entwarnung. Es verblieb noch eine kurze Schlafzeit, etwa 2 bis 3 Stunden. Um 8 Uhr mussten wir wieder in der Schule sein - meistens
noch sehr übermüdet.
Mein Onkel in Eupen hatte die gefährliche Angewohnheit, an jedem Abend den englischen Sender zu hören. Aus dem Gerät ertönte dann eine Stimme, gefolgt von einem Gong, mit der
Stationsmeldung der BBC mit Nachrichten in deutscher Sprache.
Natürlich wurden dann die Gardinen zugezogen. Das Radiogerät wurde so leise wie möglich gestellt. Man musste das Ohr schon sehr nahe an den Apparat halten, um überhaupt etwas mitzubekommen.
Mithörer war ein guter Bekannter meines Onkels; er war Sattler von Beruf, war 50 Jahre alt,verheiratet und hatte fünf Kinder.
Nachts wurde er von der Gestapo verhaftet, in ein KZ gebracht,wo er auch gestorben ist. Irgendjemand hatte etwas über seine Gesinnung mitbekommen,er wurde denunziert und abgeführt.
Meine Kusine, namens Lenchen, war eine gelernte
Modistin (auch Putzmacherin oder Hutmacherin genannt). Lenchen wurde zum Arbeitsdienst einberufen, kam ins Reich-Innere, ist aber nicht mehr heimgekehrt.Wahrscheinlich ist sie bei einem Bombenangriff auf eine deutsche Großstadt um's Leben gekommen.
Mein ältester Bruder Mathias absolvierte seine militärische Ausbildung in der elsässischen Stadt Straßburg.
Mein Vater und ich haben ihn dort besucht. Da mein Vater bei der Bahn beschäftigt war, fuhren wir kostenlos dorthin.
Ich weiß es noch genau: In Saarbrücken mussten wir umsteigen.
Im letzten Moment erwischten wir noch den Zug nach Straßburg. Auf dem Nebengleis fuhr ein Militärzug ab, vollbeladen mit Geschützen, Panzern und Kriegsmaterial. Ich sah, dass die Geschütze mit Planen abgedeckt waren.
Wahrscheinlich rollte der Zug zur Ostfront. Jedenfalls
habe ich in meinem Leben einen solch' langen Zug nie mehr gesehen.
In Straßburg angenommen, nahmen wir uns ein Taxi, das uns zur Kaserne brachte. Wir konnten Mathias allerdings erst am Abend begrüßen, da er noch Dienst hatte. Wir trafen dort noch zwei weitere Krewinkeler: Christoph Jenniges und Bernhard Brodel.
Zwei Tage lang blieben wir dort.
Wir waren in einer Privatpension für diese Zeit untergebracht. Tagsüber besuchten mein Vater und ich die historische Altstadt der elsässischen Metropole. Wir besuchten u.a. das Münster.
Allerdings war die astronomische Uhr zugemauert, um sie vor Luftangriffen zu schützen.
Es wimmelte in der Stadt nur so von Militärs. Alle Soldaten trugen schöne Ausgehuniformen, besetzt,je nach Waffengattung, mit farbigen Tressen. Mein Bruder war bei den Pionieren,sie trugen schwarze Borten auf der Mütze und entsprechende Achselklappen.
Am dritten Tag traten wir wieder die Heimreise an.
Im März 1943 erhielt ich in Eupen die traurige Nachricht, dass mein Bruder Mathias in Russland (Kaukasus) gefallen sei.
Die Nachricht hat mich sehr bedrückt; ich habe Mathias lange nachgetrauert.
Später erfuhr ich, dass als erster der damalige Ortsbürgermeister Nikolaus Palm aus Lanzerath die Todesnachricht erhalten hatte. Er begab sich nach Afst, um uns die traurige Nachricht zu überbringen.
Mein Vater weilte bei der Arbeit, nur meine schwerkranke Mutter war zu Hause.
Als Nikolaus Palm die Stube betrat und meine Mutter sah, hat er es nicht über's Herz gebracht,ihr die Nachricht mitzuteilen. Er begab sich sodann zu meinem Onkel Christoph ("Ühm Stoffel") und hat ihm die traurige Mitteilung überbracht.
Mein zweiter Bruder Nikolaus wurde um diese Zeit auch zur Wehrmacht einberufen.
Er erhielt eine Ausbildung in Bayonne und Biarritz (Südfrankreich). Hier musste seine Einheit Rampen im
Meer befestigen, um das Anlegen von U-Booten zu verhindern.
Nach der Landung der Alliierten,im Juni 1944 in der Normandie, wurde er dorthin verlegt. Er war mit einem Kameraden aus Ouren zusammen.
Beiden gelang es, zu den Engländern überzulaufen. Nicolaus wurde für lange Zeit in englische Gefangenschaft nach Edinburg (Schottland) gebracht. Erst im Herbst 1945 kehrte
er nach Hause zurück.
In einem seiner letzten Briefe erkundigte er sich noch, wie es der Mutter ging. Sie war damals aber schon lange unter der Erde.
Die Mutter war am 10. Juli 1944 im Alter von 51 Jahren von
ihrem fünfjährigen Leiden erlöst worden.
Ich besuchte die Handelsschule noch bis Ende Juni.
Die Abschlussprüfung habe ich nicht mehr gemacht. Das Ganze war auch zu viel für mich:
Die nächtlichen Alarme, der Luftschutzkeller, die ständige Übermüdung. Übrigens hätte mir die
Abschlussprüfung so wie so nichts mehr genützt.
Fortsetzung folgt am Wochenende!
Teil III
Ein Besuch im Wehrbezirkskommando Monschau
im Sommer 1941.
Mein Vater betrieb nebenberuflich eine kleine Landwirtschaft. Er arbeitete als Rottenarbeiter auf der Bahn. Man kann die Landwirtschaft nicht mit heute vergleichen. Mein Vater mähte soviel Gras mit der Sense, bis es reichte, einen Heubock zu machen. Nach Feierabend mähte er so eine Fläche von 2,5 Ha. Nachher waren viele Heuböcke
auf dem Feld zu sehen, die dann später nach Hause gebracht
werden mussten.
Eines Tages sagte mein Vater: „Hätten wir noch das Heu
herein." Mein ältester Bruder Mathias (geb. 1923, gef. 21.02.1943 beiTuas-pe am Schwarzen Meer) absolvierte seinen
Arbeitsdienst in Hangelar bei Bonn und mein Bruder Nikolaus (geb. 1926, gest. 2002) rnuss-te das Landpflichtjahr bei Dederichs in Hallschlag machen. Es war also schwierig,die Heuernte einzubringen, weil meine Brüder nicht mehr zu Hause waren.
Als mein Vater so klagte, dass wir das Heu nicht hereinbringen konnten, sagte ich zu ihm: „Ich fahre morgen zum Wehrbezirkskommando nach Monschau und stelle einen Antrag, dass Mathias eine Woche Heuurlaub bekommt." Mein Vater meinte: „Glaubst du, dass es etwas nützt?" Ich erwiderte ihm: „Mehr wie Nein sagen können sie nicht.
Am nächsten Morgen zog ich meine HJ-Uniform an (ich war damals 14 Jahre alt) und fuhr mit dem 8-Uhr-Zug ab Losheim. In Weywertz musste ich umsteigen, dann kam Sourbrodt, Kalterherberg. „Monschau" rief der Schaffner aus und ich stieg aus. Ich ging den Monschau-ern nach, denn die hatten so einen Schlangenpfad den Berg hinunter getreten, um nicht den weiten Umweg der Straße entlang zu gehen. Unten im Städtchen angekommen, sah ich auf einmal ein Schild, eine Hand mit einem gestreckten Zeigefinger: „Wehrbezirkskommando".
Ich dachte, dann bist du ja richtig. Vor dem Wehrbezirkskommando stand ein Wachposten in einem Schilderhäuschen. Ich grüßte mit „Heil Hitler" wie es sich damals gehörte und der Wachposten erwiderte meinen Gruß. Er fragte mich: „Weshalb kommst du hierhin?" Ich sagte ihm, dass ich einen Antrag stellen wolle. Er befahl mir im Vorraum Platz zu nehmen, er werde mich weitermelden.
Nach etwa 5-10 Minuten wurde die Tür geöffnet und man bat mich, einzutreten. Ich habe mich wohl gefragt, weshalb das so lange gedauert hat, bis die Tür geöffnet wurde. Hatten die hohen Herren sich noch in Pose gebracht, um den „hohen Gast" zu empfangen?Zunächst eine kurze Beschreibung, wie es im Wehrbezirkskommando aussah (soweit ich mich erinnern kann): Es war ein größerer Saal, etwa die Größe wie der Saal Henkes in Manderfeld. Im Vordergrund hing ein großes Hitlerbild mit 2 gekreuzten Hakenkreuzfahnen; links und rechts an den Wänden entlang standen Aktenschränke. Etwa in der Mitte des Saales stand ein langer Quertisch, an dem 6-8 hohe Offiziere saßen.
Die Haare der Offiziere waren kurz geschnitten, die Scheitel waren so exakt gekämmt als hätte man dafür ein Lineal benutzt. Die Offiziere trugen mehrere Sterne auf den Achselklappen oder Reviers.
Ein Offizier trug Sporen an den Stiefeln, es war sicher ein Offizier der Kavallerie.Mindestens einer trug auch das Ritterkreuz. Alle trugen schöne Uniformen und hatten schwarz lackierte Stiefel an.Ich trat also in den Saal ein. Ich grüßte mit erhobenem Arm und Hackenschlag (wie man es schon in der HJ gelernt hatte), mit „Heil Hitler", und ein mehrfaches „Heil Hitler" wurde erwidert.
Dann aber, als die hohen Herren mich sahen, ging ein Raunen durch den Saal, einer schaute den anderen an und die hätten am liebsten gefragt: „Was tut der kleine Knirps hier?"Als die Offiziere sich etwas beruhigt hatten, fragte mich der Sprecher, der an der linken Seite des Tisches saß: „Was führt dich zu uns?" Ich sagte ihm: „Das will ich Ihnen gerne sagen. So geht es nicht mehr weiter wie bisher!" Er erwiderte: „Was geht nicht weiter wie bisher?" Ich sagte ihm: „Mein Bruder Mathias, der seinen Arbeitsdienst in der soundsovielten Arbeitskompanie in Hangelar bei Bonn absolviert, muss dringend Ernteurlaub bekommen. Wir können die Heuernte nicht einbringen, was sollen wir den Tieren im Winter zu fressen geben?"
Er sagte dann: „Hast du Beweise hierfür ?" Ich erwiderte: „Selbstverständlich habe ich Beweise. Mein Vater muss täglich zur Bahn, meine Mutter ist bereits durch eine schwere Krankheit seit 2 Jahren ans Bett gefesselt - (gleichzeitig schob ich ein ärztliches Attest einem der Herren zu),
mein Bruder Nikolaus muss das Pflichtlandjahr machen und meine Schwester geht noch zur Volksschule und für mich ist die Arbeit sowieso zu schwer.
Links von dem Sprecher saß der Protokollführer, der alles zu Papier brachte. Dann nahm der Sprecher ein großes Buch, etwa so groß wie eine halbe Tischplatte, ca. 18 - 20 cm dick,zur Hand. Er fing an zu blättern und ich beobachtete ihn. Auf einmal nickte er mit dem Kopf und er hatte Mathias gefunden.
Nun rückten die hohen Herren mit den Stühlen
zusammen und tuschelten unter sich, wovon ich natürlich nichts verstand. Als sie wieder auf ihren vorigen Positionen Platz genommen hatten, sagte der Sprecher zu mir: „Lass deinen Eltern ausrichten, wir werden die Sache überprüfen und sie werden Nachricht von uns erhalten." Mit einem „Dankeschön" und einem Hitlergruß machte ich eine kurze Kehrtwendung und verließ erhobenen Hauptes den Saal.
Noch eine kurze Bemerkung: Als ich meine Aussage vor brachte, schmunzelten einige Offiziere und ein Lächeln um die Mundwinkel war zu erkennen. Es schien mir, als ob sie etwas Sympathie für mich empfanden, weil ich so dreist dort aufgetreten war. Ich deutete das nicht als schlechtes Omen und ich trat die Heimfahrt an.
Zu hause angelangt, fragte mein Vater mich: „Nun, Paul, hast du was erreicht?" Ich berichtete ihm, was die Offiziere mir gesagt hatten.Nach meinem Besuch in Monschau war 2 Wochen Regenwetter und von einer Nachricht war nichts zu sehen und zu hören.
Dann wendete sich die Wetterlage, schönes sonniges Wetter wurde gemeldet und am folgenden Tag stand Mathias vor der Tür und hatte eine Woche Heuurlaub bekommen. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Paul, das hast du gut gemacht." Er war froh, mal Urlaub zu bekommen und natürlich waren meine Eltern, bes. meine kranke Mutter überglücklich, Mathias noch mal bei sich zu haben.
Teil II
Nach einer Woche mußte mein Bruder Mathias wieder zum Arbeitsdienst.
Nun war es in unserem landwirtschaftlichen Betrieb in Afst kritisch, denn es fehlte eine Arbeitskraft. Die Lage verschlimmerte sich noch, als mein Vater im August 1941 an einer schweren Kopfgrippe erkrankte.
Er war während des ersten Weltkrieges in den Vogesen durch einen Schrapnellsplitter genau in der Mitte der Stirn wurde mein Vater verwundet.Solche Schrapnellgranaten explodierten
in der Luft, bevor sie die Erde berührten; die Splitter sowie das mit Bleikugeln gefüllte Geschoss zerstreute sich in alle Richtungen.
Als mein Vater die Kopfverwundung erlitt, hat er mehrere Wochen lang im Lazarett in Colmar gelegen, wo man auch den Splitter aus der Stirn entfernt hat.
Durch diese Kopfverwundung war eine Kopfgrippe extrem gefährlich.
Als er 1941 erkrankte,erklärten die hiesigen Ärzte, sie könnten nichts für ihn tun. Deshalb transportierte man ihn ins Luisenhospital nach Aachen.
Zu dem Zeitpunkt waren wir gerade bei der Roggenernte. Wir riefen regelmäßig im Luisenhospital an, wo wir stets die Antwort erhielten, es stünde nicht gut um ihn. Wir durften
ihn auch nicht besuchen.
Später erzählte er uns, er erinnere sich noch schwach, dass man ihn in ein Badezimmer verlegt habe. Meistens wäre dieses Zimmer die letzte Station gewesen.
Da sei einmal ein Arzt gekommen und habe ihm eine Handvoll Pillen hingehalten und ihn aufgefordert, er solle so viel davon schlucken, wie er könnte.Nachher hat sich herausgestellt,dass es sich um ein ganz neues Medikament gehandelt hat.
Gott sei Dank, ist mein Vater dann auch wieder gesund geworden. Er war damals 53 Jahre alt.
Er hat dennoch das Alter von 80 Jahren erreicht.
In diese Zeit fällt auch meine Mitgliedschaft in der Hitlerjugend (HJ). Soweit mir bekannt, war es
keine direkte Pflicht, der HJ-Organisation beizutreten, aber je nach Arbeitsverhältnis empfehlenswert.
Wohl deshalb meinte mein Vater, es sei besser, wenn wir auch mitmachten; er sei bei der Bahn
beschäftigt, wo man ihm verübeln könnte, dass seine Söhne keine HJ-Mitglieder seien.
Wir trafen uns dann in der Schule zu Krewinkel. Die HJ-Führer waren: Peter Hostert (Hergersberg) und
Peter Jousten (Kehr).Bei diesen Zusammenkünften wurden meistens Lieder gesungen. Zum gängigen Repertoire gehörten: "Es zittern die morschen Knochen...", "Steige hoch, du stolzer Adler","Märkische Heide, märkischer Sand..." usw.
Ab und zu mussten wir auch in Formation singend durch
die Ortschaft marschieren. Begegnete man mal außerhalb des Dienstes einen HJ-Führer, so musste man die Hacken zusammenschlagen und mit erhobener Hand "Heil Hitler" grüßen.
Damals hatten wir an den Schuhabsätzen hufeisenförmige Eisen, sodass man auch ein zackiges Klacken bei der Begrüßung vernehmen konnte.
An eine Begebenheit kann ich mich noch genau erinnern: Während einer Dienststunde fragte ein HJ-Führer meinen Bruder Nicolaus: Nikla,was kommt nach dem Dritten Reich?" Prompt erwiderte er "das vierte..." Da ging es aber los: "Nikla,du weißt doch, dass es nach dem Dritten Reich nur
das Großdeutsche Reich gibt!
Wieso kanntst du das nicht wissen?
Meine Eupener Zeit!
Nach Vollendung der Berufspflichtschule in Malmedy hieß es dann im Jahre 1942 seitens der Schulleitung, jetzt sei die Berufsschule abgeschlossen; jetzt beginne die Berufsberatung.
Zu diesem Zwecke hatte man in der Domäne Berterath ein kleines Büro eingerichtet.
Mein Vater begleitete mich dorthin. Da es mehrere Anmeldungen gab, mussten wir eine Weile warten - ich glaube, es waren die Gebrüder Collas aus Berterath,
die vor uns waren. Als ich dann schließlich aufgerufen wurde, fragte mich einer der anwesenden Herren:
Nun Bub, was möchtest du denn werden? Ich antwortete prompt: "Ich will Uhrmacher werden".
Voller Aufregung und Entsetzen rief er: Was Uhrmacher! Wir stehen im Krieg,wir können jetzt keine Uhrmacher gebrauchen!Da können wir dir nichts anbieten.
Wir raten dir, gehe auf die Handelsschule in Eupen.
Das Angebot sagte mir zu,zumal ich Verwandte in Eupen hatte.Da lebten eine Tante mütterlicherseits mit ihrem Gatten Daniel Schmitz und die beidenKusinen Lenchen und Käthchen.
Die Schule befand sich auf dem Heidberg.
Ich belegte folgende Fächer, die von Fachlehrkräften gelehrt wurden: Maschinenschreiben,
Stenografie, Buchführung, Schriftverkehr, Rechnen, Geschichte, Erdkunde usw..
Ab und zu erschienen in der Schule Nazi-Funktionäre.Sie zeigten uns großdeutsche Werbefilme.
Ihr Ziel war die Eingliederung von Freiwilligen. Noch recht gut kann ich mich an einen Film erinneren - er handelte über die deutsche Kriegsmarine. Alle Kriegsschiffe der Amerikaner, Engländer und Russen wurden versenkt; nur die deutsche Kriegsmarine blieb als glorreiche Siegerin übrig.
Zum Schluss war noch ein wunderschönes Segelschiff auf der
Leinwand zu sehen. Da wurde ein Torpedo abgefeuert, das Segelschiff versank in den Fluten.
Die Folgen des Krieges waren in dieser Zeit von 1943 bis Juli 1944 deutlich spürbar. Alle 2-3 Tage
gab es Luftalarm, und wir mussten in die Luftschutzkeller. Meistens so um zwei Uhr in der Nacht gab es den Fliegeralarm. Dann wurden wir aufgefordert, das Haus zu verlassen.
Wir mussten noch etwa 500 M bis zur Aachener Straße, wo sich der Keller befand.Derselbe lag tief im Boden und war relativ sicher.
Eupen war jedoch nie das Ziel eines Angriffs.
Wir hörten wohl die Flugzeugverbände, wenn sie Eupen überflogen. Ab und zu konnten wir auch die Leuchtspuren der über Aachen operierenden Flak sehen. Gelegentlich war auch am Himmel eine Art Christbaum zu sehen, der offensichtlich dazu bestimmt war, jede Funkverbindung zu stören.
So um 4-5 Uhr in der Nacht kam dann die Entwarnung. Es verblieb noch eine kurze Schlafzeit, etwa 2 bis 3 Stunden. Um 8 Uhr mussten wir wieder in der Schule sein - meistens
noch sehr übermüdet.
Mein Onkel in Eupen hatte die gefährliche Angewohnheit, an jedem Abend den englischen Sender zu hören. Aus dem Gerät ertönte dann eine Stimme, gefolgt von einem Gong, mit der
Stationsmeldung der BBC mit Nachrichten in deutscher Sprache.
Natürlich wurden dann die Gardinen zugezogen. Das Radiogerät wurde so leise wie möglich gestellt. Man musste das Ohr schon sehr nahe an den Apparat halten, um überhaupt etwas mitzubekommen.
Mithörer war ein guter Bekannter meines Onkels; er war Sattler von Beruf, war 50 Jahre alt,verheiratet und hatte fünf Kinder.
Nachts wurde er von der Gestapo verhaftet, in ein KZ gebracht,wo er auch gestorben ist. Irgendjemand hatte etwas über seine Gesinnung mitbekommen,er wurde denunziert und abgeführt.
Meine Kusine, namens Lenchen, war eine gelernte
Modistin (auch Putzmacherin oder Hutmacherin genannt). Lenchen wurde zum Arbeitsdienst einberufen, kam ins Reich-Innere, ist aber nicht mehr heimgekehrt.Wahrscheinlich ist sie bei einem Bombenangriff auf eine deutsche Großstadt um's Leben gekommen.
Mein ältester Bruder Mathias absolvierte seine militärische Ausbildung in der elsässischen Stadt Straßburg.
Mein Vater und ich haben ihn dort besucht. Da mein Vater bei der Bahn beschäftigt war, fuhren wir kostenlos dorthin.
Ich weiß es noch genau: In Saarbrücken mussten wir umsteigen.
Im letzten Moment erwischten wir noch den Zug nach Straßburg. Auf dem Nebengleis fuhr ein Militärzug ab, vollbeladen mit Geschützen, Panzern und Kriegsmaterial. Ich sah, dass die Geschütze mit Planen abgedeckt waren.
Wahrscheinlich rollte der Zug zur Ostfront. Jedenfalls
habe ich in meinem Leben einen solch' langen Zug nie mehr gesehen.
In Straßburg angenommen, nahmen wir uns ein Taxi, das uns zur Kaserne brachte. Wir konnten Mathias allerdings erst am Abend begrüßen, da er noch Dienst hatte. Wir trafen dort noch zwei weitere Krewinkeler: Christoph Jenniges und Bernhard Brodel.
Zwei Tage lang blieben wir dort.
Wir waren in einer Privatpension für diese Zeit untergebracht. Tagsüber besuchten mein Vater und ich die historische Altstadt der elsässischen Metropole. Wir besuchten u.a. das Münster.
Allerdings war die astronomische Uhr zugemauert, um sie vor Luftangriffen zu schützen.
Es wimmelte in der Stadt nur so von Militärs. Alle Soldaten trugen schöne Ausgehuniformen, besetzt,je nach Waffengattung, mit farbigen Tressen. Mein Bruder war bei den Pionieren,sie trugen schwarze Borten auf der Mütze und entsprechende Achselklappen.
Am dritten Tag traten wir wieder die Heimreise an.
Im März 1943 erhielt ich in Eupen die traurige Nachricht, dass mein Bruder Mathias in Russland (Kaukasus) gefallen sei.
Die Nachricht hat mich sehr bedrückt; ich habe Mathias lange nachgetrauert.
Später erfuhr ich, dass als erster der damalige Ortsbürgermeister Nikolaus Palm aus Lanzerath die Todesnachricht erhalten hatte. Er begab sich nach Afst, um uns die traurige Nachricht zu überbringen.
Mein Vater weilte bei der Arbeit, nur meine schwerkranke Mutter war zu Hause.
Als Nikolaus Palm die Stube betrat und meine Mutter sah, hat er es nicht über's Herz gebracht,ihr die Nachricht mitzuteilen. Er begab sich sodann zu meinem Onkel Christoph ("Ühm Stoffel") und hat ihm die traurige Mitteilung überbracht.
Mein zweiter Bruder Nikolaus wurde um diese Zeit auch zur Wehrmacht einberufen.
Er erhielt eine Ausbildung in Bayonne und Biarritz (Südfrankreich). Hier musste seine Einheit Rampen im
Meer befestigen, um das Anlegen von U-Booten zu verhindern.
Nach der Landung der Alliierten,im Juni 1944 in der Normandie, wurde er dorthin verlegt. Er war mit einem Kameraden aus Ouren zusammen.
Beiden gelang es, zu den Engländern überzulaufen. Nicolaus wurde für lange Zeit in englische Gefangenschaft nach Edinburg (Schottland) gebracht. Erst im Herbst 1945 kehrte
er nach Hause zurück.
In einem seiner letzten Briefe erkundigte er sich noch, wie es der Mutter ging. Sie war damals aber schon lange unter der Erde.
Die Mutter war am 10. Juli 1944 im Alter von 51 Jahren von
ihrem fünfjährigen Leiden erlöst worden.
Ich besuchte die Handelsschule noch bis Ende Juni.
Die Abschlussprüfung habe ich nicht mehr gemacht. Das Ganze war auch zu viel für mich:
Die nächtlichen Alarme, der Luftschutzkeller, die ständige Übermüdung. Übrigens hätte mir die
Abschlussprüfung so wie so nichts mehr genützt.
Fortsetzung folgt am Wochenende!
Teil III
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