Du sollst nicht begehren einer anderen Mann. Manchmal ist das jedoch anscheinend unvermeidlich. Das Begehren kam über mich, es kam über ihn, und es brachte Gefühle ins Spiel, die uns völlig überraschten. Solche Gefühle setzen die Vernunft außer Betrieb und lassen dich Dinge tun, von denen du dachtest, du würdest sie nie tun.
Wir lernten uns ganz zufällig in einer Bar in Hannover kennen, und er erzählte mir recht schnell, dass er „derzeit“ gebunden sei und bekam von mir die passende Gegenreaktion, von wegen: Warum sprichst du dann andere Frauen an usw.. Trotzdem tauschten wir am Ende des Abends, denn es war ja so nett, sogar unsere Handynummern und Mailadressen, ganz unverfänglich und was ist schon dabei, zwischen uns lagen doch sowieso 500 km. Es entwickelte sich schnell ein reger Mailwechsel (am Ende sollten es zusammen über 5000 sein!), der mit der Zeit immer inniger wurde. Fünf Monate später trafen wir uns dann wieder, da er bewusst wieder ein Seminar in Hannover belegt hatte. Ich fand ihn immer noch unglaublich attraktiv, interessant, liebenswert und charmant, sehr sogar, aber für mich waren Revierüberschreitungen ja eigentlich tabu.

Wir erlebten einen traumhaften Nachmittag und Abend. Ich überlegte mir, was in Filmen in solchen Fällen wohl gesagt würde. Vielleicht: „Hör mal, wir können über alles reden, aber nicht mehr.“ Kaum sah ich ihn, war der Text vergessen. Wir saßen stundenlang nebeneinander, redeten, schwiegen, küssten uns, waren albern, verrückt und ausgelassen. Romantik pur, die Realität ausgeblendet! Es war diese vertraute Nähe, die mich perplex machte, als würden wir uns ewig kennen, viel weiter dachte ich nicht. Ich fand es auch relativ harmlos, das wir bei jedem weiteren Treffen Hand in Hand durch die Stadt gingen, uns bei jeder Gelegenheit küssten. Was ist schon dabei? Wir sind eben moderne Menschen, die sich mögen.

Kaum begegneten wir uns, lagen wir einander in den Armen und wollten nie mehr loslassen. Es war wie nach Hause kommen. Jede gemeinsame Stunde verbrachten wir jenseits von Zeit und Raum, ob bei Kerzenlicht und leiser Musik, unzähligen Küssen oder bei verrückten Ausflügen während unserer heimlichen Treffen. So blieb unser Gewissen halbwegs rein. Ich wusste sehr schnell, dass ich verliebt war. Stieg er ins Auto oder in die Bahn, um nach Hause zu fahren, vermisste ich ihn schon in der nächsten Sekunde, und er mich auch. Unsere Mails, die Gefühle, einfach alles wurde zunehmend intensiver. Alle nur erdenklichen Möglichkeiten wurden für heimliche Treffen genutzt.
Wir zogen durch die Nacht, kamen darauf, dass wir von einem anderen aber demselben Stern sind, und küssten uns alle paar Meter. In einem Lokal bestellten wir Essen, sogar der Tisch dazwischen störte. Ich verdrängte die Realität. Es war auch nicht mehr schwierig, denn ich stand praktisch unter Drogen. Oxytocin heißt das Hormon, das die Pupillen Verliebter weitet und ihnen brennende Sehnsüchte bereitet. Am liebsten hätte ich zu ihm gesagt: „Versprich mir etwas – finde mich im nächsten Leben, egal wo wir beide sind.“
Dann erzählte er mir, dass seine „derzeitige“ Beziehung durch nichts zu erschüttern sei.

Klassische Affären führen normalerweise ohne große Umwege ins Bett und verpuffen meist nach 20 Höhepunkten. Nicht so bei uns, denn was anderes verband uns. Erstens trieben es unsere Herzen miteinander, zweitens war ohnehin alles pure Erotik, und drittens hielt ich damit meine Illusion aufrecht: Ich werde nicht in eine Dreiecksgeschichte schlittern! Ich dachte: Solange ich mit ihm nicht schlafe, bin ich vor massiven Auswirkungen auf meine innere Ruhe geschützt. Irrtum! Ich fing an, mich ständig nach ihm zu verzehren.

Amouröse Eindringlinge bringen immer Bewegung in die starren Muster fossiler Partnerschaften, merkt der Partner etwas reagierte er häufig cool oder fängt an sich wieder zu bemühen. trotzdem war er „Teil meines Lebens“ geworden. Ich realisierte, dass er SIE niemals verlassen würde. Auf die nächste Inkarnation wollte ich aber eigentlich auch nicht warten.

War ich glücklich damit? Ich durchlebte mehrere Zustände. Zunächst mal große Momente und kleine Triumphe. Ich durfte seine intimsten Stellen berühren, vor allem aber auch sein Herz und seine Seele. Ich konnte bei ihm Gefühle erwecken, die er vielleicht ewig nicht gespürt hat. Dazu kam: Jede Umarmung konnte die letzte sein, und das brachte eine sinnliche Verdichtung ins Spiel. Als wollten wir in wenigen Momenten erleben, wofür es normalerweise Monate braucht. Wir gaben einander alles, auch wenn wir uns nur auf einem Parkplatz im Wagen zum Abschied stundenlang innig küssten. Selbst wenn ich vor einem Treffen nicht gut drauf war, legte ich einfach den Schalter um. In dieser Position darf man sich nicht gehen lassen. Ergebnis: magische Stunden, hin und wieder ein faszinierender Tag oder selten ein faszinierendes Wochenende, Stunden, die ihren Zauber verlässlich entfalteten – und leider ebenso verlässlich endeten!

Insgeheim träumte ich. Etwa davon, morgens neben ihm aufzuwachen oder gemeinsam durch den Sommer zu gehen, durch Straßen, die niemals endeten, durchs ganze Leben. Oder einfach mit ihm im Meer zu schwimmen. Keine Uhr weit und breit. Aber weil Träume aus dem gleichen Stoff wie Illusionen sind, hielt ich sie im Zaum. Wenn ich einen schlechten Tag hatte, wachte ich überhaupt ziemlich heftig in der Realität auf. Dann hatte ich plötzlich das Gefühl, in einer haarsträubenden Liebesfalle zu sitzen. Amour fou nennt man das. Das Glück darin scheint grenzenlos, die Tragik allerdings auch. Einander für immer zu vermissen, weil es Umstände gab, die dafür sorgten, oder weil einer doch nicht den Mut hatte, seinem Herzen zu folgen. Die Frage nach einer realen Zukunft? Ich durfte sie mir nicht stellen, weil sie auch bedeutete, dass eine andere Beziehung zu Ende gehen würde. Aber das würde ja sowieso nie geschehen. Ganz egal, in welchem Zustand sie sich befand, ich wollte sowieso nie ein Trennungsgrund sein. Außerdem gibt es keine Garantien. Kennt man ja. Da trennt sich einer wegen einer anderen – und bald ist der Honeymoon so was von vorbei, dass es plötzlich drei verwirrte Singles gibt. Jetzt war es eben eine verworrene Dreiecksgeschichte. Eine durchaus spannende Konstellation. Sie brachte Dynamik ins Leben, jeder von uns wurde in gewisser Weise wach, aber jeder musste auch die Nerven bewahren. Sie wäre bestimmt eifersüchtig auf mich gewesen, und von meiner Warte aus lag er im falschen Bett. Ich war die Andere, aber sie wollte er nicht verlieren, sie nie verlassen.
So war ich eine Frau für schöne Stunden.

Die Rechnung war einfach: Bei dreien ist ja unumstößlich einer auf Dauer zu viel. In den 2 Jahren wollte ich das Boot mehrmals verlassen, weil ich es nicht mehr ertrug, ihn nur so sporadisch zu sehen, zu fühlen. Es fühlte sich an wie in einem Spitzenrestaurant: Man bringt mir die leckersten Speisen, und kaum habe ich das Besteck in der Hand, wird wieder abserviert, bis auf den Kuchen mit den süßen Rosinen. Klar, ich naschte davon, aber ich wurde niemals richtig satt. Das Problem war nur: Ich war verrückt nach diesem Kuchen. Richtig süchtig danach. Irgendwann versuchten wir alles vernünftig zu beenden, aber hielten keinen Tag wirklich durch. Es war, als würde sich die Welt verdunkeln. Eigentlich kamen wir dadurch einander noch ein Stückchen näher.

Ich fühlte mich glücklich und zufrieden, dann ging´s wieder bergab. Das wird jeder bestätigen, der in dieser Branche tätig ist -. Am Abend oder Samstag und Sonntag hieß es locker bleiben. Ich konnte ihn nie anrufen, wenn mir danach war, weil ich mich an die Regeln hielt, und fragte mich ab und an, was sie gerade machen. Ob sie entspannt durch die Stadt gingen oder in einem Vorstadtkino saßen? Vielleicht auf ihrem Sofa kuschelten.... In manchen Nächten lag ich wach und starrte an die Decke. Ob es mich was angehen durfte? Das ist der Fegefeuer-Aspekt am Dasein als...ja was eigentlich? Geliebte?

Aber es gab noch eine andere Ebene. Auf der fühlte ich mich interessanterweise wieder gut. Und zwar immer dann, wenn mein Kopf mein Schicksal von oben betrachtete. Die Erkenntnis, dass nichts zufällig ist, was einem passiert. Und dann sagte ich mir, dass diese Geschichte eigentlich perfekt für mich ist. Diese Mischung aus Single und totaler Nähe. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte und war doch nicht allein. In diesen Momenten schwieg allerdings mein Herz....