Vor kurzem traf ich meinen Nachbarn samt Tochter im Treppenhaus. Aus gegebenem Anlass sprachen wir über Nikolaus. Eigentlich sprach nur sie, denn sie plapperte munter drauf los und wie ich bemerkte, hatte sie allen Grund dazu.
So begann sie aufzuzählen, was am Morgen so alles in ihrem Stiefel gesteckt hatte und ich wurde blass.
Ich dachte nur das kann unmöglich in einen Stiefel gepasst haben.
Wahrscheinlich haben die Eltern vor Nikolaus kniehohe Latexstiefel besorgt, damit die Kleine im Kindergarten nicht ausgelacht wird, wenn man sie fragt, was sie zu Nikolaus bekommen hat. Natürlich haben ihr die Eltern den Stiefel gleich wieder weggenommen.
Als sie mit der Aufzählung fertig war, guckte sie mich mit großen Augen an und fragte: "Und was hast du bekommen?"
"Nichts", antwortete ich wahrheitsgemäß. Schweigen. Die Kleine guckte mich „Sonderling“ lange staunend und richtig mitleidig an.
Ich versuchte ihr klarzumachen, dass es ab einem bestimmten Alter ganz normal ist, nicht mehr mit Geschenken zugeschüttet zu werden und im Gegenzug fragte ich sie, was ihr Vater denn bekommen habe. "Nur ein Buch", antwortete sie und sah ihren Vater voller Mitleid an.
Aber es könne doch sein, dass ich noch etwas geschenkt bekomme, bemerkte der Vater schließlich mit einem Lächeln.
Man merkte, dass er rührend darum bemüht war seine Tochter vor schlimmen nächtlichen Träumen zu bewahren, in denen Männer ganz alleine durchs Leben schlurfen und sich ihre Süßigkeiten selbst kaufen müssen.
Ich hatte es eilig und so entgegnete ich der Kleinen ganz wahrheitsgemäß, dass ich überzeugt bin, nichts mehr geschenkt zu bekommen. Einfach auch um vorzubeugen, dass sie mir nicht eine der runzligen Mandarinen, die sie in den Händen hielt schenken will.