Einsamkeit ist die Schule der Weisheit
Sehe wir es doch einfach mal so.
Zitat Brockhaus: "Einsamkeit, Empfindung des räumlichen und/oder emotionalen Alleinseins, häufig mit negativen Gefühlen (etwa des Ungeliebtseins) verbunden. Während gelegentliches Alleinsein – auch über längere Zeiträume hinweg – nicht unbedingt als Einsamkeit empfunden werden muss und im Gegenteil sogar produktiv genutzt werden kann, scheint grundsätzliches und absolutes Einzelgängertum der menschlichen Natur als soziales, in ständiger Kommunikation begriffenes Wesen zu widersprechen. In traditionellen Gemeinschaften war bzw. ist Einsamkeit ein sehr seltenes, fast immer auf äußere Gründe (z.B. Krankheit oder schwer wiegendes Fehlverhalten) beruhendes Phänomen. Demgegenüber stellt das Phänomen der Vereinsamung in der Industriegesellschaft der Gegenwart im Sinne der krankhaften und krankmachenden Isolierung des Individuums ein ernsthaftes Problem dar, dem mit den Mitteln der Psychiatrie begegnet wird. Zu den häufigsten Ursachen der Vereinsamung zählt die Kontaktschwäche, Kontaktstörung, d.h. die mangelnde Fähigkeit zu (herzlichen) personalen Beziehungen. Als psychosoziales Problem ist unfreiwillige oder auch scheinbar – z.B. aus Weltekel – selbst gewählte Einsamkeit aber auch ein Kennzeichen bestimmter Lebensphasen – z.B. Pubertät, Alter oder auch Arbeitslosigkeit."
Einsamkeitsgefühle können auftreten,
obwohl wir verheiratet sind,
obwohl wir einen Beruf haben,
obwohl wir von anderen gemocht werden,
obwohl wir jung sind,
obwohl wir Kinder haben,
obwohl wir uns in Gesellschaft befinden.
Ich war übrigens in meinem Leben niemals so einsam, wie in meiner Ehe.
So what? Wir sind von Geburt an bis zum Tode einsam. Beide Ereignisse sind untrennbar mit Einsamkeit verbunden.
Wir erblicken das Licht der Welt, wenn sie denn licht ist.
Wir gehen einen Weg zwar mit Unterstützung hie und da, aber wir sind dabei immer einsam u n d allein. Letztlich treffen wir die Entscheidungen in unserem Leben allein, jeden Augenblick treffen wir Entscheidungen, die wir keineswegs in Gemeinschaft treffen, sondern allein.
Ein junger (18 jähriger Mann) schrieb:
"Ihr müsst euch vorstellen, euer ganzes verschissenes Leben einsam zu sein....also habt ihr nichts mehr zu befürchten : Ihr braucht euch keine Gedanken mehr zu machen wie ihr reden , was ihr redet und wie ihr mit den Menschen umgehen sollt, denen ihr begegnet .........Ich habt dann gewissermaßen nichts mehr zu verlieren und gewinnt wieder Selbstvertrauen-... Glaubt mir......Die Fähigkeit das Alleinsein überstehen zu können, besitzen nur wenige Menschen , aber wenn sie es besitzen, dann brauchen sie nichts mehr zu befürchten in ihrem Leben - höchstens den Tod. Ich spreche aus Erfahrung glaubt mir . Ich bin zwar erst 18 aber, die Einsamkeit ist mein bester Freund ....Lernt es bloß schnell genug, ohne Depressionen allein sein zu können..."
Nein, auch den Tod müssen wir nicht fürchten, wenn wir gelernt haben, die Einsamkeit zu unserer Freundin zu machen.
Der Mensch ist ein Gesellschaftstier - so zitiert auch der junge Mann. Ist der Mensch das wirklich? Er muss mühsam lernen, sich in der Gesellschaft zu bewegen. Und die Gemeinschaft - ja die Gemein - schaft.
Wenn die Gemeinschaft gesellig in der Runde sitzt, schwitzt, dummes Zeug redet, schlechte Witze reißt, vor sich hin qualmt, dann war das ein netter, gelungener Abend und insgeheim zerreißt sich jeder das Maul über den anderen auf dem Nachhauseweg.
Vereinsgesellung ist ein ganz spezielles Thema. Kleingärtnervereine, Gesangsvereine, Heimatvereine - wir Deutschen sind ja spitze im Vereine gründen und es ist immer alles so gesellig. Merkwürdig, dass ich mich in diesen Gesellungen immer unwohl und einsam fühle. Mir geht schon das Stimmengewirr tierisch auf den Zwirn. Keiner redet mit keinem, alle halten Monologe. Karnevalvereine - die hab ich ganz vergessen. Da fühlt man sich ja nun gar nicht einsam. Es ist alles so lustig und alle schunkeln.
Wie kommt es, dass ich kopfschüttelnd als Beobachter am Rande stehe, gar nicht so viel essen kann, wie ich kotzen möchte, vor lauter Geselligkeit. (Übrigens wird der Satz mit dem Kotzen meinem hochverehrten Max Slevogt nachgesagt.)
Wieso tut es mir so gut, wenn ich abseits von allem Getöse in die Stille horche? Es ist wie ein Bad für meine Seele.
Ich ziehe ein gutes Buch dem Kneipenbesuch vor, ich schaue mir Sonntagmorgens lieber den Presseclub an als zum Frühschoppen mit Freunden zu gehen. Der dauert eine knappe Stunde, diskutiert - durch meist gute Moderation - am Thema, wenn mich das Thema nicht interessiert, kann ich auf den AUS-Knopf drücken.
Ich gehe gern ins Theater und ins Kino, aber dann schnell wieder nach Hause, weil ich die meisten Kommentare zum Film oder der Aufführung nicht ertragen kann. Jetzt würde ich euch noch gerne einen wirklich witzig kleinen Text anhängen.
Zitat:
"Konkrete Einsamkeit
Bin nicht einsam. Ganz und gar nicht. Wer käme darauf, ich sei einsam? Nur weil ich hier der einzige Mensch bin, der auf seinem Hocker sitzt wie angeleimt und in sein Weizenglas starrt, als würde ihn dort drinnen die Erleuchtung erwarten? Und wenn sie es tut? Man weiß nie. Ist überhaupt nicht absurd. Nicht absurder als die Tatsache, dass ich mal ein Zellhaufen war. Nicht absurder als die Tatsache, dass dieser ganze Planet aus Schutt und Asche entstanden ist und wieder zu Schutt und Asche werden wird. Nicht absurder als alles.
Nur weil die anderen sich besaufen, um ihre sozialen Kontakte zu vertiefen, muss ich das noch lange nicht. Ich brauche dafür keinen Grund. Das ist mir zu konkret. Überhaupt diese ganze Feier. Diese langweilige Betriebsfeier. Ich brauch’s abstrakt. Das Abstrakte ist meins, deshalb kenne ich diese ganzen Irren ja überhaupt nur. Weil ich das Abstrakte liebe. Verehre. Nicht dieses ganze Fleischige, Organische, Schwitzende, aus den Achselhöhlen und Mündern Stinkende. Ich bin Mathematiker und das sind meine Kollegen. Sind aber nicht alles Mathematiker, da sind auch Sekretärinnen, Verwaltungsangestellte, Informatiker und weiß Gott noch alles dabei. Und noch mal: Ich bin nicht einsam. Überhaupt nicht. Die da, die ganzen wackelnden und zuckenden Leiber um mich herum. Die sind einsam. Die sind so furchtbar einsam, dass sie sich gegenseitig die Zungen in ihre nach Alkohol schmeckenden Hälser stecken müssen und bis zum Kreislaufkollaps Foxtrott tanzen. Das ist Einsamkeit, ganz konkret. Konkrete Einsamkeit. Ich bin nicht konkret. Deshalb kann ich gar nicht einsam sein. Es ist mir überhaupt nicht möglich, einsam zu sein. Bin Luft, bin Zahl, bin Geist. Luft, Zahl und Geist können nicht einsam sein. Rein begrifflich gesehen. „Zahl“ und „einsam“ sind Begriffe, die ergeben gemeinsam keinen Sinn. So einfach ist das.
Wenn man seit zwanzig Jahren solche Betriebsfeiern mitmacht, ist auch das abstrakt, eigentlich. Ich abstrahiere alle meine Betriebsfeier-Erlebnisse zu einem Begriff „Betriebsfeier“. Und dieser Begriff bedeutet für mich, vor einem Weizenglas zu sitzen. Und auch die Kollegen sind Begriffe, abstrahierbar. Sie kommen und gehen. So viele junge Gesichter. Auch die sind nicht mehr konkret. Irgendwann hören Gesichter auf, neu zu sein, nur weil man sie noch nie zuvor gesehen hat. Dort, dort wirbelt die Nase von einem alten Schulfreund, darüber Augen irgendeiner Ex-Freundin, darunter der Mund meines Lieblingsprofessors von damals. Kinn irgendeines Schauspielers, Stirn meiner Großmutter. So ist das. Selbst die Sympathie lässt sich jetzt abstrahieren, kumulieren, berechnen. Zu wie viel Prozent setzt sich das noch nie zuvor gesehene Gesicht aus Teilen der Gesichter mir sympathischer Menschen zusammen, zu wie viel Prozent aus Teilen mir nicht sympathischer? Das ist eine simple Gleichung. Daran ist nichts Konkretes, nur weil wir das Abstrakte nicht gleich sehen.
Zugegeben, auf die Konkreten unter meinen Kollegen wirke ich einsam. Einsamkeit ist für sie das gleiche wie Abstand. Ist für sie Distanz. Nicht physisch. Physischer Abstand lässt sich auf solch einer Veranstaltung kaum realisieren. Die Sekretärinnen kleben einem am Hemdkragen. Nein, geistig meine ich. Wenn man genügend Abstand lässt zwischen Luft und Fleisch. Zwischen Luft und ihrem Fleisch und sogar zwischen Luft und dem eigenen Fleisch. Körper interessieren mich sowieso nicht. Sie sind eben da. Sie schwitzen und schwanken, so wie jetzt. Sie machen Lärm, so wie jetzt. Sie kommen auf mich zu, so wie die Schmidt aus der Buchhaltung jetzt auf mich zukommt. Na, was sitzen Sie hier so verloren am Tresen herum?
Verloren? Unsinn. Wieso verloren? frage ich, ganz abstrakt, das sind nur Worte, Symbole, ausgesprochen, luftige Kommunikationsmittel. Sie verströmt einen schweren, süßen Duft, altbackenes Parfum, Haarspray, Waschlotion, die aus der hiesigen Toilette, ich kenne den Geruch, herb, nach Gras, nach Ampfer, widerlich. Selbst ihr Lippenstift riecht, viel zu blumig.
Bin nicht einsam. Ganz und gar nicht. Verloren auch nicht. Bin abstrakt, wissen Sie. Ich liebe das Abstrakte.
Ach, ja? erwidert sie in kokettem Ton und wird konkret, sie will einsam sein, konkret einsam, mit mir. Sie schlägt ihre blutrot lackierten Pranken in meine Weichteile. Reibt darauf herum und haucht mir ihren nach Rotwein stinkenden Atem ins Gesicht. Ihre Augenbrauen, die von meiner Mutter. Ihre Lippen, irgendeine entfernte Bekannte. Ihre Augen – keine Ahnung, fällt mir gerade nicht ein. Sie drückt ihre Brüste in mein Gesicht und reibt mein Geschlecht kräftiger, fordernder.
Wir ziehen uns diskret auf die Toilette zurück. Abstrakt gesehen gebe ich nur dem männlichen Sexualtrieb nach. Der ist stark, das ist was Biologisches, sicher auch mathematisch berechenbar: Um wie viel Prozent muss sie die Durchblutung meines Gliedes steigern, damit ich geil werde? Das bedeutet nicht, dass ich einsam bin.
© Marina Bartolovic (Heidelberg, 2007)
Sie wird mir nicht böse sein, ich will ja kein Geschäftmachen mit ihren Text.
Einsamkeitsgefühle können auftreten,
obwohl wir verheiratet sind,
obwohl wir einen Beruf haben,
obwohl wir von anderen gemocht werden,
obwohl wir jung sind,
obwohl wir Kinder haben,
obwohl wir uns in Gesellschaft befinden.
Ich war übrigens in meinem Leben niemals so einsam, wie in meiner Ehe.
So what? Wir sind von Geburt an bis zum Tode einsam. Beide Ereignisse sind untrennbar mit Einsamkeit verbunden.
Wir erblicken das Licht der Welt, wenn sie denn licht ist.
Wir gehen einen Weg zwar mit Unterstützung hie und da, aber wir sind dabei immer einsam u n d allein. Letztlich treffen wir die Entscheidungen in unserem Leben allein, jeden Augenblick treffen wir Entscheidungen, die wir keineswegs in Gemeinschaft treffen, sondern allein.
Ein junger (18 jähriger Mann) schrieb:
"Ihr müsst euch vorstellen, euer ganzes verschissenes Leben einsam zu sein....also habt ihr nichts mehr zu befürchten : Ihr braucht euch keine Gedanken mehr zu machen wie ihr reden , was ihr redet und wie ihr mit den Menschen umgehen sollt, denen ihr begegnet .........Ich habt dann gewissermaßen nichts mehr zu verlieren und gewinnt wieder Selbstvertrauen-... Glaubt mir......Die Fähigkeit das Alleinsein überstehen zu können, besitzen nur wenige Menschen , aber wenn sie es besitzen, dann brauchen sie nichts mehr zu befürchten in ihrem Leben - höchstens den Tod. Ich spreche aus Erfahrung glaubt mir . Ich bin zwar erst 18 aber, die Einsamkeit ist mein bester Freund ....Lernt es bloß schnell genug, ohne Depressionen allein sein zu können..."
Nein, auch den Tod müssen wir nicht fürchten, wenn wir gelernt haben, die Einsamkeit zu unserer Freundin zu machen.
Der Mensch ist ein Gesellschaftstier - so zitiert auch der junge Mann. Ist der Mensch das wirklich? Er muss mühsam lernen, sich in der Gesellschaft zu bewegen. Und die Gemeinschaft - ja die Gemein - schaft.
Wenn die Gemeinschaft gesellig in der Runde sitzt, schwitzt, dummes Zeug redet, schlechte Witze reißt, vor sich hin qualmt, dann war das ein netter, gelungener Abend und insgeheim zerreißt sich jeder das Maul über den anderen auf dem Nachhauseweg.
Vereinsgesellung ist ein ganz spezielles Thema. Kleingärtnervereine, Gesangsvereine, Heimatvereine - wir Deutschen sind ja spitze im Vereine gründen und es ist immer alles so gesellig. Merkwürdig, dass ich mich in diesen Gesellungen immer unwohl und einsam fühle. Mir geht schon das Stimmengewirr tierisch auf den Zwirn. Keiner redet mit keinem, alle halten Monologe. Karnevalvereine - die hab ich ganz vergessen. Da fühlt man sich ja nun gar nicht einsam. Es ist alles so lustig und alle schunkeln.
Wie kommt es, dass ich kopfschüttelnd als Beobachter am Rande stehe, gar nicht so viel essen kann, wie ich kotzen möchte, vor lauter Geselligkeit. (Übrigens wird der Satz mit dem Kotzen meinem hochverehrten Max Slevogt nachgesagt.)
Wieso tut es mir so gut, wenn ich abseits von allem Getöse in die Stille horche? Es ist wie ein Bad für meine Seele.
Ich ziehe ein gutes Buch dem Kneipenbesuch vor, ich schaue mir Sonntagmorgens lieber den Presseclub an als zum Frühschoppen mit Freunden zu gehen. Der dauert eine knappe Stunde, diskutiert - durch meist gute Moderation - am Thema, wenn mich das Thema nicht interessiert, kann ich auf den AUS-Knopf drücken.
Ich gehe gern ins Theater und ins Kino, aber dann schnell wieder nach Hause, weil ich die meisten Kommentare zum Film oder der Aufführung nicht ertragen kann. Jetzt würde ich euch noch gerne einen wirklich witzig kleinen Text anhängen.
Zitat:
"Konkrete Einsamkeit
Bin nicht einsam. Ganz und gar nicht. Wer käme darauf, ich sei einsam? Nur weil ich hier der einzige Mensch bin, der auf seinem Hocker sitzt wie angeleimt und in sein Weizenglas starrt, als würde ihn dort drinnen die Erleuchtung erwarten? Und wenn sie es tut? Man weiß nie. Ist überhaupt nicht absurd. Nicht absurder als die Tatsache, dass ich mal ein Zellhaufen war. Nicht absurder als die Tatsache, dass dieser ganze Planet aus Schutt und Asche entstanden ist und wieder zu Schutt und Asche werden wird. Nicht absurder als alles.
Nur weil die anderen sich besaufen, um ihre sozialen Kontakte zu vertiefen, muss ich das noch lange nicht. Ich brauche dafür keinen Grund. Das ist mir zu konkret. Überhaupt diese ganze Feier. Diese langweilige Betriebsfeier. Ich brauch’s abstrakt. Das Abstrakte ist meins, deshalb kenne ich diese ganzen Irren ja überhaupt nur. Weil ich das Abstrakte liebe. Verehre. Nicht dieses ganze Fleischige, Organische, Schwitzende, aus den Achselhöhlen und Mündern Stinkende. Ich bin Mathematiker und das sind meine Kollegen. Sind aber nicht alles Mathematiker, da sind auch Sekretärinnen, Verwaltungsangestellte, Informatiker und weiß Gott noch alles dabei. Und noch mal: Ich bin nicht einsam. Überhaupt nicht. Die da, die ganzen wackelnden und zuckenden Leiber um mich herum. Die sind einsam. Die sind so furchtbar einsam, dass sie sich gegenseitig die Zungen in ihre nach Alkohol schmeckenden Hälser stecken müssen und bis zum Kreislaufkollaps Foxtrott tanzen. Das ist Einsamkeit, ganz konkret. Konkrete Einsamkeit. Ich bin nicht konkret. Deshalb kann ich gar nicht einsam sein. Es ist mir überhaupt nicht möglich, einsam zu sein. Bin Luft, bin Zahl, bin Geist. Luft, Zahl und Geist können nicht einsam sein. Rein begrifflich gesehen. „Zahl“ und „einsam“ sind Begriffe, die ergeben gemeinsam keinen Sinn. So einfach ist das.
Wenn man seit zwanzig Jahren solche Betriebsfeiern mitmacht, ist auch das abstrakt, eigentlich. Ich abstrahiere alle meine Betriebsfeier-Erlebnisse zu einem Begriff „Betriebsfeier“. Und dieser Begriff bedeutet für mich, vor einem Weizenglas zu sitzen. Und auch die Kollegen sind Begriffe, abstrahierbar. Sie kommen und gehen. So viele junge Gesichter. Auch die sind nicht mehr konkret. Irgendwann hören Gesichter auf, neu zu sein, nur weil man sie noch nie zuvor gesehen hat. Dort, dort wirbelt die Nase von einem alten Schulfreund, darüber Augen irgendeiner Ex-Freundin, darunter der Mund meines Lieblingsprofessors von damals. Kinn irgendeines Schauspielers, Stirn meiner Großmutter. So ist das. Selbst die Sympathie lässt sich jetzt abstrahieren, kumulieren, berechnen. Zu wie viel Prozent setzt sich das noch nie zuvor gesehene Gesicht aus Teilen der Gesichter mir sympathischer Menschen zusammen, zu wie viel Prozent aus Teilen mir nicht sympathischer? Das ist eine simple Gleichung. Daran ist nichts Konkretes, nur weil wir das Abstrakte nicht gleich sehen.
Zugegeben, auf die Konkreten unter meinen Kollegen wirke ich einsam. Einsamkeit ist für sie das gleiche wie Abstand. Ist für sie Distanz. Nicht physisch. Physischer Abstand lässt sich auf solch einer Veranstaltung kaum realisieren. Die Sekretärinnen kleben einem am Hemdkragen. Nein, geistig meine ich. Wenn man genügend Abstand lässt zwischen Luft und Fleisch. Zwischen Luft und ihrem Fleisch und sogar zwischen Luft und dem eigenen Fleisch. Körper interessieren mich sowieso nicht. Sie sind eben da. Sie schwitzen und schwanken, so wie jetzt. Sie machen Lärm, so wie jetzt. Sie kommen auf mich zu, so wie die Schmidt aus der Buchhaltung jetzt auf mich zukommt. Na, was sitzen Sie hier so verloren am Tresen herum?
Verloren? Unsinn. Wieso verloren? frage ich, ganz abstrakt, das sind nur Worte, Symbole, ausgesprochen, luftige Kommunikationsmittel. Sie verströmt einen schweren, süßen Duft, altbackenes Parfum, Haarspray, Waschlotion, die aus der hiesigen Toilette, ich kenne den Geruch, herb, nach Gras, nach Ampfer, widerlich. Selbst ihr Lippenstift riecht, viel zu blumig.
Bin nicht einsam. Ganz und gar nicht. Verloren auch nicht. Bin abstrakt, wissen Sie. Ich liebe das Abstrakte.
Ach, ja? erwidert sie in kokettem Ton und wird konkret, sie will einsam sein, konkret einsam, mit mir. Sie schlägt ihre blutrot lackierten Pranken in meine Weichteile. Reibt darauf herum und haucht mir ihren nach Rotwein stinkenden Atem ins Gesicht. Ihre Augenbrauen, die von meiner Mutter. Ihre Lippen, irgendeine entfernte Bekannte. Ihre Augen – keine Ahnung, fällt mir gerade nicht ein. Sie drückt ihre Brüste in mein Gesicht und reibt mein Geschlecht kräftiger, fordernder.
Wir ziehen uns diskret auf die Toilette zurück. Abstrakt gesehen gebe ich nur dem männlichen Sexualtrieb nach. Der ist stark, das ist was Biologisches, sicher auch mathematisch berechenbar: Um wie viel Prozent muss sie die Durchblutung meines Gliedes steigern, damit ich geil werde? Das bedeutet nicht, dass ich einsam bin.
© Marina Bartolovic (Heidelberg, 2007)
Sie wird mir nicht böse sein, ich will ja kein Geschäftmachen mit ihren Text.
8 Platinern gefällt der Artikel
Gefällt mir auch
Kommentare zum Artikel