Emma backte mit Hingabe und Begeisterung. Jeden Freitag nahm sie die große Schüssel und rührte den Teig für den Rodonkuchen, den sie mal mit Nüssen, Mohnfüllung oder als Marmorkuchen an die Kaffeetafel brachte.

In der Weihnachtszeit war das anders. Dann holte sie den großen Karton aus dem Keller und stellte Utensilien auf den Tisch, mit denen längst keiner mehr arbeitete. Da gab es einen Messbecher, den man bis zu einem Punkt mit Wasser füllte und dann sogar Butter abwiegen konnte. Für Rosinen, Bohnen und sogar weißen und schwarzen Pfeffer gab es  Maßpunkte. Das Sieb war aus Holz und einem schon rostigen Gittergewebe, die Rührlöffel dunkelbraun vom Lebkuchenteig. Die Model für die Springerle waren angewetzt, doch die Plätzchen sahen herrlich aus.

Die Rezepte standen in einem zerfledderten Buch, das noch in Sütterlin geschrieben war für Kekse, die mit Schweineschmalz und Pottasche gebacken wurden. Wichtig war laut Buch auch das Lesen der Bibel während der Herstellung des Teigs und natürlich erst recht, während das Backwerk im Fegefeuer des Kohleofens vor sich hin schmorte.

Schon beim Mischen von gemahlenen Nüssen  und Mehl fand die Nächstenliebe des Heiligen Martin Einzug, mit dem Zucker kam die Opferbereitschaft des Mannes hinzu, der bereit gewesen wäre, seinen Sohn zu geben, es folgten Klugheit, Besonnenheit, Demut, Liebe und alle guten Eigenschaften, die einen Christen ausmachen. In jedes Teil, das größer als ein Handteller war, wurde mit einem Messer das Kreuz geritzt, wobei man das Ave Maria betete. Mit Wasser aus dem damals üblichen Weihwassergefäß neben dem Hausaltar wurde der Ofen geweiht und die Plätzchen wurden all jenen geschenkt, die man im Herzen trug.

Das alte Heft ging verloren, doch den Karton mit den alten Sachen, den gibt es noch.

Jedes Jahr hole ich ihn hervor und fühle mich meiner Oma Emma sehr nahe, höre ihre Stimme, die mir erzählt, wie sie selber als kleines Mädchen mit ihrer Oma backte. Ich besitze keine Bibel, da ich keiner Kirche mehr angehöre. Ich backe auch nicht mehr die Tugenden der Heiligen in die Plätzchen. Schmalz und Pottasche nehme ich auch nicht, doch ich gebe all meine Liebe, meine guten Wünsche, meine Hoffnungen, meine Freude und meine Zuversicht in den Teig, backe sie mit Hingabe, bestäube sie mit Fröhlichkeit , packe sie in Zufriedenheit und binde Humor darum.

Nun muss ich sie nur noch verschenken an jene, die die Zutaten herausschmecken.