Die Kids von heute werden sich kaum vorstellen können, dass es in den fünfziger und sechziger Jahren für viele elfjährige Mädchen das Größte war, endlich die Kniestrümpfe ablegen zu können - wenigstens am Sonntag. Ich war eines dieser Mädchen. Ich wollte kein "kleines Kind" mehr sein und wenigstens am Sonntag keine Söckchen oder Kniestrümpfe mehr tragen.

 

Meine Eltern versprachen mir, dass ich an meinem zwölften Geburtstag die ersten Nylonstrümpfe bekommen sollte. Natürlich fiel mir das Warten auf dieses denkwürdige Ereignis sehr schwer. Meine beste Freundin war einige Monate älter als ich und bereits stolze Nylonstrumpf-Trägerin. Einmal erschien sie sogar damit in der Schule und erregte ziemliches Aufsehen. Um Laufmaschen zu vermeiden, bewegte sie sich so vorsichtig wie möglich. Es kam, wie es kommen musste: Eine lange Laufmasche zierte plötzlich ihr rechtes Bein, was, wie ich fand, komisch aussah.

 

Heute kauft man einfach neue Strümpfe (oder Strumpfhosen) nach so einem Missgeschick. Damals waren die Nylons so teuer, dass es sich lohnte, einen der  "Laufmaschen-Dienste" in Anspruch zu nehmen: Viele Frauen verdienten sich mit dem Reparieren von Nylonstrümpfen etwas dazu. 20 Pfennige kostete das maschinelle Aufnehmen einer Laufmasche. 

 

Im Sommer 1960, drei Monate vor meinem zwölften Geburtstag, konnte ich nicht mehr länger warten und bearbeitete meine Eltern, schon jetzt Nylonstrümpfe tragen zu dürfen. Nach einigen Diskussionen gaben sie ihr Einverständnis. In der Nacht vor diesem heiß ersehnten Ereignis konnte ich vor Aufregung nicht schlafen. Wie würden sie sich wohl anfühlen, meine Nylons? Ich würde sie ganz vorsichtig behandeln und nicht die kleinste Laufmasche bekommen, nahm ich mir vor. Meine Freundinnen würden Augen machen!

 

Am nächsten Morgen schaffte ich es tatsächlich, die empfindlichen Strümpfe ohne Zwischenfall anzuziehen. War das ein Gefühl! Ich war zwar längst noch nicht erwachsen, fühlte mich aber so. Auf dem Weg zu meiner Freundin malte ich mir aus, wie sie auf meine Nylons reagieren würde. Mit diesen Gedanken war ich beschäftigt, als neben mir ein Auto hielt. Der Fahrer suchte eine Straße. Natürlich kannte ich die Gefahren für Kinder und ich würde niemals in ein fremdes Auto steigen.

 

"Steig ein", forderte er mich auf. "Du kannst mir beim Suchen helfen..." Ich kann mich noch gut erinnern, dass mein Herz vor Angst wie wild schlug, als ich "Nein!" rief und meinen Weg fortsetzte. Ich hatte Glück, der Mann fuhr davon, ohne mich weiter zu belästigen. Plötzlich war es mir egal, ob ich Seidenstrümpfe oder weiße Söckchen trug... Als ich meiner Mutter später von meinem Erlebnis erzählte, war sie davon überzeugt, dass der Autofahrer es wegen meiner Nylonstrümpfe auf mich abgesehen hätte. Ich verstand damals nicht genau, was sie damit meinte. 

 

Vielleicht hatte meine Mutter ja Recht, überlegte ich. An meinem zwöften Geburtstag durfte ich dann ganz offiziell dünne Strümpfe tragen. Doch plötzlich hatte ich es nicht mehr so eilig damit. Außerdem fand ich es viel zu anstrengend, darauf zu achten, dass sie unversehrt blieben. Wahrscheinlich hatte aber auch das sonntägliche Schock-Erlebnis mit meiner Meinungsänderung zu tun. Erst ein halbes Jahr später war ich bereit für einen neuen Versuch. Mittlerweile hatte meine Tante in unserer Nachbarschaft einen "Laufmaschen-Reparatur-Dienst" eröffnet...  

 

 

 

Bild: pixelio

Elke Salzer