"Meiner Schwiegermutter ging es gar nicht gut , und ich fürchtete, dass sie nicht mehr lange leben würde. Und so schickte ich meinem geschiedenen Mann Theo 1)  eine SMS ins Ausland, wo er lebt. Ich bat ihn, sie möglichst bald zu besuchen und auch mit mir Kontakt aufzunehmen. "Tu es nicht für mich, sondern für Deine Mutter!", schrieb ich ihm. Ich erhielt - wie schon die Jahre zuvor - keine Antwort. Schließlich starb meine Schwiegermutter, ohne dass Theo sie vorher noch besucht hätte.

Auch für die Vorbereitungen auf das Begräbnis konnten unsere Kinder und ich nicht auf seine Hilfe zählen. Ich hoffte, dass wir am Tag des Abschieds von seiner Mutter ins Gespräch kommen würden. Theo kam direkt zum Gottesdienst und setzte sich mit seiner Lebensgefährtin neben Schwiegervater in die erste Reihe. Nach dem Gottesdienst versuchte ich, sie zu begrüßen. Ein knappes "Guten Morgen" war alles, was zurückkam.

Während wir anschließend alles für das Kaffeetrinken vorbereiteten, ging Theo mit seiner Partnerin spazieren. Zurückgekommen setzte er sich wieder neben seinen Vater, und für mich blieb der letzte Platz am Ende der Tafel übrig.

Als alle gegessen und getrunken hatten, verabschiedete er sich mit einem kurzen "Auf Wiedersehen" und fuhr mit seiner Lebensgefährtin zum Einkaufen. Wieder blieb die ganze Last der Aufräumarbeit an mir und den Kindern hängen.

Schließlich fuhr ich todmüde nach Hause. Die Kinder blieben noch bei Opa und spielten mit ihm Karten. Nur zehn Minuten, nachdem ich weggefahren war, kehrte Theo zurück und verbrachte mit den Kindern einen schönen Nachmittag   -   ohne mich.

All das tat mir sehr weh und ich kam mir unendlich erniedrigt vor. War nicht ich es, die für seine Mutter gesorgt hatte? Aber jetzt hatte er nicht mal ein Wort für mich übrig! Und die alten Vorwürfe stiegen wieder in mir hoch.

Nach unserer Scheidung vor 15 Jahren hatte Theo ein neues Leben angefangen, und ich hatte meines mit unseren vier Kindern weitergelebt. Obwohl er unterhaltspflichtig ist, hat er nie etwas bezahlt, außer einem kleinen Betrag zum Studium unserer Tochter. Da er im Ausland lebte, konnte ich mein Recht auch nicht einfordern. Also musste ich trotz der Kinder voll arbeiten gehen.

Mitten in dieser inneren Bitterkeit kam mir der Gedanke: "Hinter was laufe ich her? Was will ich wirklich von ihm? Erwarte ich, dass er sich entschuldigt, mir auf die Schultern klopft und sagt, dass er dankbar ist, so tolle Kinder zu haben, und dass ich ohne ihn alles super geschafft habe?"

Ja, ich musste mir ehrlich eingestehen, das hatte ich erwartet.

Aber in all diesen Jahren hat mir mein Glaube geholfen, die Situation zu tragen und die immer wieder aufsteigende Bitterkeit zu überwinden. Und im Stillen dankte ich Gott für meine Freunde, die mir immer wieder beigestanden hatten und die mir zuhörten, wenn ich mal mein Herz ausschütten mußte, und die mir immer wieder Mut machten. So auch jetzt! Und ich spürte, wie alles langsam verblasste, und wie es mir auch jetzt wieder gelang, leise und still meine Erwartungen und Wünsche an meinen geschiedenen Mann loszulassen."   U.T.

1) Name geändert