Jeden Morgen kam er in unsere Dorfbäckerei zum Frühstück. Der Hausenhans* - wie ihn alle nennen - lebte schon seit 15 Jahren irgendwo allein in einer Hütte. Wo, verriet er niemandem. Bei seinen Runden durch die Gegend fiel er nie negativ auf.

Vor zwei Jahren war dann ein sehr strenger Winter, und ich machte mir Sorgen um den Hausenhans. Ich fürchtete, er könne erfrieren. Im Hinterkopf hatte ich das Bibelwort: "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Also vereinbarte ich mit der Bäckerin, dass sie mich anruft, wenn er einmal nicht zum Frühstück auftauchen sollte.

Es vergingen fast zwei Jahre. Dann stellte ich vor einigen Monaten beim Einkaufen fest, dass der Hausenhans heftig hustete und offensichtlich hohes Fieber hatte. Ich drängte ihn, zum Arzt zu gehen. Doch er weigerte sich, wahrscheinlich, weil er sich dafür schämte, dass er so schmutzig war. Als ich zu sehr auf ihn einredete, lief er weg. Ich erzählte davon auch in unserer Gemeinde.

Drei Tage später schlug die Bäckerin Alarm. Der Hausenhans war seit dem Gespräch mit mir nicht mehr aufgetaucht. Jetzt musste ich handeln! Aber wie konnte ich ihn finden?

Gemeinsam mit dem Pfarrgemeinderatsvorsitzenden und der Polizei machte ich mich auf die Suche. Nach einer ganzen Zeit fanden wir ihn. Er war in einem erbärmlichen Zustand. Der Mann hauste in einem Raum von zwei mal drei Metern. Das Brett und die Anoraks, auf denen er lag, waren mit Unrat übersät. Offensichtlich konnte er durch die Krankheit bedingt nichts mehr für sich behalten. "Wasser!", stöhnte er.

Mit viel Überredungskunst gelang es uns, ihn ins Krankenhaus zu bringen. Dort wurde er gebadet und behandelt. Er hatte sich eine schwere Lungenentzündung geholt. "Wenn er einen Tag später gekommen wäre", sagte der Arzt, "wäre jede Hilfe zu spät gewesen."

Ich besuchte den Hausenhans täglich im Krankenhaus, wusch seine zerrissenen Kleider, fragte ihn vorsichtig, ob er neue Unterwäsche annehmen würde.

Mein Einsatz für den Hausenhans sprach sich herum, so dass viele Dorfbewohner begannen, ihn zu besuchen und mit allerlei praktischen Hilfen zu unterstützen. Schließlich gelang es, von der Gemeinde ein bescheidenes Zimmer mit einem Waschbecken für ihn aufzutreiben. Damit konnte ich ihm seinen größten Wunsch erfüllen. Er läßt es sich nicht nehmen, mit seiner minimalen Rente einen kleinen Beitrag zur Miete zu leisten. Die Nachbarn, Leute vom Pfarrgemeinderat und viele andere helfen ihm beim Wäsche waschen und anderen Arbeiten. In der neuen Unterkunft ist er glücklich und lässt sich wieder gerne in der Bäckerei sehen. G.S.

* Name geändert