Zwölf jugendliche Testosteronbomben und zwei hübsche junge Damen, bildeten das Fundament unserer Vereinigung. Die bildhübsche Carmen, besaß das mediterrane Aussehen ihrer spanischen Vorfahren, während die ebenso attraktive Karin den nordischen Gegensatz bildete. Die Beiden stellten den Zündsatz für unser, ohnehin waghalsiges, Fahrverhalten dar.
Wenn wir hintereinander durch die engen Sträßchen unserer Kleistadt bretterten, ging das nicht ab, ohne die Aufmerksamkeit der Bürger zu erlangen. In den engen Kurven, schrammten der eine- oder andere Ständer bzw. Auspuff, vehement über den Asphalt. Dabei zeichneten wir halbmeterlange Funkengarben in die Kleinstadtluft.

Die währenddessen freigesetzten Endorphine, vermittelten uns das intensive Gefühl, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Die beiden langhaarigen Beifahrerinnen jauchzten vor Vergnügen. Manchmal schrien sie vor Angst, um Sekunden später, in helles Lachen auszubrechen. Unsere Kreidler-, Zündapp- oder Herkulesmaschinen waren allesamt getunt und gaben ein helles Singen oder bei hohen Belastungen, schrilles Kreischen von sich. Wenn ich mich in den Kurven, quasi unter meine rote Zündapp hängte, fehlten nur wenige Zentimeter bis zur Boden-berührung. Das Leben war schön und wir die Allergrößten. Da meine Freunde in der Nähe der holländischen Grenze lebten, düste ich an jedem Wochenende zu meiner, dort wohnenden Großmutter. Aufgrund des Fahrens im Grenzbereich, kam es natürlich auch zu Unfällen. In einer Kurve in der sich eine Baustelle befand, sah ich Sand auf der Straße liegen, schwupps… rutschte das Vorderrad weg und ich hinterher. Ähnliche Erlebnisse, führten zu reichlich Hautabschürfungen, einem Schlüsselbeinbruch, einer Gehirnerschütterung oder einer angebrochenen Halswirbelsäule. Von solchen Dingen, lässt sich ein wirklicher Mann nicht besonders beeindrucken. Mir kam nicht in den Sinn, dass jeder dieser Unfälle, nur mit Glück, ohne bleibenden Schaden oder dem Tod, abliefen.

Wir waren wild aber durchaus nett. Einer älteren Dame, welche schwer an ihren Einkäufen schleppte, wurde ebenso geholfen, wie einem etwas hilflosen Herrn, dessen Autoreifen gewechselt werden musste. Insbesondere die blonde Karin, hatte ein Helfersyndrom. Ich höre manchmal in meiner Erinnerung, wie sie begeistert davon schwärmte, Tierärztin zu werden und verletzten Vögelchen, die gebrochenen Flügel zu richten, oder kranken Hunden und Katzen, wirkungsvoll zu helfen. Sie zog wie ein Magnet, Situationen an, in denen sie sich, oder uns, zugunsten Hilfebedürftiger, einbringen konnte. Da passierte es durchaus, dass wir gerade wie eine wilde Rotte um eine enge Kurve fegten und Karin ihrem Fahrer, das Zeichen zum Anhalten gab. Nachdem sich alle versammelt hatten, um zu sehen, was denn passiert sei, deutete sie auf den Garten, schräg hinter uns. Dort befand sich Opa Kleinschmitt, welcher sich mit einem Spaten abrackerte. Sofort hetzten wir zum misstrauisch blickenden Opa und schnappten uns seinen Spaten. Dann gruben wir, uns ständig abwechselnd, im Rekordtempo, den Garten um. Unser Verhalten führte dazu, dass so Manche fluchten, wenn wir mit infernalischem Lärm die beschauliche Ruhe störten. Aber im Stillen dachten sie, dass sie auch einmal jung waren.

An einem schönen Samstag im Herbst, schlug Stefan vor, dass wir nach Xanten fahren könnten. Wir griffen die Idee gerne auf, denn wir hatten schon ein paar Mal angedacht, die Ruinen der Römer zu erkunden. Karin schwang sich hinter Stefan auf seine Kreidler, während wir auf unsere Metallrösser stiegen. Den für Zweitakter typischen Geruch der Verbrennungsrückstände hinterlassend, rasten wir in Richtung Xanten.

An dritter Stelle fahrend, sah ich Karins naturblonde Haare lustig im Fahrtwind wehen. Ab und an, schaute sie nach hinten und bezauberte uns, mit ihrem typischen, spitzbübischen Lächeln. In ihrem Fall erreichte die Evolution, eine wunderbare Synthese zwischen äußerer- und innerer Schönheit. Wir konnten gar nicht anders, als sie von Herzen zu mögen. Von weitem sahen wir eine kleine Gruppe anderer Jugendlicher, welche uns, die engen Kurven rasant schneidend, entgegen stürmten. Ich bemerkte, dass die langgezogene Kurve, in der wir uns trafen, wunderbar geeignet war, sich kontrolliert, dem Asphalt zuzuneigen. Der letzte Fahrer der entgegenkommenden Gruppe, hatte seine Geschwindigkeit jedoch unterschätzt und verlor die Kontrolle über seine Honda.
Stefan streifte das ausbrechende Fahrzeug und rutschte mitsamt Kreidler und Karin in das seitliche Feld. Das wäre nicht so tragisch gewesen, wenn dort nicht ein Baum gestanden hätte. Jedenfalls lag dort Karin. Ihr blondes Haar breitete sich fächerförmig aus und färbte sich schnell rot. Es dauerte eine Weile, bis wir realisierten, dass dieses liebenswerte und wundervolle Mädchen, uns nie mehr, ihr helles Lachen schenken würde. Unser Schmerz war unaussprechlich. Für den vor Entsetzen gelähmten, lediglich etwas zerkratzten, Stefan hingegen, war die Folgezeit nicht zu verkraften. Wir redeten stundenlang mit ihm. Aber er weinte nur und sagte immer wieder, dass er die Schuld trüge. Da der Trost seiner besten Freunde nicht ausreichte, suchte er immer wieder Erleichterung im Alkoholrausch. Da ich ihm sehr nahe stand, versuchte ich ständig, ihn wieder auf den rechten Weg zu führen. Leider konnte auch ich nicht verhindern, dass sein Weg, unter den Rädern einer heranrasenden Lokomotive endete.

Geschrieben von Werner (Harlekin)