Ein Essay von Aldous Huxley aus der
Zeitschrift ‚Vedanta and the West’ von 1956
6.4 Erkennen und verstehen

Ich kann mein Schicksal nicht beherrschen; ich kann nur zusammenarbeiten mit ihm und es dadurch bis zu einem gewissen Grad lenken. Und ich bin nicht der Kapitän meiner Seele; ich bin nur ihr lautester Passagier, ein Passagier, der nicht wichtig genug ist, um am Tisch des Kapitäns zu sitzen und der nicht einmal vom Hörensagen weiß, wie das Seelenschiff aussieht, wie es funktioniert und wohin es fährt. Das vollkommene Gewahrsein, anders gesagt, beginnt mit der Erkenntnis meiner Unwissenheit und meines Unvermögens. Wie wird aus dem chemoelektrischen Geschehen in meinem Gehirn der Eindruck sagen wir eines Haydn—Quartetts oder eines Gedankens der heiligen Johanna? Ich habe nicht die blasseste Ahnung – niemand hat auch nur die geringste Ahnung. Oder denken wir an eine scheinbar simple Sache. Kann ich meine rechte Hand heben? Nein, kann ich nicht. Ich kann nur den Befehl dazu geben; das Heben selbst besorgt jemand anderes. Wer? Ich weiß es nicht. Warum? Ich weiß es nicht. Und wenn ich gegessen habe, wer verdaut das Brot und den Käse? Wenn ich mich geschnitten habe, wer heilt die Wunde? Wenn ich schlafe, wer gibt dem müden Körper neue Kraft, dem neurotischen Geist Frieden? Ich weiß nur eins: „Ich“ kann all das nicht.

Der Katalog dessen, was ich nicht weiß und nicht bewerkstelligen kann, ließe sich endlos fortführen. Selbst die Behauptung, dass ich mein Denken bewerkstellige, ist durch die beobachtbaren Tatsachen nur teilweise gedeckt. Descartes’ durch radikale Skepsis gewonnene erste Gewissheit, „Ich denke, also bin ich“, erweist sich bei näherem Hinsehen als äußerst fragwürdig. Bin wirklich Ich der Urheber meines Denkens? Wäre es nicht der Wahrheit näher zu sagen: „Gedanken stellen sich ein, und manchmal bin ich ihrer gewahr“? Und die Sprache, dieses Schatzhaus versteinerter Beobachtungen und latenter Philosophie, gibt uns ja genügend Hinweise, dass es wirklich so ist. Wenn mein Denken einmal besser als gewöhnlich funktioniert, äußert sich das in Worten wie „Mir kommt da eine Idee“ oder Mir ist was eingefallen“ oder „Ich sehe es ganz klar“. Alle diese Ausdrücke sagen ja unausgesprochen, dass meine Gedanken „da draußen“ entspringen, in einem Bereich, der auf der geistigen Ebene der Außenwelt entspricht. Das allumfassende Gewahrsein bestätigt diese Winke der idiomatischen Sprache. In Beziehung zum subjektiven „Ich“ ist der Geist größtenteils da draußen. Meine Gedanken sind mentale und doch äußere Gegebenheiten. Ich ersinne meine besten Gedanken nicht; ich finde sie.

Das allumfassende Gewahrsein offenbart also diese Fakten: dass ich zutiefst unwissend bin, dass ich bis zur Hilflosigkeit unvermögend bin und dass die wertvollsten Elemente meiner Persönlichkeit unbekannte Größen sind, die „da draußen“ als mentale Objekte existieren, meiner bewussten Kontrolle mehr oder weniger vollständig entzogen. Das mag eine zunächst demütigende, wenn nicht deprimierende Entdeckung sein. Doch wenn ich die Fakten vorbehaltlos akzeptiere, werden sie ein Quell des Friedens, ein Grund, gelassen und heiter zu sein. Ich bin unwissend und unvermögend, aber irgendwie bin ich doch da – unglücklich zwar und tief unzufrieden, aber doch springlebendig. Trotz allem lebe ich weiter und komme zurecht, manchmal sogar voran. Aus diesen beiden Umständen, dass ich einerseits lebe und weiterlebe und andererseits unwissend und unvermögend bin, kann ich nur schließen, dass dieses Nicht-Ich, das sich um meinen Körper kümmert und mir meine besten Ideen eingibt, staunenswert intelligent, kenntnisreich und stark sein muss. Als ein auf sich selbst zentriertes Ego gebe ich mir alle Mühe, das wohltätige Wirken dieses Nicht-Ichs zu behindern.

Doch trotz meines Mögens und Nichtmögens, trotz meiner Bosheit, trotz meiner Vernarrtheiten und nagenden Ängste, trotz all meiner Überbewertung der Worte, trotz meines verbohrten Festhaltens an Erwartungen und Erinnerungen, anstatt in der Gegenwart zu leben – all dem zum Trotz trägt dieses Nicht-Ich, mit dem ich verbunden bin, mich weiter, hält mich aufrecht, gibt mir immer wieder neue Chancen. Wir wissen sehr wenig und vermögen sehr wenig, aber es steht uns frei, mit einer größeren Macht und umfassenderen Erkenntnis zusammenzuarbeiten, mit einer zugleich immanenten und transzendenten, zugleich physischen und mentalen, zugleich subjektiven und objektiven unbekannten Größe. Tun wir es, so wird nichts uns fehlen, mag auch das Schlimmste geschehen. Tun wir es nicht, so wird alles uns fehlen, auch unter den günstigsten Bedingungen.

Diese Einsichten sind nur die ersten Früchte des allumfassenden Gewahrseins. Noch reichere Ernten wollen eingefahren sein. In meiner Unwissenheit bin ich mir sicher, dass ich für immer ich bin. Diese Überzeugung wurzelt in emotionalen Erinnerungen. Nur wenn das Gedächtnis leer gefegt wird, wie Johannes vom Kreuz sagt, kann ich dem Gefühl des Gesondertseins entrinnen und mich dadurch bereit machen, von Augenblick zu Augenblick und auf allen Ebenen die Wirklichkeit zu verstehen. Doch das Gedächtnis kann man nicht mit einem Willensakt leer fegen, auch nicht durch systematische Disziplin oder durch Konzentration – nicht einmal durch Konzentration auf die Idee der Leere. Nur durch allumfassendes Gewahrsein ist das zu erreichen. Wenn ich also meiner Ablenkungen gewahr bin – das sind vor allem emotionale Erinnerungen und die von ihnen ausgelösten Phantasien -, bleibt das mentale Karussell ganz von selbst stehen, und das Gedächtnis wird leer, zumindest für einen Augenblick. So auch, wenn ich meines Neids, meines Grolls und meiner Lieblosigkeit vollkommen gewahr werde: Solange dieses Gewahrsein anhält, werden realistischere Reaktionen auf die Ereignisse in meiner Umgebung an die Stelle solcher Gefühle treten.

Natürlich muss dieses Gewahrsein frei von Zustimmung und Ablehnung sein. Werturteile sind konditionierte, verbalisierte Reaktionen auf primäre Reaktionen. Allumfassendes Gewahrsein ist ein primäres, nicht unterscheidendes, unbefangenes Ansprechen auf die gegenwärtige Situation in ihrer Gesamtheit. Es gibt hier keine einschränkenden bedingten Reflexe auf die primäre Reaktion, auf das reine Erfassen der Lage. Sollten doch verbale Formeln von Lob und Tadel im Bewusstsein auftauchen, so sind sie so leidenschaftslos zu betrachten wie alle anderen Daten. Die Berufsmoralisten bauen auf den Oberflächenwillen, glauben an Strafe und Belohnung und sind Adrenalinsüchtige, die nichts so sehr lieben wie eine saftige Entrüstungsorgie. Die Meister des spirituellen Lebens halten wenig vom Oberflächenwillen und, für ihre besonderen Zwecke, auch wenig von Lohn und Strafe, und sie neigen nicht dazu, sich zu entrüsten. Die Erfahrung hat sie gelehrt, dass das höchste Gut niemals, und das liegt in der Natur der Dinge, durch Moralisieren zu erlangen ist. „Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet“, ist ihre Losung, und allumfassendes Gewahrsein ihre Methode.

Mit zwei- bis dreitausend Jahren Verspätung entdecken nun einige Psychiater diese Methode. „Sokrates“, schreibt Professor Carl Rogers, „entwickelte neuartige Ideen, die sich als gesellschaftlich konstruktiv erwiesen haben.“ Weshalb?

Nun, er unternahm erstaunlich wenig zu seiner Verteidigung und war sehr erfahrungsoffen. Der Grund dafür liegt wohl vor allem in dem, was man in der Psychotherapie festgestellt hat: Wenn wir die für das gesamte Tierreich charakteristische sensorische und viszerale Erfahrungsweise um ein freies undeformiertes Bewusstsein erweitern können, zu dem offenbar nur der Mensch in vollem Umfang befähigt ist, haben wir einen Organismus, der sich der Anforderungen der Kultur ebenso bewusst ist wie seines eigenen Bedürfnisses nach Nahrung und Sexualität, seines Wunsches nach freundschaftlicher Beziehungen ebenso wie seines Wunsches nach Selbsterhöhung, seiner feinfühligen Zuneigung zu anderen ebenso wie seiner Feindseligkeit gegenüber anderen. Wo der Mensch nicht ganz Mensch ist, wo er Aspekte seiner Erfahrung aus dem Bewusstsein ausschließt, da haben wir, wie die gegenwärtige Weltlage bezeugt, wahrlich Grund, ihn und sein Verhalten zu fürchten. Wo er aber ganz Mensch, also sein vollständiger Organismus ist und das Bewusstsein der Erfahrung, dieses spezifisch menschliche Attribut, wirklich funktioniert, da darf man seinem Verhalten trauen.

Spät kommt ihr, doch ihr kommt! Wie tröstlich, die uralten Grundweisheiten der Mystik nun als brandneue Entdeckungen in der Psychotherapie auftauchen zu sehen. Gnoti sauton – Erkenne dich selbst. Erkenne dich, was deine bekundeten Absichten und deine heimlichen Motive angeht, was dein Denken, deine Körperfunktionen und dieses größere Nicht-Ich angeht, das dafür sorgt, dass allen Sabotageversuchen des Ego zum Trotz dein Denken einigermaßen belangvoll bleibt und die Funktionen nicht allzu sehr entgleisen. Sei all dessen umfassend gewahr, was du tust und denkst, auch der Menschen, zu denen du in Beziehung stehst, und der Ereignisse, die dir in jedem Augenblick deines Lebens Stichwort und Antrieb liefern. Sei unbefangen, realistisch und urteilsfrei gewahr, ohne auf die Primärreaktion dieses Augenblicks anhand erinnerter Worte zu reagieren. Dann wird dein Gedächtnis leer gefegt, werden Erkenntnis und Pseudoerkenntnis auf den ihnen zustehenden Platz verwiesen, und du hast das Verstehen – anders gesagt, du wirst in jedem Augenblick in direkter Verbindung mit der Wirklichkeit stehen.

Besser noch, du wirst deine „feinfühlige Zuneigung zu anderen“ entdecken. Und nicht nur deine Zuneigung, sondern die kosmische Zuneigung, die grundlegende Gutheit des Universums – trotz des Leidens. „Mag er mich auch töten, so will ich doch auf ihn bauen.“ Das sind die Worte von einem, der vollkommen gewahr ist. Ein anderes solches Wort lautet: „Gott ist Liebe.“ Für den Alltagsverstand ist das eine das Wahngeplapper eines Umnachteten, das andere ein Schlag ins Gesicht aller Erfahrung und offensichtlich falsch. Doch der Alltagsverstand hat nicht das allumfassende Gewahrsein zur Grundlage; er ist das Produkt der Konvention, der organisierten Erinnerungen an anderer Leute Worte, der von Leidenschaften und Werturteilen beschnittenen persönlichen Erfahrung, der heilig gehaltenen Vorstellungen und des nackten Eigeninteresses. Das allumfassende Gewahrsein macht den Weg frei zum Verstehen, und wo irgendeine gegebene Situation verstanden wird, da wird die Natur des Wirklichen offenbar, und wir erkennen die unsinnigen Äußerungen der Mystiker als wahr – oder doch so wahr, wie es eine Aussage über das Unaussprechliche sein kann.

Eines in allem und alles in Einem; Sams?ra und Nirv?na sind dasselbe; Vielheit ist Einheit, und Einheit ist weniger eines als vielmehr nicht-zwei; alle Dinge sind leer, und doch sind alle Dinge der Dharma-Körper des Buddha – und so weiter. Für das begriffliche Erkennen sind solche Sätze sinnlos. Nur wo Verstehen ist, werden sie sinnvoll, denn hier kommt es zu einer Erfahrung des Verschmelzens von Ziel und Mitteln, von Weisheit, dem zeitlosen Gewahrsein der Soheit, und Erbarmen, der Weisheit in Aktion. Von allen verbrauchten, besudelten, fadenscheinig gewordenen Wörtern in unserem Wortschatz ist „Liebe“ sicherlich das schmutzigste, anrüchigste, schleimigste. Von Millionen Rednerpulten herunterposaunt und aus Hundertmillionen Lautsprechern geschmalzt, ist es zur üblen Geschmacklosigkeit und Unanständigkeit verkommen – eine Obszönität, die man kaum noch in den Mund nehmen mag. Und doch, wir müssen es in den Mund nehmen, denn Liebe ist trotz allem das letzte Wort.