Wie in Trance stand ich noch da, den Telefonhörer in der Hand. Conny, eine Freundin aus Kindertagen hatte angerufen, sie wäre nächste Woche in der alten Heimat und ob wir uns nicht treffen könnten.
Die Freude hätte groß sein sollen, doch die Tatsache, dass sie mit dem einzigen Mann, der mir damals aus unserer riesigen Clique gefallen hatte, verheiratet war, verdarb mir den Spaß. Zudem hatte sie gesagt, “Jörg kommt auch mit!“
Ach je! Nach all den Jahren…wie viele waren es? 35! Ich war das Küken der Clique, Conny ganze 9 Jahre älter, was nie gestört hatte, sie aber für die Männerwelt wesentlich interessanter machte als eine Göre von 16 Jahren.

Im Geiste sah ich Jörg vor mir, seine schwarzen Locken, seine dunklen Augen…hoch gewachsen aber nicht dürr wirkend, dazu hatte er zu viele Muskeln. Total hin und weg war ich, wenn sich seine Küss-mich-Schnute öffnete und die strahlend weißen Zähne jeden frisch gefallenen Schnee in den Schatten stellten.

Damals hatte ich brav die Brautjungfer gemacht und mir meinen ersten (und letzten) Vollrausch angesoffen. Stroh Rum mit Kandiszucker aufgekocht…das kesselt!
Ich war am nächsten Morgen durch einen Schrei geweckt worden. Eine der Reinigungskräfte war mit dem Besen unter das Sofa gegangen und hatte einen leblos wirkenden Arm hervorgefegt….MEINEN! Verschwommen konnte ich mich daran erinnern, nach dem „Genuss“ eines Weinprobegläschens voll besagten Gesöffs einer Hitzewallung zu erliegen, die mich an die kalte Dezemberluft trieb. Dort hatte ein Mann gestanden, der mir eine Latte auf den Kopf knallte...ich hatte plötzlich Schwierigkeiten zu gehen, zu sprechen und mir war kalt.
Als ich hinein ging, stand der Lattenkerl schon wieder da…Peng! Mein Erinnerungsvermögen setzt beim Schrei der Putzhilfe wieder ein….

Gleich nach der Hochzeit waren die beiden in die Nähe von München gezogen und trotz zahlreicher Einladungen kam es nie zu einem Treffen. Später schlief die ganze Sache bis auf Karten zu Weihnachten und den Geburtstagen ein. Als ich heiratete waren die zwei gerade in den USA, aber jetzt endlich sollte es soweit sein.

Am Tag der Verabredung wollte ich nach Jahren wieder einmal zum Frisör, mir noch eine geeignete Kluft zulegen und, und, und…
Zwei Tage vor dem Termin, ich lag gerade auf dem Bauch um eine Wespenspinne zu fotografieren, klingelte mein Handy. Die Nummer haben nur wirklich gute Freunde und meine Familie. Da alle wissen, wie sauer ich reagiere, wenn ich auf der Fotopirsch gestört werde, konnte das nichts Gutes bedeuten.
Conny war dran „Wir müssen umdisponieren, komm doch heute um 15 Uhr in unser altes Cafe, wenn es das noch gibt. Jörg muss morgen schon wieder nach Übersee!“
15 Uhr?? Jetzt hatten wir 13 Uhr, ich lag im Matsch und war gut 120 km vom Treffpunkt entfernt. Bevor ich etwas sagen konnte, hörte ich das „Schüssiiii!“ von Conny.
Im Auto hatte ich saubere Hosen für den Notfall, doch eben auch nur Outdoorlook. Stau auf der Autobahn, telefonieren während der Fahrt. “Ja, Schatz, das ist schon heute, kommst du wenigstens nach?“

Viertel vor drei stürzte ich in das Cafe, das inzwischen eine Kneipe war, rannte zur Toilette, um wenigstens Hände und Gesicht zu waschen. An Kamm oder Bürste hatte ich nicht gedacht. Wozu braucht man das in Wald und Flur?
Auf dem Weg in den Schankraum stieß ich fast mit einem bauchigen Glatzkopf zusammen, der gegen die Wand sprang, um das zottelige Monster nur nicht zu berühren.
Sofort entdeckte ich Conny. Sie passte in dieses Lokal wie ein Kolibri an den Südpol. Hochgetürmte Löckchen, an jedem Finger einen Ring, Kostüm mit Schößchenjacke und hohe Absätze. Durch zuviel Sonnenbank waren Hals und Gesicht faltig wie bei einer Schildkröte. Wo war nur meine fröhliche, unbeschwerte Conny geblieben? „Ich komme gerade aus dem Wald, war auf Fotopirsch“, begrüße ich sie, bevor sie über meine Bekleidung meckern kann.

Ein kritischer Blick kommt über den Rand der Goldbrille mit Steinchen…“Ach, dabei läufst du soooo rum?“ „Nur, wenn mein Chanell-Kostüm in der Reinigung ist“, versuche ich zu scherzen, was aber voll in die Hose geht. „Heike????“ Die Stimme kenne ich! Hinter mir steht der dicke Glatzkopf und ist ebenso erstaunt wie ich. Wenigstens ist er sich nicht zu fein, mir die Hand zu geben. „Das ist aber lange her..“, meint er und mustert mich lächelnd. Seine Zähne sind inzwischen vom Dentisten, das Weiß ist geblieben, aber irgendwie haben sie ihren Reiz verloren. Er hat das typische Bürobleich auf der Haut und sein maßgeschneiderter Anzug müht sich vergebens, aus dieser Figur eine tolle Erscheinung zu zaubern. Wir sitzen wie Fremde etwas einsilbig am Tisch und fühlen uns unwohl. Die Türe fliegt auf und im Rahmen steht mein Mann in Tarnfleck-Hosen, Schnürstiefeln, verdammt engem T-Shirt, Drei-Tage-Bart und zerzaustem Haar. Draußen scheint die Sonne und er muss seine Augen wohl erst an das schummrige Licht in der Kneipe gewöhnen, doch wie er da steht - das Licht der Sonne wie eine Aura um ihn gebettet, schmale Hüften, breite Schultern...nun entdeckt er mich und kommt mit eigenen, wunderschönen Zähnen lachend auf uns zu. „Warum sitzt ihr denn hier drin? Draußen scheint die Sonne, da sind auch Tische!“
Er küsst mich wie immer. Begrüßt dann meine „Freunde“, die inzwischen Fremde sind.
Conny mustert meinen Göttergatten und ich meine, einen Anflug von Neid in ihrem Gesicht zu sehen.

Wer hat eigentlich je behauptet, die erste Liebe verginge nie??