Viele Erlebnisse aus der Vergangenheit werden glorifiziert. Wie war das doch mit der ersten Liebe? Er löste Herzklopfen aus, wenn man nur an ihn dachte. Ein toller Typ! Wirklich? Oder hat man vielleicht das weniger Schöne einfach verdrängt?

Oft bleibt nur das Positive haften, sonst wären die Gedanken an den Jugendfreund vielleicht nur halb so schön.
Er sah ja wirklich gut aus. Doch würde man ihn heute wiedererkennen? Käme auf einen Versuch an. Die Enttäuscung wäre vielleicht vorprogrammiert... Also lassen wir es lieber, oder?

Vielleicht ist es besser, nur in den greifbaren Erinnerungen zu kramen, die vielen Briefe zu lesen und Fotos zu betrachten, auf denen man im zarten Alter von 15, 16 Jahren glücklich lächelnd mit seinem ebenso lächelnden Schwarm zu sehen ist.

Den unerschütterlichen Glauben, in ihm den Mann fürs Leben gefunden zu haben, konnte uns sogar die beste Freundin nicht nehmen. Oder hatte sie etwa auch Interesse an ihm? Er hatte doch ewige Treue versprochen... Dass er später genau diese Freundin heiraten würde, wusste man zu diesem Zeitpunkt zum Glück noch nicht. Es folgte die nächste "große Liebe".

Dass dieser zweite wunderbare Adonis auch noch auf verschiedenen anderen "Hochzeiten tanzte", hätten wir niemals für möglich gehalten... Die Eltern (in diesem Fall: meine) waren mit dem Auserwählten nicht einverstanden, aber das machte die Sache erst so richtig spannend.

Dann kam dieser ernüchternde Moment - viele Jahre später.
Jemand ruft unseren Namen. (Die Stimme kommt uns irgendwie bekannt vor). Wir drehen uns mit klopfendem Herzen um: Da steht er vor uns: Der Adonis aus Jugendtagen, den wir lieben wollten bis ans Lebensende, der sich aber nach ein paar Monaten aus dem Staub machte, um unseren Fängen zu entkommen. "Adonis" kann man ihn nicht mehr nennen, der Zahn der Zeit hat sichtbar an ihm genagt... Nun, wir werden ja alle nicht jünger.

Man hat nur einen Gedanken: Ist er auch von mir enttäuscht?
Ist sein "Du hast dich gar nicht verändert" nur eine höfliche Floskel?

Doch welche Rolle spielt das schon? Zu Hause wartet (in meinem Fall zumindest zu diesem Zeitpunkt) unsere vielleicht "letzte" Liebe auf uns, die wir für die "erste" doch nicht eintauschen wollen. Oder etwa doch?