Doch in der Semperoper gibt es nicht nur Klassisches. Ab und an klingen ganz andere Töne aus dem altehrwürdigen Gebäude. Jazz in der Oper nennt sich das und Bands, Gruppen und Solisten vom Feinsten geben sich dann die Ehre. Oskar Peterson z.B. gab auf seiner Abschiedstournee eines der wenigen Konzerte in Deutschland in der Semperoper (und wir waren dabei – es war unvergesslich!). Barock und Jazz harmonieren auf's Beste, die Stimmung ist jedesmal grandios und nur die lieben Touris sind dann oft völlig enttäuscht.

Wir hatten mal wieder Glück, hatten für Jazz in der Oper nicht nur einfach Karten, sondern sogar einen Spitzenplatz im Parkett weit vorne ergattern können. Und das bei den "Klazz-Brothers & Cuba Percussion" mit "Classic meets Cuba". Neben uns ein älteres japanisches Ehepaar, beide in feinstem Zwirn, das etwas befremdlich auf das sie umgebende Puplikum blickte und offensichtlich keine Ahnung von dem hatte, was sie erwartete. Seltsame Manieren, diese Deutschen, mögen sie sich wohl gedacht haben, kommen alle mit Jeans und Pulli oder T-Shirt zum Konzert in die Semperoper! So wie sie mögen wohl noch etliche andere "Zwirnträger" gedacht haben.

Dann begann das Konzert. Zu den Klazz Brothers möchte ich jetzt nichts weiter sagen, wer die Szene kennt weiß, dass es sich hier um Jazz vom Feinsten handelt. Das Publikum war schnell begeistert, machte mit, überall Bewegung im Rhythmus der Musik. Neben uns die Japaner. Mit versteinerter Mine saßen sie da. Trotz japanischer Zurückhaltung war besonders ihm der Frust anzumerken.

Etwa eine Viertelstunde verging. Der Rhytmus der Musik begann, seine Wirkung auch bei dem japanischen Paar zu zeigen. Zuerst schnippte sie zaghaft mit den Fingern, dann wippten die Füße und bald war der ganze Körper in Bewegung. Ihr Gatte folgte alsbald, gab sämtliche japanische Zurückhaltung auf, war voll mit dabei.

Pause. Das Publikum strömte aus dem Saal, drängte sich um die "Zapfstellen" der bekannten Sponsorbrauerei aus Radeberg. Etliche der "Zwirnträger" in erregter Diskussion. Mehrere ältere Herren eilten zur Garderobe; einige davon sichtlich zwangsweise. Die Japaner hatte ich aus den Augen verloren.

Der Gong. Alles drängte zurück. Etliche Plätze waren jetzt leer, die Zahl der Zwirnträger hatte sich drastisch verringert. Und die Plätze neben mir? Ja, sie waren noch da, die Japaner, er hatte sich den Schlips in die Jackentasche gesteckt, den Hemdkragen geöffnet. Die weißen Handschuhe seiner Dame waren im Handtäschchen verschwunden. Von Zurückhaltung jetzt keine Spur mehr.

Nach dem Konzert, beim Hinausgehen, meinte das Paar auf meine Frage: Ja, sie seien anfänglich zwar etwas enttäuscht gewesen, aber dies wäre nun doch das schönste Erlebnis ihrer Deutschlandreise gewesen.