Also, ich bin sonntags  losgefahren und war kurz vor dem Mittag an besagtem Ort an der Ostsee. Eine Chipkarte für die Tür hatte er mir ja geschickt. Ich hatte Bettwäsche, Handtücher, Tischdecken, Kerzen und all so Zeug mit, und habe dann erst mal die Betten bezogen. Zum Glück gab es zwei Schlafzimmer. Nach zwei Stunden kam er dann. Gut, er sah nicht aus wie 70, eher wie 68. Aber niemals 55, wie er behauptet hatte. Seine Begutachtung fiel so aus, dass er erst mal meine Schuhe und meine Fingernägel kontrollierte. Richtig so "zeig mal deine Fingernägel." Und zu allem Unglück hatte ich mir dann noch einen abgebrochen, was sofort kritisch bemerkt wurde.

 Ich bin dann mit ihm runter, sein Gepäck holen, das hatte er nämlich unten gelassen. Er vorweg, ich hinterher. Der Eindruck von 68 änderte sich schlagartig auf 81, als ich ihn die Treppe runtergehen sah. Dann lief er ne gefühlte halbe Stunde um das Auto rum, gab mir ein paar Beutel in die Hand. Dann wieder Treppe hoch. Er vorweg, ich mit den Beuteln hinterher. Nur um festzustellen, dass die Suppe, die er gekocht hatte und die es zum Mittag geben sollte, noch im Auto war. Also, er noch mal runter. Suppe eine halbe Stunde in die Mikrowelle, und dann stand die lauwarme Suppe endlich auf dem Tisch. Sie machte auch dem Namen "Eintopf" alle Ehre, denn er hatte alles, was er in der Küche gefunden hat, in den Topf geschmissen, nur Fleisch habe ich keins gefunden. Dafür waren auf meinem Teller mindestens 30 schwarze Körner.

Dann nach draußen. Sofort quatschte er zwei Frauen an, die uns auf der Straße entgegenkamen. Stolz verkündete er, dass er das immer so mache und dass er ganz schnell mit Leuten in Kontakt käme und fragte mich, wie ich das fände. "Peinlich" antwortete ich. Die beiden Frauen hatten sich auch nur kopfschüttelnd angesehen. Dann zur Seebrücke, wo ein paar Angler mehr Würmer badeten als Fische fingen. Er sofort hin und fragte:"Na Jungs? Beißen sie?" Ich fragte, was sie angeln würden und ob der Hornhecht schon da sei. Er, nachdem wir zurückgegangen waren: "Hornhecht? Was ist das denn?"

Dann am Strand lang, und ich hatte die ganze Zeit Mühe, ihn mir vom Hals zu halten. Dann weihte er mich in die Kneipenwelt von Rerik ein, wusste von jedem Laden die Entstehungsgeschichte, den Besitzer und die Skandalgeschichten. Nach vier Bier (er) und zwei Wasser (ich) gingen wir die Straße wieder hoch, vorbei an der Ferienwohnung - inzwischen war es halb sieben - und ich sagte, dass ich nun eine Toilette gebrauchen könnte. Das brachte mir ne Standpauke in der Art ein: "Wir waren in so vielen Kneipen, und sind an so vielen vorbeigegangen, warum bist du nicht dort gegangen?" Also hochgezogen und weiter. Noch habe ich gelacht.

Na, irgendwann waren wir dann doch wieder zurück in der Ferienwohnung, und jetzt musste er seine täglichen Schwimmübungen absolvieren. Unten war nämlich ein kleines Schwimmbecken. Ich Badeanzug an, Bademantel drüber und nach unten. Er hatte inzwischen das Zimmer in ein Schlachtfeld verwandelt mit T-Shirt an der Gardinenstange und Socken auf dem Tisch. Also runter, in die Dusche und ab ins Wasser.
In dem Moment, als ich aus der Dusche kam, zog er seine Schlüpper aus und die Badehose an. Ich war inzwischen fünf Bahnen geschwommen, wobei ich für jede Bahn acht Züge gebraucht habe. Er brauchte natürlich etwas länger, denn er musste erst Schwimmflossen anlegen. Und machte dann natürlich eine Welle - ich weiß nicht, wen er damit beeindrucken wollte. In einem Anfall von Mitleid legte ich, als wir beide am Beckenrand angekommen waren, meinen Arm auf seine Schulter. Mit dem Resultat, dass er versuchte, mir seine Zunge in den Hals zu schieben.

Irgendwann gegen halb zehn gab es Abendbrot. Mit Bier suchen, das richtige Messer finden oder tausend anderen Gründen, um aufzustehen, sich wie ein Kreisel um sich selbst zu drehen brachte er es auf eine volle Stunde, bis er seine zwei Stullen gegessen hatte. Mit Häppchen schneiden, Wurst auf der Tischdecke, Flecken und Krümel überall und Vorträgen über alles mögliche. Dann ab vor den Fernseher, er verdünnte den Rest seines Bieres mit einer Flasche Rotkäppchen, und so saß jeder in seinem Sessel, gute drei Meter voneinander entfernt. Nicht ohne die Bemerkung: "Normalerweise würde ein Pärchen nebeneinander auf der Chouch sitzen." Er meckerte pausenlos über das Fernsehprogramm, bis ich sagte:" Dann schalt doch um, du hast doch die Fernbedienung." Sagte "Gute Nacht" und ging ins Bett.

Am nächsten Morgen - er hat mich tatsächlich in Ruhe gelassen - wartete ich, bis er im Bad fertig war und ging dann auch runter, um mir die Zähne zu putzen. Er riss ohne anzuklopfen die Tür auf und fragte, was für ein Brötchen ich denn möchte.  Nun musste er ja schon verkraften, dass ich immer noch im Schlafanzug war, und dann auch noch meine Antwort:"Ein ganz normales".  Jedenfalls rastete er völlig aus und brüllte:"Was ist das denn für eine blöde Antwort? Was ist denn ein ganz normales Brötchen ...." und so ging das noch zehn Minuten, und in einer Pause zum Luftholen sagte ich:"Du brauchst mir kein Brötchen mitbringen." packte meine Sachen und fuhr nach Hause. So war ich Montag mittag wieder hier.

Tja, ich hatte gedacht, mal rauskommen, was anderes sehen und es sich gut gehen lassen wäre nicht schlecht. Und ohne diesen unappetitlichen alten Knacker wäre das vielleicht richtig schön. Na ja, mal wieder ein typischer Fall von Denkste.