Donnerstagmorgen, 30.09.2010. 08:15 Uhr.

10 Neulinge sind wir, das sogenannte Mutterschiff. Wir treffen uns an der Rezeption. Vorstellung im Großteam im Inforaum. Großteam? Was mag das sein?

Das Frühstück war sehr gut, also mache ich mich gestärkt auf. Die anderen sind auch schon da, jeder von uns ist sichtlich nervös und angespannt. Wir begeben uns zum Inforaum, suchen uns einen Platz, sitzen nebeneinander, wie die Hühner auf der Stange.

Die Vorstellung beginnt. Georg, Gründer und Inhaber der Klinik stellt sich vor, erzählt von seinen Vorstellungen, die er hatte, als er die Klinik gründete nach Bad Herrenalber Modell, Lebensschule nennt er seine Klinik. Ich schaue skeptisch. Lebensschule? Hab ich nicht schon genug gelernt in diesem Leben? Sind es nicht grade meine Erfahrungen, die mich schlussendlich hierher gebracht haben?

 

Georg stellt einen nach dem anderen seines Teams vor, Ärzte, Psychologen, Therapeuten, Leitung der Hauswirtschaft, Pflege etc. und dann sind wir an der Reihe. Jeder stellt sich vor, sagt Namen, Alter, woher man kommt, warum man hier ist, welche Ziele man mit dem Klinikaufenthalt erreichen will.

 

Ich bin an der Reihe, hi, ich bin Nika, 57 Jahre alt, aus Köln, lebe seit der Trennung von meinem Mann vor 10 Jahren in Nürnberg. Ich habe mich wegen Alkoholismus von meinem Mann getrennt, vor 5 Jahren ist er an den Folgen des Alkoholismus gestorben. Ich bin hier wegen schwerer Depressionen, Suizid-Gedanken und Angstattacken. Meine Ziele? Ich möchte das Leben wieder lebenswert finden und vor allem möchte ich herausfinden, wer bin ich? Irgendwo auf meinem Weg im Leben habe ich mich verloren und ich möchte mich wiederfinden.

 

Die Vorstellungsrunde ist beendet, seit gestern haben wir unseren Text schon 4 Mal in den unterschiedlichsten Runden aufgesagt. Es ist anstrengend und vor allem nicht einfach.

Ich schaue auf meinen Plan, was ist jetzt an der Reihe? Aha, Computerbefragung. Wieder mache ich mich auf die Suche nach dem Raum, in der diese Befragung stattfindet, stehe vor der richtigen Tür, klopfe an, Die Tür wird geöffnet, ich nenne meinen Namen und den Namen meiner Kerngruppentherapeutin, bekomme einen Platz an einem Computer zugewiesen, muss dort viele Fragen zu meiner Lebenssituation etc. beantworten. ! Stunde dauert es.

 

Was haben wir jetzt? Auf meinem Plan steht zeit der Stille. In der Zeit der Stille hat man mehrere Möglichkeiten, autogenes Training, Qi Gong, progressive Muskelentspannung oder einfach nur meditieren in Meditationsraum. Ich entscheide mich dafür, nichts von dem zu machen, sondern auf mein Zimmer zu gehen und die Beine hochzulegen in diesen 30 Minuten. Danach Mittagessen und Einführung in die Essstruktur. Verdammt, was ist denn jetzt Essstruktur? Da wollen sie mich ja wegen einer Essstörung auch reinstecken, hat mir meine Kerngruppentherapeutin ja schon mitgeteilt. Ich kann damit so gar nichts anfangen, bin ich doch kein Überesser, habe keine Bulimie und Magersüchtig bin ich weiß Gott auch nicht.

 

Na dann, auf zur Einführung in die Essstruktur, mit mir noch 2 weitere aus meinem Mutterschiff.

Uns wird erklärt, dass in dieser Essstruktur nach strengen Regeln gegessen wird, pünktliches erscheinen zu den Mahlzeiten, die Portionen müssen immer gegessen werden und alles muss gegessen werden, denn es ist nur Essen. Wir sollen lernen, Gefühle von Essen zu trennen.

 

Aha, ich versteh im Moment nur Bahnhof. Am nächsten Tag sollen wir uns nach dem Mittagessen in der zuständigen Gruppe und bei der Therapeutin, die die Gruppe leitet, melden.

 

Nachmittags geht es weiter. Wieder Vorstellung mit Therapeuten, diesmal mit den andern Mitpatienten und Patientinnen, der Therapiegemeinschaft.

Wieder sitzen wir wie verängstigte Hühner nebeneinander.

Was kommt jetzt?. Die Komiteeleitungerklärt - Komitee nennt man diese Zusammentreffen der Therapiegemeinschaft, die 5 mal die Woche stattfinden und die Komiteeleitung besteht aus zwei Mitpatienten – , dass sich jetzt erst mal die anderen vorstellen werden und dann wir, danach können wir uns aus der Gemeinschaft einen Paten/Patin wählen. Diese sind dafür zuständig uns Antworten auf Fragen zu geben, evtl. kleinere Besorgungen zu machen, da wir ja die ersten 14 Tage das Klinikgelände nicht verlassen dürfen und von ihnen bekommen wir auch unsere Tasse.

 

Dazu muss ich sagen, diese Tasse ist wichtig, jeder hat hier seine eigene Tasse, das Standardgetränk der Klinik ist Tee, den man sich zu jeder Tageszeit zubereiten kann. Alle Teesorten außer schwarzem Tee sind vorhanden. Schwarzen Tee und Kaffee gibt es nur morgens. Auch das sind Fastenvereinbarungen, die während des ganzen Klinikaufenthaltes gelten, genauso wie nicht rauchen und keinen Alkohol zu trinken.

 

Also wieder mal vorstellen, ich bin müde und erschöpft. Mein Name wird aufgerufen und wieder sage ich meinen Text. Die Komiteeleitung fragt mich ob ich rauche. Nein, ich habe schon vor 10 Jahren aufgehört, Alkohol trinke ich auch keinen, auch sonstige Süchte habe ich keine, Selbstverletzerin bin ich auch nicht, ja am Kontakt fasten nehme ich teil, ja, Suizid-Gedanken habe ich manchmal. Daraufhin bekomme ich zum Paten auch noch einen Lebenssponsor, jemanden aus der Gemeinschaft, der schon gefestigt ist, diese Gedanken aber gut kennt.

 

Danach Abendessen, noch ein wenig unterhalten mit den anderen aus meinem Mutterschiff und dann erschöpft ins Bett. Die Nacht ist unruhig. Morgens habe ich das Gefühl überhaupt nicht geschlafen zu haben. Mit meiner Zimmergenossin konnte ich auch noch nicht viel reden.

6:30 Uhr ist Frühsport, nach einigen sportlichen Übungen erhalten wir Unterweisung im meditativen gehen. Um 7:00 Uhr treffen wir uns im Meditationsraum und erhalten eine Einführung im meditieren. Meditiert wird jeden Morgen nach dem Frühsport 15 Minuten.

 

Danach Frühstück, wieder eine Einführung, diesmal in das Konzept der Klinik, wieder vorstellen, dann Zeit der Stille. Mittagessen u d dann das erste Mal Essstrukturgruppe.

Wir drei Neuen werden begrüßt, die anderen stellen sich vor, dann wir.

 

Ich fange an, nenne meinen Namen, sage weswegen ich in der Klinik bin - langsam kann ich meinen Text singen - und beginne dann, also warum ich jetzt hier in der Esssuchtgruppe bin, weiß ich beim besten Willen nicht, ich bin nicht Esssüchtig, habe keine Bulimie, bin auch nicht Magersüchtig und werde daraufhin von der Therapeutin gefragt, wie denn mein Essverhalten sei.

Ich antworte, dass ich seit meinem 15. Lebensjahr täglich mein Gewicht kontrolliere und mein Essen danach abstimme, das ich allerdings auch schon Gewichtsschwankungen von +/- 30 kg hatte in meinem Leben, dies aber immer in den Griff bekommen habe und das ich meine Waage deswegen auch mit in den Urlaub nehmen. 

Lautes Gelächter in der Runde und alle rufen „Willkommen in der Essstruktur“.

Auch hier wird mir ein Sponsor zugeteilt, diesem muss ich das Tablett mit meinem Essen vor Beginn der Mahlzeit zeigen und auch nachdem ich gegessen habe. Die Essstruktur hat im Gegensatz zu den anderen, einen festen Platz, es wird innerhalb der Gruppe immer gemeinsam gegessen.

 

 

 

 

Ich weiß noch nicht, dass dies meine nächste Kaputialtion sein wird.

 

 

Oberstdorf, 31.09.2010

Nika Nachtwind