Ich bin etwas ratlos. Ich hatte es ja erwartet, irgendwie. Und dann kam gestern der Anruf. Von meinem jüngsten Sohn. Was ich denn davon halten würde, wenn er die Umschulung zum Hotelfachangestellten abbrechen würde und eine Ausbildung zum Erzieher machen würde? Ich bin stolz auf mich, ich blieb ruhig! Das war nicht leicht, denn mit meinem Sorgenkind ist es so:

Er ist Legastheniker. Normale Intelligenz, hat die mittlere Reife geschafft, könnte auch das Abitur schaffen – wenn er nicht selber schreiben müsste und etwas mehr Zeit bekäme in Arbeiten und Prüfungen. Konzentrationsprobleme hat er außerdem, jeder der sich mit diesem Problemfeld Legasthenie befasst hat weiß wovon ich spreche, die anderen verstehen meist schlicht nicht, warum jemand, der sich richtig gut ausdrücken kann, der ‚normal’ aussieht, der auch lesen kann ohne größere Probleme (es war nicht leicht ihn ans Lesen heranzuführen, aber es hat sich gelohnt und er liest gut, allerdings schleichen sich nach einiger Zeit die Fehler ein) warum so jemand Probleme beim Schreiben haben soll. Sie reagieren mit Unverständnis und Ärger, glauben einfach nicht, dass er nicht durch ‚richtiges Üben’ besser wird. Denken dann: ‚Das hat er doch gestern richtig geschrieben, wieso kann der das denn heute nicht mehr? Der veralbert uns doch!’

Wir haben es oft genug miterlebt. Er hat eine Ausbildung in der Industrie mit viel Hilfe abgeschlossen (es gibt da vom Arbeitsamt Hilfen für Lehrlinge und ich bin denen unendlich dankbar – hat man ja selten beim Arbeitsamt, heh?). Er kam dann aber im täglichen Umgang mit den Kollegen nicht gut zurecht, da geht es knallhart zu und er fügt sich schlecht ein, ist von mir erzogen seine Meinung zu vertreten und Rückrat zu zeigen. Tja, war wohl falsch ihn so zu erziehen, ohne Rückrat hätte er es sicher viel leichter gehabt bisher, das steht mal fest. Mein Sohn hat einen klaren Blick für Arbeitsabläufe und traute sich dann, seine Meinung zu sagen wenn etwas falsch lief. Da hatte er dann schon verloren, als Lehrling, als jemand, der nicht mal richtig schreiben kann. Die haben sogar versucht, ihm jetzt mal ordentlich die Grundlagen der Rechtschreibung beizubringen! Wäre doch gelacht, hat ja noch jeder gelernt! Komisch, die haben nach drei Wochen aufgegeben.

Ihr könnt euch ja vorstellen, was für einen Stand mein Sohn dann in dem Betrieb hatte. Sie haben ihn auch nicht übernommen. Er war sogar etwas besser als der andere Lehrling, aber der war halt angepasster.

Nach zweieinhalb Jahren Arbeitslosigkeit ein Job als Hilfsarbeiter in der Industrie, ging nur einen Monat gut, er wurde dann krank. Ja, wenn Probleme auftauchen wird er krank. Es hat nichts mit der Arbeit zu tun, würde man ihn einfach arbeiten lassen, wäre alles kein Problem. Aber so ist es ja nicht im Arbeitsleben, es hat ja auch mit Hackordnung, mit Anpassen, mit kollegialem Miteinander zu tun. Und wie es da aussieht weiß doch wohl jeder von euch, oder?

Dann kam die Umschulung und sie machte ihm Spaß, aber jetzt kommen halt wieder die schulischen Sachen und er wird wieder unter Druck gesetzt mit Bemerkungen wie: Ein Hotelfachangestellter muss alles am Computer machen können, ohne das geht gar nichts mehr! Vielleicht ist das so, aber mit dem Computer kommt er zurecht, wenn man ihn denn lässt. In einer Ausbildung eher unwahrscheinlich, ich weiß.

Dass er noch nicht verzweifelt ist bei dem Ärger, den die am Arbeitsamt mit ihm veranstalten, ihm einfach das Geld kürzen und ihn immer wieder auflaufen lassen ist ein wahres Wunder. Natürlich ist er depressiv und ich musste ihn oft auffangen. Ich bin aber selber am Ende meiner Kräfte, habe dieses Jahr beide Eltern innerhalb kurzer Zeit verloren und weiß einfach nicht mehr weiter. Ja, er lebt schon seit einigen Jahren alleine, er ist mittlerweile 25 Jahre alt und muss seinen Weg selber finden. Versucht er ja auch. Gut, dass er noch so jung ist, man steckt solche Schwierigkeiten noch besser weg.

Ich kann bald nicht mehr, soviel ist sicher.