Eine Woche war es nun her. Falk stand seither unter Schock. Reagierte wie eine Marionette, Seine Bewegungen wirkten unkoordiniert und seine Mimik eingefroren. Sein Gesicht zur weißen Maske erstarrt. Falks Seele war mit seiner Liebsten gegangen. Sein Herz seitdem eine Lebensfunktion erhaltende Maschine, die eiskaltes Blut durch seinen Körper pumpte. Seine Tränen restlos eingefroren.
Falk saß mit hängenden Schultern am Frühstückstisch. Er starrte auf den alten Kaffeepott aus Steingut. Der Rand voller Kitschen. Im Henkel ein Riss. Eigenhändig bemalt mit Sonjas Handschrift. Enzianblaue Schrift auf grau-beigefarbenem Grund. Zwei, Worte, mehr als ein Buch besagen konnte: „Geliebter Schuft“. Falk nahm den letzten Schluck Schlabberwasser. Er konnte immer noch keinen vernünftigen Kaffee kochen. Drehte bedächtig den Pott, hielt ihn in der linken Hand und fuhr mit seinem rechten Zeigefinger über die gemalten Worte. Mit geschlossenen Augen. Er konzentrierte sich auf jede Unebenheit und Erhebung. Zart folgte seine große Männerhand der sinnlichen Berührung seines Fingers. Mit jeder Linie, jedem kleinen Bogen, jedem Buchstaben, den er ertastete, spürte er Sonjas Liebe. Ihren eigenwilligen Charakter. Ihr lebenslustiges Wesen. Ihren erfrischenden Charme, mit dem sie die Welt verzaubert hatte. Bis zu jenem Tag…
Nun saß Falk alleine an dem großen Tisch. Er öffnete die Augen und sah auf die ramponierte Tasse. Ein Gedankenblitz durchzuckte ihn. Ob sie länger überlebte als er? Sie hatte ihre beste Zeit schon lange hinter sich. Selbst bei seiner liebevollen Behandlung hatte sie Blessuren erlitten. Voller Kerben und Risse. Sie glich dem faltenreichen Antlitz einer alten Frau. Nur die blaue Schrift wirkte unversehrt. Diese zwei Worte. Voller Liebe, handgemalt. Hinter dem „r“ ein winziges rotes Herz. Falk seufzte schwer. Fast unwillig stellte er die alte Tasse auf den Tisch. Morgen würde er sie austauschen. Es standen noch andere im Küchenschrank. Er war nicht länger in der Lage, sich täglich schmerzhaft erinnern zu lassen…
Sinnend blickte er aus dem Küchenfenster. Wochenlang hatte sich der Sommer nicht mehr blicken lassen. Doch heute schien das Wetter zu wechseln. Der Himmel voller Cumuluswolken, durch die die Sonne ihre Strahlen zur Erde schickte. Falk seufzte erneut. Ihm war es egal. Sonnenschein würde seine Stimmung nicht verbessern. Die Sonne seines Lebens schien nicht mehr. Ihre Strahlen wärmten ihn nicht. Nie mehr…
Falk zuckte zusammen. An seiner Wohnungstür klingelte es Sturm. Unwillig stand er auf und öffnete die Tür. Missmutig schaute er auf den Störenfried und erstarrte. Sein Marionettenkreuz - spielerlos. Regungslos, mit hängenden Armen und ungläubigem Staunen blickte er auf sein Gegenüber. Eine heiße Welle pulsierenden Blutes durchströmte seinen Körper. Die bereits gewohnte Starre wich…
Ein oder zwei Schritte trennten sie. Eine entscheidende Distanz, die über Himmel oder Hölle entschied. Die Marionette erwachte zum Leben. Die hölzerne Figur verwandelte sich in warmes Fleisch. Falk spürte seinen wilden Herzschlag, der ihm den Atem raubte. Dort stand sie. Seine Sonja. In ihren Augen las er die Botschaft. Mit tränenfeuchten Augen riss er sie in seine Arme und stammelte: „Verzeih’, es tut mir leid…“
Sonja schmiegte sich kurz in seine Arme, straffte ihre Schultern und machte sich frei. Mit ernster Stimme sagte sie: „Wir müssen reden – geliebter Schuft“
und um ihre Lippen spielte ein leises Lächeln…
Bildquelle Pixelio, Fotograf Ingo Neumann
Text © Doris Sponheimer
FALK
starrte auf den alten Kaffeepott aus Steingut. Der Rand voller Kitschen. Im Henkel ein Riss. Eigenhändig bemalt mit Sonjas Handschrift...
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