Zum 3. Male bin ich dabei. Bei den anderen Aufstellungen habe ich nicht selbst aufgestellt, aber sehr viel für mich daraus mitnehmen können. Sehr vieles was ich reflektiert habe. Sehr vieles, das ich im Bezug - z.B. auf meinen Sohn – anders sehe und anders damit umgehe, was dann wieder für uns beide im Umgang miteinander sehr hilfreich ist und ich habe dadurch eines gelernt, ihn loszulassen, ihn seinen eigenen Weg gehen zu lassen, zu akzeptieren, es ist sein Leben und mit 21 ist er alt genug sein Leben selbst bestimmend zu leben.
Beim letzten Male hatte die Familientherapeutin gemeint, sie sähe es als wichtig an, wenigstens einen Teil meiner Herkunftsfamilie aufzustellen und so habe ich mich entschlossen, sollte ich heute aufstellen können, werde ich an der Beziehung, bzw. Nichtbeziehung zu meiner Mutter arbeiten.
Und ja, ich stelle heute auf, werde gefragt, was ich stellen will, was ich damit erreichen will. Ich erzähle aus meiner Kindheit. Meine Mutter, die mich nie wollte, die mir zwar das Leben gegeben hatte, aber nur unter Zwang, da mein Vater ihr mit Strafanzeige gedroht hatte, wenn sie abtreiben ließe, die zweimal versucht hat, mir dieses Leben wieder zu nehmen. Von der ich immer nur Ablehnung erfahren habe, die mich verantwortlich gemacht hat für ihr Leben, denn nur weil ich auf der Welt bin, geht es ihr so schlecht. Wenn ich nicht gewesen wäre, dann wäre ihr Leben anders verlaufen. Wenn ich nicht gewesen wäre, dann hätte sie nie meinen Vater geheiratet und hätte später ihre große Liebe heiraten können, die nur daran gescheitert ist, dass sie 2 Kinder hatte. Warum hat sie dann meinen Bruder noch bekommen?
Ich will sie abgeben, diese Last die Zeit meines Lebens auf meinen Schultern lastet. Diese Last, diese Bürde, die nicht mir gehört. Die Verantwortung für ein Leben, welches nicht meines ist.
Ich will verstehen können, warum sie so gehandelt hat, mich so behandelt hat.
Ich suche jemanden aus, der meine Mutter stellt. Stelle sie in eine Entfernung, die meinem Gefühl nach passend erscheint.
Beim Familienaufstellen passieren merkwürdige Dinge, das habe ich bei den letzten beiden Malen schon erlebt. Man hat plötzlich Empfindungen, die einem fremd sind, ist in dieser Rolle, die man doch aus eigenem erleben gar nicht kennt. Eine weitere Patientin wird von mir ausgesucht, sie steht für mein inneres Kind. Auch sie stelle ich an einen Punkt, den ich für richtig halte, doch sie bewegt sich auf die „Mutter“ zu. Diese steht wie fest gewurzelt, fängt an zu weinen.
Die Therapeutin fragt die beiden, wie sie sich fühlen. Die Tochter spürt Kälte, Abneigung, fühlt sich selbst auf Abwehr. Die Mutter fühlt sich gefangen, in sich gefangen, will auf das Kind zugehen, kann es nicht. Jetzt stelle ich mich selbst dazu als die erwachsene Tochter. Auch ich empfinde eine enorme Abwehr, mein Körper ist angespannt, die Beine durchgedrückt, der Rücken die Schultern gehen nach hinten. Ich äußere diese Empfindung, äußere die Schwere der Last, die ich empfinde. Zu meiner Mutter wird jetzt der Vater gestellt. Seine Empfindung, für die Mutter empfindet er nichts, zur Tochter fühlt er sich hingezogen. Die Mutter fühlt sich überfordert.
Die Therapeutin sucht jemand anderen aus, das Schicksal der Mutter. Zu mir wird noch mein Selbst, als meine Kraft, mein Selbstbewusstsein gestellt. Ich nehme beide in den Arm, mein inneres Kind und mein Selbst. Sie werden gefragt, wie sie sich fühlen, das Kind fühlt sich behütet und angenommen, das Selbst fühlt viel Kraft und Stärke, beiden geht es gut.
Nun nimmt die Therapeutin etliche Decken aus dem Schrank, sie symbolisieren das Paket der Verantwortung, die Last, die ich trage und gibt sie mir in die Arme und sagt, was machst du jetzt damit. Ich fordere mein Selbst und mein inneres Kind auf, mit mir auf die Mutter zuzugehen und übergebe ihr dieses ganze Paket mit den Worten, das ist deines, ich werde diese Last, die nicht mir gehört, nicht länger tragen. Ich trage die Verantwortung für mein eigenes Leben und du musst die Verantwortung für dein Leben tragen. Dann nehme ich mein inneres Kind und mein Selbst wieder in den Arm. Wir werden gefragt, wie es uns geht, den beiden geht es gut und auch mir, ich fühle mich unendlich erleichtert. Die Therapeutin sieht mich mit meinem inneren Kind und meiner Kraft im Einklang und meint, ich sei auf einem guten Weg.
Nun wird die Mutter gefragt, wie es ihr geht. Sie fühlt sich überfordert, gezwungen zu etwas, das sie nicht will, gefangen in ihren Gefühlen, in sich selbst. Sie würde gerne auf dieses Kind zugehen, kann es nicht und die Last die sie trägt ist viel zu groß für sie. Es sei nicht alles ihres. Sie wird aufgefordert einen Teil der Last, die sie von mir bekommen hat weiterzugeben. Sie nimmt einen Teil und übergibt diese dem Vater. Beide werden gefragt, wie sie sich fühlen. Der Vater antwortet, für ihn stimmt das so. Zur Frau habe er immer noch keine Beziehung, da zieht ihn nichts hin, doch auch die Tochter ist weit entfernt von ihm, Gefühle sind da, aber nur minimal.
Die Mutter fühlt sich besser, ja so stimmt die Verteilung der Verantwortung, damit kann sie leben.
Wir lösen die Aufstellung auf, ich entlasse jeden aus seiner Rolle und wir setzen uns. Es gibt noch eine Gesprächsrunde und werden dann aus dieser Runde entlassen mit den Worten, das diese Aufstellung bei allen Beteiligten noch Nachwirkungen haben kann, wir sollen uns dann darüber austauschen und bei Gesprächsbedarf zu ihr kommen.
Ich fühle eine unendliche Erleichterung, ich weiß, den Kontakt zur Mutter werde ich, nicht aufnehmen, im Moment zumindest nicht und ob überhaupt, weiß ich noch nicht. Doch es ist keine Last mehr für mich. Ich kann für mich akzeptieren, sie war zu jung, wollte kein Kind, war mit Familie überfordert und konnte aufgrund ihres eigenen Familienhintergrundes, ihre Erfahrungen als Kind im Krieg nicht anders handeln, sie kam aus ihrem Gefängnis nicht heraus, hatte die Kraft nicht.
Doch damit kann ich heute leben ohne ihr weiter Vorwürfe zu machen, ohne zu fragen warum. Es war so, es ist ein Teil meines Lebens, ich habe ihn hinter mir gelassen. Die Verletzungen dürfen jetzt heilen ohne immer wieder aufzubrechen.
Nachmittags in einer anderen Gesprächsrunde mit dem Therapeuten, der auch die Einstellungsarbeit macht, sage ich zu ihm, du, mein Einstellungssatz hat keine Kraft mehr für mich. Er schaut mich an, überlegt kurz und meint dann, wie wäre es denn mit „ich habe euch etwas zu geben“. Ich sage den Satz ein paar mal vor mich hin, ziemlich unsicher, er schaut mich an und fragt mich „und jetzt grübelst du, was du zu geben hast? „ja“, und er mit einem Lachen „na, dann mach mal weiter“.
Also, beginne ich ab jetzt meine Vorstellung in Gesprächsrunden mit den Worten „ich habe euch etwas zu geben, hi ich bin Nika“.
Was ich zu geben habe, finde ich auch noch heraus.
Text: Nika Nachtwind
